Frau Kampusch, im Vorfeld hat sich die Abwicklung dieses Interviews in keiner Weise von einem Interview mit einem Popstar unterschieden: grosses Brimborium von Verleih und Presseagent, der Druck, möglichst grosse Abnehmer zu finden, limitierte Interviewzeit. Ist das nicht seltsam?
Ich gebe ja nicht irgendwelchen Leuten Interviews, weil ich mich so über die Aufmerksamkeit freue. Die Menschen, die mit mir sprechen, haben sich mit der Materie befasst, haben ein echtes Interesse – und ich hab auch ein echtes Interesse an der Auseinandersetzung mit diesen Menschen. Mir ist das wichtig, ich nehme das ernst. Geniessen Sie’s doch, dass Sie die Prüfungen überstanden haben und nun mit mir reden können! (schmunzelt).
Wieso sind Sie immer noch in der Öffentlichkeit und geben Interviews?
(Überlegt.) Das ist schwierig! Eigentlich ist es ja so, dass mich die Öffentlichkeit nicht loslässt. Auch im negativen Sinne. Und da will ich etwas entgegenhalten. Natürlich ist es auch wichtig, dann Öffentlichkeit zu haben, wenn es um wichtige Projekte geht.
Sie wollen also Ihr Bild in der Öffentlichkeit verändern, deswegen treten Sie weiter auf.
Ja. Aber es kann auch sein, dass ich irgendwann beschliesse, völlig privat zu sein. Das lasse ich mir aber noch offen.
Macht das für Sie Sinn im Hinblick auf die Aufarbeitung dessen, was Sie erlebt haben?
Ja, wobei ich mich, wenn ich an die Öffentlichkeit gehe, nicht als den Menschen sehe, der die Dinge aufarbeitet. Das mache ich privat. Aber ich versuche auch diesen medialen Rummel ein bisschen wieder über die Medien zu verarbeiten. Es hat mich schon traumatisiert, dass damals direkt nach meiner Flucht bei der Polizeiwache in Gänserndorf schon die Paparazzi dastanden und dass ich danach von Fotografen verfolgt wurde. Das war sehr schwierig für mich, damit umzugehen. Aber ich habe einen Weg gefunden. Und jetzt lässt diese Journalistenphobie langsam nach.
Zwischenzeitlich betätigten Sie sich selbst als Journalistin. Sie hatten im österreichischen Fernsehen eine Talkshow mit dem Titel "Natascha Kampusch trifft …". Wieso?
Ich fand das ganz spannend. Aber ich hab das nicht ertragen, weil ich so einen Stöpsel im Ohr hatte, über den mir die Regie Anweisungen geben konnte. Das war irritierend.
Also haben Sie das Experiment selbst abgebrochen?
Das Ganze wurde im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst. Normalerweise läuft das ja eh nicht so. Normalerweise muss man sich qualifizieren und hocharbeiten, um so einen Job zu bekommen. Ich bin da einfach mit meinem Konzept angekommen.
Was war Ihr Konzept?
Ich wollte die Menschen mal von einem ganz anderen Blickwinkel zeigen. Ich wollte nichts Kitschiges fragen. Ich habe mich zum Beispiel getraut, Niki Lauda zu fragen, ob es nicht extrem egoistisch war, sich in einen Rennwagen zu setzen, wenn man zu Hause Frau und Kinder hat.
Ist es nicht naiv zu denken, dass Ihnen dabei nicht Ihr Schicksal in die Quere kommt und alles überlagert?
Ja, das war vielleicht ein bisschen naiv. Ich wollte einfach immer schon was mit den Medien machen, schon als Kind. Man hat mir auch immer wieder gesagt, ich solle doch Schauspielerin werden. Ich wollte dem dann auch entsprechen und hatte mir das als grosses Ziel gesetzt. Ich habe immer Radio- und Fernsehsendungen nachgespielt, die Nachrichten zum Beispiel oder die Tiersendung "Wer will mich?", in der ein neues Zuhause für Haustiere gesucht wurde.
Was empfinden Sie, wenn Sie sich den Film anschauen?
Da es sich um meine Geschichte handelt, bin ich nicht so bewegt wie die Zuschauer, die überhaupt nichts damit zu tun haben. Aber natürlich kommen da auch wieder Erinnerungen hoch und Dinge, die ich schon längst verdrängt und weggeschoben hatte. Aber das ist eben das Risiko. Das war mir von vornherein schon klar.
Haben Sie die Erfahrungen, die Sie gemacht haben, abgestumpft?
Abgestumpft denke ich nicht. Es ist manchmal alles ein bisschen verletzend, und man fühlt sich ein bisschen ausgebrannt. Aber ich bin kein stumpfer Mensch! Ich fühle mich sehr vital. Ich denke, ich hab jetzt einfach einen Panzer entwickelt.
Sie fühlen sich nicht emotional eingeschränkt?
Nein, ich hatte währenddessen und auch danach noch die Hoffnung, dass es in Freiheit besser sein könnte. Die haben mir die netten Leute in der Freiheit jetzt genommen. (Pause.) Sie wollten eine Antwort, ich hab sie Ihnen gegeben.
Eine letzte Frage: Hat der Film einen kulturellen Wert?
Ja, auf jeden Fall. Der Film zeigt einem, dass man die Abgründe der Menschheit und der Gesellschaft nicht vergessen soll.

