Herr Thurnherr, zum ersten Mal stehen Sie für eine Fussball-Endrunde im eigenen Land im Einsatz. Für Sie das Grösste?
Da hängt sehr davon ab, wie erfolgreich die Schweizer Nationalmannschaft abschneiden wird. Komischerweise gehe ich nicht so unbelastet in diese EM wie auch schon. Ich habe irgendwie das Gefühl, ich bin persönlich mitverantwortlich dafür, dass die Schweiz gegenüber Europa gut dasteht. Sonst konnte ich einfach mal schauen, was die Gastgeberländer auf und neben dem Platz zu leisten vermochten. Nun sind nicht mehr wir diejenigen, die beobachten können, was die anderen falsch machen. Jetzt wird uns Schweizern auf die Finger geschaut -- und damit natürlich auch mir.
Glauben Sie denn, Sie tragen eine Mitschuld, falls die EM kein Erfolg wird?
Nein, aber ich bin mir bewusst, dass durch die EM das Image der Schweiz im Ausland besser aber auch schlechter werden kann.
Sie werden die EM-Spiele zusammen mit Volker Finke kommentieren. Entsteht da ein gewisser Wettbewerb? Will man gegenüber dem Experten mit Wissen speziell brillieren?
Bereits 1 Gramm Konkurrenzdenken wäre tödlich. Wichtig ist, dass jeder eine andere Sichtweise auf das Geschehen hat. Wenn dann beide das Gleiche sagen, glauben es die Leute. Volker Finke bringt ein grosses Expertenwissen ein. Zudem ist er unbefangener, weil bei ihm bei den Schweizer Spielen nicht die gleichen Emotionen mitspielen wie bei mir.
Die Kommerzialisierung des Sports wird oft kritisiert. Geht es nur noch um das Geld?
Im Gegensatz zu Soaps hat der Kommerz den Fussball nicht erfunden. Im Zentrum steht das Spiel, weil dieses die Zuschauer fasziniert und sie deshalb in Massen zuschauen. So entsteht natürlich auch ein Markt, in dem Leute Geld verdienen wollen. Die Kommerzialisierung ist nur möglich, weil der Fussball so populär ist.
Aber geht die UEFA nicht etwas weit, wenn es schon Kleiderkontrollen gibt, damit im Stadion kein falsches Markenlogo auftaucht?
Das ist für mich eine typische Geschichte vor einer WM oder EM. Alle zwei Jahre erlebe ich, dass in den Medien zuerst die Sicherheit angeprangert wird, dann wird die Verkehrsproblematik thematisiert, anschliessend das Ticketing und schliesslich werden auch noch die Werbevorschriften hochgekocht. Aber bekanntlich wird nichts so heiss gegessen wie es gekocht wird. Ausserdem: wäre ich ein Sponsor, der Millionen investiert, möchte ich auch nicht, dass die Konkurrenzmarke im selben Masse an der EM präsent ist.
Wie sieht Ihre persönliche EM-Vorbereitung aus?
Meine Vorbereitung hat letzten November angefangen, als die Mannschaften für die Endrunde feststanden. Ich sammle zu jedem Spieler auf je einer Karte Informationen und versuche mir diese anzueignen. Das gilt für alle 16 Mannschaften, da ich nicht weiss, welche Teams nach der Vorrunde noch dabei sein werden, wenn ich die Finalspiele kommentiere.
Hatten Sie als erfahrener Sportmoderator schon mal das Gefühl, dass Sie die Nationalmannschaft besser aufgestellt hätten als der Trainer?
Man muss sich immer bewusst sein, dass der Trainer viel näher an der Mannschaft ist und auch viel mehr über das Innenleben des Teams oder das Privatleben eines Spielers weiss. Ich kann als Aussenstehender nicht in zwei Minuten in Frage stellen, was ein anerkannter Trainer über längere Zeit aufgebaut hat.
Ihr Kollege Matthias Hüppi hat nach einigen Niederlagen in der Vorbereitung Köbi Kuhn öffentlich in Frage gestellt.
Matthias Hüppi hat quasi die Rolle des Winkelried übernommen. Es war von den anderen Journalisten äusserst feige, sich hinter seiner Frage zu verstecken. Alle haben das Gleiche gedacht, sich aber nicht getraut, darüber zu schreiben. Hüppi hat ausserdem nie gesagt, Kuhn müsse entlassen werden. Das wurde von den Medien so ausgelegt.
Was hat sich seit ihrer ersten WM-Teilnahme 1974 in Deutschland an den Endrunden bei der medialen Berichterstattung am meisten verändert?
Die Grössenordnung des medialen Ereignisses ist explodiert. Auf einen Fussballer kommen an der Euro 08 ungefähr 20 Journalisten. Es wird von der Vorbereitung bis zum Ende des Turniers über jeden erdenklichen Aspekt berichtet. So kommt es, dass vor dem Anpfiff schon alles zu einem Spiel gesagt ist, was es zu erzählen gibt. Ich als Kommentator muss lediglich noch berichten, wer gewonnen hat und auf welche Weise.
Verkommt das Spiel so zur Nebensache?
Nein, die Grundlage der Berichterstattung ist immer noch die gleiche: was zählt, sind die 90 Minuten auf dem Platz. Alles andere sind Beilagen. Allerdings bestanden diese früher nur aus etwas Gemüse. Heute werden im Vorfeld zuerst verschiedene Vorspeisen serviert, zum Hauptgang -- dem Spiel -- etliche Beilagen und danach steht noch ein Dessertbuffet bereit. Da ich aber vor allem am Hauptgang beteiligt bin, hat sich für mich nicht allzuviel verändert.
(Interview: Stefan Wyss)

