04.07.2019

20 Minuten

«Ich kann ausgetretene Pfade nicht ausstehen»

Gaudenz Looser ist der neue mächtige Mann bei der meistgelesenen Zeitung der Schweiz. Was will er erreichen? Der 46-Jährige spricht im ersten Interview als Chefredaktor über gute Storys, den Jubiläums-Werbespot und sein Privatleben.
20 Minuten: «Ich kann ausgetretene Pfade nicht ausstehen»
Arbeitet bereits sei 14 Jahren bei «20 Minuten» und amtet ab sofort als Chefredaktor: Gaudenz Looser. (Bild: Tamedia)
von Edith Hollenstein

Herr Looser, herzliche Gratulation zur Ernennung als «20 Minuten»-Chefredaktor (persoenlich.com berichtete). Sie sind nun der einflussreichste Mann bei der laut Bakom einflussreichsten Zeitung der Schweiz. Wie fühlt sich das an?
Einerseits habe ich Respekt vor der grossen Verantwortung, die ich ab sofort in letzter Konsequenz trage. Andererseits ändert sich operativ nicht allzu viel. Ich habe das Tagesgeschäft bisher im Sinne von Marco Boselli geleitet und ich habe nicht vor, mich von diesem sehr erfolgreichen Kurs zu verabschieden.

Was wollen Sie erreichen in dieser neuen Funktion?
Zuerst einmal sicherstellen, dass «20 Minuten» bleibt, was es ist: Der Lieferant für das Gesprächsthema im ÖV, an der Kaffeemaschine und auf dem Pausenplatz, ein unparteiischer Treuhänder der wichtigsten Fakten und Meinungen – und das einflussreichste Medium der Schweiz. Ferner gilt es, einige technologische Lücken zu schliessen und bei der Traffic-Analyse und beim Ausspielen der Nachrichten neue Wege zu gehen, die es den Leserinnen und Lesern ermöglichen, sich noch angenehmer und effizienter einen Überblick über die interessanten Themen des Tages zu verschaffen. Eines der spannendsten Projekte auf meinem Tisch ist die Integration des Radiosenders Planet 105 in die «20 Minuten»-Familie. Ein junges News- und Musikradio passt mit seiner Unmittelbarkeit hervorragend zu unserem Fokus auf das «Jetzt».

«Das ‹Jetzt› ist unsere DNA – seit 20 Jahren»

Apropos «Jetzt», das stammt aus der neuen Jubiläums-Imagekampagne. Wir haben uns gefragt, warum darin eine Frau mit Ballonen vor dem Oberkörper, Kinder als Zombies und ein dicker Hintern vorkommen. Was soll der Spot aussagen?
Sie hören es am Schluss des Clips: Das «Jetzt» ist unsere DNA – seit 20 Jahren. Zum «Jetzt» gehören für unsere Leserinnen und Leser ganz stark auch die Themen, die im Spot ironisch überhöht gestreift werden – wie etwa Fake News (Fake Boobs), die Impf-Kontroverse (Zombie-Kinder) oder die Flat-Earther (dicker Hintern auf plattgedrücktem Globus-Ball).

Wie werden Sie als Chefredaktor in die Jubiläumsfeierlichkeiten involviert sein?
Das Konzept wurde bis jetzt von Marco Boselli begleitet und ich übernehme nun auch hier seinen Part. Was genau meine Rolle sein wird, wird sich noch zeigen.

Ganz generell: Was für ein Chef sind Sie?
Fordernd, sachorientiert, begeisterungsfähig. Ich kann ausgetretene Pfade nicht ausstehen. Aber ich schätze qualitativ hochstehende Kritik, weil man daraus immer etwas lernen kann.

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden Sie führen?
Das sind ungefähr 115 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Redaktion Deutschschweiz.

«Mein Privatleben ist einigermassen unspektakulär»

Sie sind seit 14 Jahren als Redaktor und Journalist bei «20 Minuten». Welches waren die wichtigen und bewegenden Recherchen und Storys in diesen Jahren?
Wir thematisieren regelmässig als erste gesellschaftliche Themen, die die Bevölkerung beschäftigen, und haben eine ansehnliche Primeur-Quote. Insofern ist es schwierig, einzelne Leuchtturm-Geschichten herauszupicken. Aktuell gepunktet haben wir sicher mit der Recherche zur Rapperin Loredana, die bei der jungen Zielgruppe international für ein Erdbeben gesorgt hat, und mit den Enthüllungen zum Präsidenten der Migros-Genossenschaft Neuenburg-Freiburg. Wir haben die Gleichberechtigungs-Debatte, die LGBTQ-Bewegung und die Klima-Kampagne immer hochaktuell abgebildet, ohne dabei in einen Hurra-Journalismus zu verfallen.

Sie haben Ihre Karriere bei Radio Munot und den «Schaffhauser Nachrichten» gestartet, waren bei der «Südostschweiz» und bei der «Aargauer Zeitung». Abgesehen von Ihren beruflichen Erfolgen. Was machen Sie sonst noch gerne, wenn Sie nicht arbeiten – also in Ihrer Freizeit?
Mein Privatleben ist einigermassen unspektakulär. Ich verbringe gerne Zeit mit meinen Kindern, komplettiere meinen naturnahen Garten und rauche ab zu mal eine gute Zigarre. Und ich sitze sehr gerne in Cafés: Von gutem Gastropersonal kann man viel lernen in Sachen Service-Bewusstsein. Zudem kann ich dort am bequemsten unsere Leserinnen und Leser beobachten.



Das Interview wurde schriftlich geführt.

