Herr Thurnheer, wie stark ist das Kribbeln schon?
Es steigert sich von Tag zu Tag. Jetzt sind alle anderen Sachen erledigt und ich kann mich voll und ganz auf die Fussball-WM konzentrieren. Es ist nur noch von einem Thema die Rede, die Vorfreude hat endgültig begonnen.
Es wird Ihre letzte WM als Kommentator sein. Was haben Sie in Brasilien vor, ausser die 16 Spiele zu kommentieren?
Viel Zeit für andere Dinge habe ich leider nicht. Vor jeder Partie steht eine längere Reise auf dem Programm. Es wird daher kaum einen Tag geben, an dem ich nicht entweder fliege oder einen Match kommentiere. Ich hoffe nicht, dass ich mit dem Koffer ins Stadion gehen muss (lacht), aber die logistische Herausforderung ist schon sehr gross. Die Vorstellung, dass die Reporter mit der schwarzen Limousine abgeholt und ins Stadion chauffiert werden, ist leider nur fiktiv.
Auf welche Partie freuen Sie sich besonders?
Wie immer auf meinen ersten Match. Glücklicherweise wird das Spanien gegen Holland sein, also die Neuauflage des letzten WM-Finals.

(1975)
An der wievielten Weltmeisterschaft werden Sie in Brasilien kommentieren?
Wenn man die Zeit beim Radio mit dazu zählt, ist es meine zehnte WM als Journalist. 1974 begann alles, als ich als Radio-Schaffender in die damalige Bundesrepublik Deutschland reisen durfte. 2002 hatte das Schweizer Fernsehen die Rechte nicht.
Was hat sich in diesen 40 Jahren als Kommentator an einer WM verändert?
Der technische Fortschritt ist wohl die markanteste Veränderung. An der WM 1978 in Argentinien musste ich noch ins Hauptpostamt von Buenos Aires gehen, um nach Hause telefonieren zu können – heute kaum vorstellbar. Es gab noch keine Handys, aber man konnte damals auch noch nicht aus dem Hotelzimmer ins Ausland telefonieren. Früher war man als Kommentator der Beste, wenn man am meisten wusste und die meisten Informationen hatte. Mit dem Einzug des Internets hat sich das schlagartig geändert. Heute wissen leider alle genau gleich viel wie ich (lacht). Im Grunde muss ich heute viel weniger vorbereiten als damals, denn es wird dir alles pfannenfertig auf dem verschiedenen Internetportalen serviert.

(undatiert)
Sie sagen also, dass Ihr Job von Jahr zu Jahre angenehmer wurde?
Eigentlich nicht, er wurde einfach weniger anspruchsvoll. Die Aufgabe hat sich im Grundsatz geändert. An einer WM vor 30 Jahren begann die Sendung fünf Minuten vor dem Spiel und endete fünf Minuten danach. Heute ist das eigentliche Spiel gerade mal noch das mittlere Drittel der gesamten Übertragung. Viele Merkmale, wie das Stadion, das Wetter, die Zuschauer, oder die Taktik der beiden Teams werden schon im Vorprogramm beleuchtet. Als Kommentator muss man heute nur noch die Emotionen rüberbringen, was schwieriger ist, als es scheint. Man kann nicht künstlich brüllen, wenn ein Tor fällt, das merkt der Zuschauer sofort. Man muss dementsprechend dennoch gut informiert sein und sich in das Geschehen hinein versetzen, um die echten Emotionen zeigen zu können.
Wie bereiten Sie sich auf die Spiele vor? Erledigen Sie das Spiel für Spiel, oder bereiten Sie sich schon auf alle 16 Partien von der Schweiz aus vor?
Früher informierte ich mich immer über alle Turnier-Teilnehmer. Seit es 32 sind, konzentriere ich mich auf die Teams, welche ich kommentiere. In der Vorrunde sind das heuer elf Spiele mit 16 verschiedenen Mannschaften. Ich spekuliere aber auch bereits, welche Teams in die Achtel- und Viertelfinals vorstossen könnten. Auf 20 der 32 Mannschaften bin ich vorbereitet, bevor ich abreise. Am Turnier selber hat man kaum Zeit dafür.
Welches war Ihr persönliches WM-Highlight aus Ihrer Zeit als Journalist?
Als die Schweiz 1994 in den USA das erste Mal nach 28 Jahren wieder mit von der Partie war. Sobald das eigene Land vertreten ist, ist das Interesse der Leute um ein Vielfaches grösser.

