15.05.2011

"Ich möchte Ralph Grosse-Bley nicht zu fest auf den Füssen stehen, aber der Blick ist eine Sportzeitung"

Der Posten als "Blick"-Sportchef hat in der Regel eine kurze Halbwertszeit. In den letzten fünf Jahren kam es praktisch im Jahresrythmus zu einem Wechsel. Seit anfangs Jahr führt Felix Bingesser nun die Sportredaktion. Was auffällt: Der Sport ist angriffiger und kritischer. Im Gespräch mit "persoenlich.com" erklärt Bingesser, wieso er und sein Team härter auf den Mann spielen, warum es keinen Interessenskonflikte gibt, wenn Ringier mit der Agentur Pool Position Sportler vermarktet, und wie er seine Rolle neben Chefredaktor Ralph Grosse-Bley sieht. Das Interview:
"Ich möchte Ralph Grosse-Bley nicht zu fest auf den Füssen stehen, aber der Blick ist eine Sportzeitung"

Herr Bingesser, Sie sind seit Dezember 2010 Sportchef beim Blick. Was waren die wichtigsten Entscheidungen, die Sie treffen mussten?

Ich musste gewisse strukturelle Anpassungen vornehmen. Die Ressorts Fussball und Hockey waren bisher sehr gut organisiert, während andere Ressort in der Vergangenheit vernachlässigt wurden. Ich habe mit Oliver Görz deshalb einen alten Weggefährten aus Hamburg geholt, der jetzt das Ressort Buntsport führt. Darin bündeln wir alle anderen Sportarten. Zudem habe ich die Integration im Newsroom intensiviert.

Newsroom als Stichwort. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit? Das Sportressort wird von aussen als eigenes Königreich wahrgenommen.

Grundsätzlich füttern wir im Newsroom alle Kanäle. Das ist sehr spannend, weil die Vernetzung immer komplexer wird. Wir haben inzwischen nicht nur Online, sondern auch Apps - und der Newsroom bietet die Möglichkeit, dass noch weitere Kanäle folgen könnten. Diesen Prozess begleite ich intensiv. Wir haben intern immer noch einen Sonderstatus, weil wir im Grunde kein Sportressort sind, sondern eine Zeitung in der Zeitung. Beim Blick hat der Sport trotz Newsroom einen sehr hohen Stellenwert.

Das Füttern der Kanäle, wie Sie es nennen, hat den Effekt, dass ich heute den Blick nicht mehr kaufen muss. Ich lese den Sport inzwischen Online.

Das stimmt sicher, weil sämtliche Berichte im Laufe des nächsten Tages online publiziert werden. Bei einzelnen Analysen und ausgewählten Berichten machen wir aber eine Ausnahme. Die können Sie nur in der gedruckten Ausgabe lesen.

Wo machen Sie die Abgrenzung?

Exklusivität geben wir nicht auf. Dafür sollen die Leser bezahlen. Aber ich muss auch eingestehen, dass die Exklusivität zunehmend schwieriger zu verteidigen ist. Unsere Konkurrenz schläft nicht und wenn um 6 Uhr morgens einer unserer Primeure die Runde macht, dann kann man diesen um 7 Uhr auf den anderen Portalen lesen und wir werden irgendwo kurz zitiert. Es ist leider so, dass alle voneinader abschreiben.

Der Job als Sportchef ist kurz. Im Schnitt beträgt die Amtsdauer ein Jahr. Warum tun Sie sich das an?

Es ist das Bekenntnis vom Blick zum Sport. Viele Leser nehmen den Blick eigentlich als Sportzeitung wahr. Ich möchte Ralph Grosse-Bley nicht zu fest auf den Füssen stehen, aber das ist nun mal so. Seit die Konkurrenz in den Schweiz in Sachen Sportzeitungen nachgelassen hat, ist der Blick wichtiger geworden. Wir sind ein Schwergewicht in der Schweizer Sportszene.

Aber nochmals, die Halbwertszeit eines Sportchefs ist sehr kurz.

Es gibt keine andere Zeitung, die den Sport schöner zelebriert. Sehen Sie sich mal die anderen Zeitungen an. Da sehe ich den Sport auf der Hinterseite des Wirtschaft- oder Kulturbundes. Wenn man Sportjournalist ist, dann bietet der Blick die grosse Bühne. Deshalb bin ich hier.

Lange Zeit war der Sportchef dem Chefredaktor gleichgestellt. Heute ist das nicht mehr so. Haben Sie keine Mühe mit dieser Abstufung?

Mit der neuen Struktur im Newsroom hat sich das geändert. Der Sportchef ist ein Ressortleiter, aber er hat gegenüber den anderen Ressorts eine klare Sonderstellung.

Aber haben Sie mit dieser Abwertung keine Probleme?

Ich bin nicht hierarchieversessen. Mich interessiert nicht, was auf meinem Visitenkärtchen steht. Ich will einen guten Sportbund machen und mich dadurch profilieren.

Das ist sehr bescheiden.

Nein, ich bin tatsächlich so. Natürlich gäbe es Themen, die ich als Chefredaktor Sport besser lösen könnte, denn im Moment füllen wir einfach die Kanäle mit Inhalten. Ich kann aber gut damit leben und ich wusste das, bevor ich zu Ringier kam.