 



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Kommentare

  • Tanja Huber, 09.07.2019 20:25 Uhr
    Es ist immer wieder bemerkenswert, wie sich Leute, die nicht zur 20Minuten-Zielgruppe gehören, befähigt fühlen, das erfolgreichste Medium der Schweiz schlecht zu schreiben. Manchmal, sehr geehrter Herr Brunner, wäre schweigen klüger.
  • Franco Rossi, 05.07.2019 13:16 Uhr
    @Vreni Steiger: Gut, dass Sie das erwähnen. Mir fällt auch auf, dass auf der Onlineplattform von "20 Minuten" ein extrem antiwestlicher, pro russischer Kurs gefahren wird. Weniger in der Berichterstattung, als in all den Kommentaren, die dann freigeschaltet werden. Es wird mir dann angst und bange, denn man erhält den Eindruck, dass die Mehrheit der Schweizer/innen voll hinter dem antidemokratischen System in Russland stehen würde. Auch der türkische Staatschef Erdogan bekommt auffallend viele Schmuskommentare. Auch fällt mir auf, das Religion oft ein Thema bei "20 Minuten" ist - es ist ja so schön emotional und kann empören. Meist läuft es dann auf ein "Christen"-Bashing hinaus. So jedenfalls meine persönliche Wahrnehmung. Ausgewogen oder objektiv ist das jedenfalls nicht. Ich frage mich, wer das lenkt. Vielleicht steckt ja mehr dahinter, als nur der Konzern von der Werdstrasse? Ich glaube, die Tamedia AG macht für viel Geld so ziemlich alles.
  • Vreni Steiger, 05.07.2019 11:53 Uhr
    Wenn "20 Minuten" (-Online), wo sich in den Kommentarspalten Dutzende von Trollen tummeln (wenn es zum Beispiel um Pro oder Contra Russland geht, wird Putin fast immer nur als Held und starker Führer, dargestellt); wo es Tipps gibt, wie man aus der Kirche austritt; wo Gangster-Rapper/innen und andere irrlichternde Gestalten sowie Doppeladler-Helden, die die Zunge rausstrecken, regelmässig eine Plattform haben, wo jedes aufkommende Sommergewitter als Weltuntergang vorausgesagt wird, wo es bezahlte Sexgeschichten gibt usw., usf. ....wenn also so ein Medium den grössten Einfluss auf die Schweiz hat.... tja dann: Guetnacht Helvetia!
  • Fabienne Ott, 05.07.2019 10:51 Uhr
    Ich bin 21 und muss Frau Wullschleger widersprechen. Viele Junge informieren sich nicht nur (oder gar nicht) über 20-Minuten. Nein, es ist sogar schon fast peinlich in meiner Clique, wenn jemand sagt, er hätte dieses oder jenes in 20-Minuten gelesen. 20-Minuten ist meiner Meinung nach ziemlich verpönt unter vielen Jungen. Jedenfalls bei denen, die richtig lesen können.
  • Franco Rossi, 05.07.2019 10:41 Uhr
    «Gesellschaftliche Themen, die die Bevölkerung beschäftigen», «Leuchtturm-Geschichten», «ohne dabei in einen Hurra-Journalismus zu verfallen» ... das ist aber nicht ernst gemeint, oder?
  • Oliver Brunner, 05.07.2019 10:20 Uhr
    "...ein unparteiischer Treuhänder der wichtigsten Fakten und Meinungen – und das einflussreichste Medium der Schweiz." ist das jetzt Satire? Auflage bitte nicht mit Relevanz gleichsetzen. Sonst wären Coop- und Migros-Zeitung die Meinungsmacher im Land. Ein ganz einseitiges Blatt, dass immer nur zuspitzt und nicht abwägt und einordnet. Ich teile die Einschätzung der Qualität mit Frau Wullschleger nur bin ich sicher, dass 20min bei den Jungen durch ist. Bedient wird heute ein schon älteres Publikum. Früher waren die Zeitungsboxen bereits am Morgen leer, heute bleiben sie den ganzen Tag halbvoll und müssen am nächsten Morgen geleert werden. Dem Sex- and Crime-Inhalt mit rechtspopulistischem Einschlag muss man aber nicht nachweinen...
  • Melanie Wullschleger, 04.07.2019 23:03 Uhr
    Das macht mir Angst, wenn "20 Minuten" gemäss Bakom die einflussreichste Zeitung der Schweiz ist. Wenn insbesondere die jungen Leute sich nur noch über "20 Minuten" informieren... das ist der totale Zerfall unserer Gesellschaft. Wer allein sich nur über "20 Minuten" informiert, der bekommt mit der Zeit ein total schräges Weltbild. Nicht mehr der Realität entsprechend. Totale Manipulation, Sensationsjournalismus, Sex und Verbrechen. Da wird nichts eingeordnet. Es geht nur noch um Klicks und um fett Kohle zu machen. Unterste Schublade. Schlimmer als der "Blick". Das Alarmierende: Viele Junge informieren sich nur noch über "20 Minuten" - und meinen, das sei "Journalismus". Ganz schlimm! "20 Minuten" ist das Schundblatt der Nation. So hoffe ich, dass "20 Minuten" "nur" die einflussreichste Zeitung ist, aber nicht das einflussreichste Medium. Ich hoffe, dass es genug junge Menschen gibt, die sich auch noch anderweitig informieren. "20 Minuten" war für mich übrigens der Grund, dass ich - mit dem Tagi in der Jugend sozialisiert - seit mehreren Jahren jeden Kontakt mit jeglichem Medium des Konzerns Tamedia AG meide, so wie der Teufel das Weihwasser. Tagi längst abbestellt, und den Adblocker eingestellt, sodass ich keinen Zugriff mehr auf "20 Minuten" habe. Einfach nur noch Pfui, pfui, pfui!
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