(Zusammen mit Günter Netzer (links) 1995)
Wie sehen Sie die Chancen der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft in Brasilien?
Sie wird die Vorrunde überstehen. Danach kommt es darauf an, ob im Achtelfinal Argentinien wartet. Falls es zu dieser Partie kommt, prognostiziere ich der Schweizer Nati ein Ausscheiden, ansonsten ist alles möglich.
Nach der WM kommentieren Sie weiterhin Spiele in der Super League. Am 13. Juli dürfen Sie bereits den 9. WM-Final kommentieren. Wäre das nicht ein perfekter Abschluss Ihrer Kommentatoren-Karriere?
Es ist ein schöner Abschluss meiner internationalen Karriere.

(2001)
Das "Sportpanorama" moderieren Sie noch bis Ende 2014. Wie lange werden Sie noch beim SRF zu hören und sehen sein ?
Das weiss ich noch nicht. Ich versuche von Jahr zu Jahr etwas kürzer zu treten. Das SRF und ich können nach jeder Saison einen Schlussstrich ziehen. Das Schweizer Fernsehen macht so viele Sendungen, mehr als ARD, ZDF und RTL zusammen. Da braucht es genügend Leute, und es herrschen immer wieder Engpässe. Deshalb scheu ich mich, die Wörter "nie mehr" zu benutzen, denn kaum nimmt man diese in den Mund, springt man irgendwo ein. Ich habe aber Angst davor, dass es heisst: "Der Thurnheer kann nicht aufhören." Das will ich nicht und deshalb spekuliere ich nicht auf solche Sondereinsätze.
Ein definitiver Schluss ist demnach nicht absehbar?
Nein, aber das Ziel ist, jedes Jahr dem Faktor Null-Tag näher zu kommen, diesen aber niemals zu erreichen. Ich mache ja nicht nur Fernsehen, sondern bekomme auch immer wieder Anfragen für beispielsweise 1. August-Reden oder sonstige Vorträge oder Lesungen aus meinen Büchern.
Werden Sie diesen Aufgaben nach Ihrer Fernseh-Karriere weiterhin nachgehen?
Natürlich. Das Fernsehen darf dann doch eines Tages beendet sein. Alle Prognosen stimmen aber meistens nicht und deshalb gebe ich auch keine konkrete ab.

(1998 mit dem offiziellen WM-Ball für Frankreich "Tricolore")
Wann kamen Ihnen die Gedanken auf, den Null-Tag anzupeilen?
Seit ich 60 bin, wobei ich teilweise schon mit 50 an diesen Gedanken herumspielte. Die Pensionierung ist eines der grossen Probleme der heutigen Gesellschaft - gerade für all diejenigen Leute, die sich über ihren Beruf im Leben definieren. 99 Prozent der Menschen verdrängen dieses Problem. Auch viele Journalisten, die nur ein paar Jahre jünger sind als ich und mich immer mit dem Rücktritt-Thema festnageln, tun dies. Wenn ich zurückfrage, wie es dann um sie steht, merke ich, dass sie sich noch überhaupt keine Gedanken zu ihrer Pensionierung gemacht haben. Sie werden dann mit 65 gegen eine Wand laufen. Das versuchte ich zu vermeiden und habe deshalb schon mit 60 begonnen, etwas zurückzustufen. Ich habe die Luxus-Ausgangslage, dass ich es selber steuern kann.
Dementsprechend war das Aus von "Benissimo" nicht der ausschlaggebende Punkt?
Das Aus vor zwei Jahren steuerte seinen Teil zu diesem Reduktionsprozess bei. Ich habe seit ich 60 bin an allen Orten zurückgeschraubt, was die Leute gar nicht merkten. Die Zuschauer merken es erst, wenn eine Sendung ganz von der Bildfläche verschwindet. Mit "Benissiomo" fiel ein ganz grosser Brocken weg. Es waren fünf Sendungen im Jahr mit einem Arbeitsaufwand von 50 Tagen.
In den letzten Jahren wurden Sie immer wieder wegen Ihrer Versprecher während des Kommentierens kritisiert. Inwiefern nagte diese Kritik an Ihnen?
Natürlich werde ich lieber gelobt als kritisiert, aber der subjektive Eindruck, dass ich mehr kritisiert werde als andere, hängt wohl mit dem Internet-Zeitalter zusammen. Jeder weiss über alles Bescheid. Und der Name Thurnheer generiert nun mal auch gute Schlagzeilen für eine Zeitung oder gute Klickzahlen für ein Onlineportal.