Reden wir über den Boulevard-Stil. Wie kamen Sie damit zurecht?

Das war gar nicht so schwierig. Man ist schnell drin. Der Boulevard in seinem Schwarz-Weiss-Denken ist Gewöhnungssache. Auch was die Aufmachung betrifft. Ich muss aber sagen, dass einzelne Zeitungen im Raum Zürich fast schon einen härteren Boulevardkurs fahren als wir. In der Schärfe oder Beurteilung sind andere teilweise eine Spur deftiger.

Es fällt auf, dass der Blick unter Ihrer Führung viel kritischer geworden ist.

Klare Linien sind wichtig. Ob negativ oder positiv. Hit the story hard. Harter Boulevard ist für mich sehr wichtig.

Der Blick spielt stärker auf den Mann.

Das gehört dazu. Der Blick muss meinungsführend sein. Wir führen natürlich Kampagnen gegen gewisse Leute, darin sehe ich aber nichts schlechtes. Das zeigt, dass wir eine gewisse Konsequenz haben und den Finger auf Missstände halten können. Es ist auch so, dass wir niemandem verpflichtet sind.

Wirklich? Die Agentur Pool Position Switzerland betreut Athleten wie Lara Gut, Fabian Cancellara und die Brüder Degen. Good News veranstaltet Konzerte, Ticketcorner setzt Tickets ab, und Infront ist in der Sportvermarktung stark. Ich sehe da Interessenkonflikte.

Journalismus und die Glaubwürdigkeit sind wichtig. In dieser Beziehung würde ich mir niemals reinreden lassen. Kommt dazu, dass im Sport diese Beteiligungen nicht so heikel sind wie beispielsweise in der Unterhaltung. Sport ist messbar. Wenn Lara Gut auf dem 17. Platz landet, kann niemand schreiben, dass sie es aufs Podest schaffte. Und wenn Lara Gut sich zickig aufführt, dann schreiben wir das auch. Dann ist sie bei uns unter Vertrag, aber okay, diese Sachen bringen wir.

Ist es auch nicht so, dass subtil von oben die Berichterstattung beeinflusst wird?

Ich kann mit guten Gewissen Nein sagen. Bei Ringier weiss jeder, dass man bei mir in dieser Beziehung auf Granit beisst.

Man hört oft, dass der Sportjournalismus im Print generell schlechter wurde. Teilen Sie diese Meinung?

Das sehe ich nicht so. Was ich aber mit grosser Sorge beobachte, ist, dass der Sportteil in vielen Zeitungen an Gewicht verloren hat. Früher hatte der Sport eine wesentlich prominentere Rolle. Ich habe das Gefühl, das ist eine Fehleinschätzung der Verlage. Der Sport hat eine enorme Bedeutung in der Schweiz.

Wie beurteilen Sie die Qualität der Berichterstattung?

Es gab Zeiten, da hat sich der Sportjournalismus schneller entwickelt. Man kann aber das Rad nicht ständig neu erfinden. Ich sehe ständig spannende Geschichten und Ideen.

Einer Ihrer Vorgänger arbeitet heute temporär als Medienkoordinator für Sepp Blatter. Was halten Sie davon?

Das ist ein spannendes Mandat und ich gratuliere Walter natürlich herzlich. Er hat offenbar keine Berührungsängste.

Würden Sie ein ähnliches Mandat nach Ihrer Karriere beim Blick annehmen?

Walter de Gregorio ist sicher prädestinierter für solche Aufgaben. Aber warum nicht? Es wäre sicher interessant zu sehen, wie ein solcher Wahlkampf In Wirklichkeit abläuft.

Was ist die Haltung des Blicks, wenn es um die Wiederwahl von Sepp Blatter geht?

Es wird sicher kein flammendes Plädoyer geben für Blatter. Die Grundhaltung ist aber klar: Sofern es keinen besseren Gegenkandidaten gibt als der Katarer Mohamed Bin Hammam, unterstützen wir grundsätzlich die Wahl Blatters.

Abschlussfrage: Dieses Jahr fehlen die Grossevents. Nervt das einen Sportjournalisten nicht?

Nein. Wenn Grossanlässe sind, dann können wir uns gar nicht gross abheben von der Konkurrenz. Alle machen dasselbe. Die Spreu trennt sich vom Weizen, wenn wenig los ist. Dann ist der Blick sehr gut. Wir setzen die Themen, zeigen unsere Qualitäten und kreieren Geschichten. Ich mag diese Jahre, weil wir dann die Agenda vorgeben.

(Interview: Christian Lüscher)

Zur Person:

Als Sportjournalist verfügt Felix Bingesser über breite Erfahrung auf verschiedenen Gebieten und in verschiedenen Funktionen. Er begann 1987 als Sportredaktor beim "Aargauer Tagblatt". Zwischen 1995 und 2004 hatte er unter anderem bei Ringier diverse Funktionen inne; er amtete als Fussballchef in der Blick-Sportredaktion, war zwei Jahre für das Fachblatt "Sport" tätig, konzipierte 1999 das monatlich erscheinende Sportmagazin und leitete dieses bis zum Frühjahr 2004 als Chefredaktor. Nach einem Abstecher zur "Stuttgarter Zeitung" führte er ab 2005 die Sportredaktion der "Aargauer Zeitung".


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