(1986 bei der WM in Mexiko)
Wie sieht Ihr Leben nach der Karriere aus?
Ich werde es geniessen. Mehr Pause machen, mehr Zeit für meine Partnerin und mich selber aufbringen. Ich reise sehr gerne und muss mich fortan nicht mehr so oft an fixe Termine halten.
Werden Sie demnach die beiden nächsten Weltmeisterschaften in Russland und Katar als Fan besuchen?
Möglicherweise. Ich begann Striche zu machen für alle Länder, in denen ich schon war. 87 konnte ich bereits abstreichen, in Europa fehlen mir nur noch Estland, Lettland und Litauen. Die Schweizer Fussball Nationalmannschaft wurde mit zwei dieser Länder in die gleiche Europameisterschafts-Qualifikationsgruppe gelost. Somit werde ich mir, wenn möglich, die beiden Auswärtspartien vor Ort zu Gemüte führen. Erstens sehe ich zwei Partien, die mir Freude bereiten und zweitens kann ich danach zwei Striche machen (lacht) und wäre dann schon bei 89. 100 sind das Ziel. In Katar war ich auch noch nie. Allerdings glaube ich nicht, dass die WM 2022 in Katar stattfinden wird, nach den neuesten Entwicklungen.
Was machte Ihnen jeweils mehr Spass: Das Kommentieren von Fussball-Partien, die Curling-Turniere an olympischen Winterspielen, oder ganz etwas anderes?
Alles hat seinen Reiz, aber Fussball ist schon die Weltsportart Nummer Eins. Der Kick ist dort am grössten, wo die meisten Zuschauer zusehen. Das ist definitiv der Fussball, gerade die Spiele mit Schweizer Beteiligung.

(2004 vor den olympischen Spielen in Athen)
Sammeln Sie vor den grossen Turnieren jeweils auch die Panini-Bilder?
Ja. Das ist eines dieser Dinge, die für mich zur Vorbereitung mit dazu gehören. Nirgendwo hat man die Spieler derart präsent wie bei den Panini-Bildern. Meistens werden sie jedoch bei den Hymnen fotografiert und blicken etwas komisch in die Kamera. Auch wenn das Heft nicht zu 100 Prozent Transparenz bietet, dient es immer als Basis der Vorbereitung. Eine gute Ausrede, wenn man persönlich einfach gerne Panini-Bilder sammelt.
Welches war Ihr erstes Panini-Album?
USA 1994. Allerdings packte ich die Gelegenheit beim Schopf, eines Tages alle alten Panini-Hefter vollständig zu kaufen. Somit ist meine Sammlung seit England 1966 voll. Das aktuelle Heft werde ich wohl nicht mehr ganz vollkriegen bis zum Kick-Off am Donnerstag. Ich hoffe, es erzielen nicht genau diese rund 60 Spieler die Tore, deren Bildli mir noch fehlen (lacht).
Interview und Hauptbild: Marco Lüthi, Bilder: zVg.

