29.04.2014

Erwin Reinhardt-Scherz

Im Hintergrund

Der langjährige Mehrheitsaktionär der "Berner Zeitung" im Interview.
Erwin Reinhardt-Scherz: Im Hintergrund

Der 85-jährige Berner Advokat Erwin Reinhardt-Scherz stand immer im Schatten des vor zwei Jahren verstorbenen Zeitungskönigs Charles von Graffienried. Aber dies war bewusst. Erwin Reinhardt-Scherz war lange Jahre Mehrheitsaktionär der "Berner Zeitung" und wichtige Figur im Hintergrund.

Herr Reinhardt, was bedeutet für Sie die Verleihung des Schweizer Medienpreises für Lokaljournalismus?
 
Ich war mein Leben lang privat und beruflich mit Papier und dem Medium Zeitung verbunden. Guten, unabhängigen Journalismus erachte ich als Voraussetzung für eine liberale Gesellschaft und für glaubwürdige demokratische Institutionen. Wenn ich mit der Preisverleihung diesem wichtigen Metier einen würdigenden Beitrag zurückgeben kann, macht mich das glücklich.

Sie haben den Wandel des Journalismus in den letzten Jahrzehnten hautnah erlebt. Welche Medien konsumieren Sie heute noch? 
Ich und meine Frau lesen täglich die "NZZ", den "Tages-Anzeiger", "den Bund" und die "Berner Zeitung". Damit sind wir jederzeit gut informiert.

Glauben Sie, dass die Qualität der Medien früher besser war als heute?
 
Nein, das nehme ich nicht so wahr. Ich habe eher den Eindruck, dass sich die einzelnen Medien heute stärker differenzieren als früher. Die Regionalzeitungen sind vielleicht etwas populistischer geworden, etwas abgerückt vom rein Politischen, und der Boulevard spürt keine Hemmungen mehr, demagogisch zu sein.

Nutzen Sie beispielsweise das Internet? 
Eher selten, jedenfalls kaum für den Medienkonsum.

Sie haben vor fünf Jahren zusammen mit Ihrer Frau Ihre Anteile an Espace Media verkauft. Was hat Sie damals zu diesem Schritt bewogen? 
Die gut 25­jährige Entwicklung vom damaligen "Berner Tagblatt" zur Berner Tagblatt Mediengruppe und dann zur Espace Media Groupe war in jeder Hinsicht äusserst erfolgreich. Weiteres Wachstum strebten wir über eine Kooperation im Mittelland an. Wir wollten das Mittelland der Schweiz zu einer starken Medienkraft zwischen Zürich und der Westschweiz entwickeln. Wir mussten aber einsehen, dass sich dies – nicht zuletzt aus wettbewerbsrechtlichen Gründen – nicht mehr realisieren liess. Und eine Unternehmensgruppe ohne Erfolg versprechende Wachstumsperspektiven wollten wir nicht werden. So kam es zum Entscheid. Im Rückblick war der Entscheid – denken wir nur an die Auswirkungen des Internets – völlig richtig.

Sie selbst haben in die Papierproduzenten-Familie Scherz hineingeheiratet. Wie wurden Sie damals aufgenommen?
 
Mit meinem Schwiegervater verband mich bald eine gute Freundschaft, er hat mich beruflich stark unterstützt.

Welchen Beruf übten Sie aus? 
Anwalt, bernischer Fürsprecher.

Sie waren lange Mehrheitsaktionär von Espace Media, hielten sich aber immer im Hintergrund. Erst 1992 erfuhr man aufgrund eines Cash-Artikels von Ihrer "Existenz". Warum haben Sie sich so zurückgehalten? 
Das "Berner Tagblatt" gehörte seit den Dreissigerjahren der Familie Scherz, die es damals als Papierlieferant vor dem finanziellen Untergang bewahrte. Es wäre in jener Zeit bei den anderen Papierabnehmern nicht gut angekommen, wenn die Besitzverhältnisse bekannt gewesen wären.

Wie war die Arbeitsteilung zwischen
Herrn von Graffenried und Ihnen?
 
Charles von Graffenried war Verwaltungsratspräsident mit Generalvollmacht. Er hat alle strategischen Schritte mit mir und meiner Frau eingehend beraten. Wir waren uns eigentlich immer sehr schnell einig.

Mögen Sie sich noch an die erste Begegnung mit Charles von Graffenried erinnern? 
Er kam als Generalstabsoffizier in die Auswahl für das Präsidium des Berner­-Tagblatt­-Verwaltungsrates. Ich kannte ihn schon als junges Mitglied im damaligen Verwaltungsrat.

Hat es Sie nie gestört, dass Sie als eigentlicher Eigentümer im Hintergrund standen? 
Ganz im Gegenteil. Wissen Sie, Charles von Graffenried war eine unternehmerische Ausnahmeerscheinung. Unsere Rollenteilung war perfekt, der beste Beweis dafür ist die herausragende Entwicklung der Unternehmensgruppe.

Die Macher der Berner Medienszene: Erwin Reinhardt-Scherz mit Ehefrau Franziska Reinhardt Scherz und der verstorbene Charles von Graffenried mit Ehefrau Christine von Graffenried. 

Was bedeutete für Sie der Verkauf von Espace Media an die Tamedia, nachdem
man sich jahrzehntelang erfolgreich
gegen die Zürcher Verlage wehren konnte? 
Wie gesagt, es war rational betrachtet der einzig richtige Entscheid. Das Herz und der Bauch hätten damals vielleicht anders entscheiden wollen, aber es gibt für Unternehmer Momente, in denen die Emotionen besser auf der Seite gelassen werden.

Wie beurteilen Sie die Schweizer Medienlandschaft heute?
 
Sie befindet sich in einem unglaublichen Umbruch. Dem Herkömmlichen wird das Wasser abgegraben, und das Neue weiss noch nicht, wie es an die Quellen kommen soll. Solche Zeiten sind voller Risiken, bieten aber auch ausserordentliche unternehmerische Chancen. Ich wünsche allen Akteuren viel Glück.

Welcher Verleger beeindruckt Sie heute am meisten? 
Es ist nicht an mir, Noten zu verteilen. Ich finde, es wird in dieser schwierigen Umbruchzeit an vielen Orten Hervorragendes geleistet. Aber dank meiner Nähe zu Tamedia kann ich natürlich sehen, wie Pietro Supino als junger Präsident des Verwaltungsrates seine Unternehmensgruppe tatkräftig dem schnellen Wandel der Medien­ und Werbemärkte anpasst.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis Ihrer Verlegerlaufbahn?
 
Das war der Übernahmekampf um die Mehrheit an der "Berner Zeitung", als die damaligen Partner aus dem Emmental und aus Münsingen unerwartet ihre Anteile an den "Tages-Anzeiger" verkauften. Charles von Graffenried gelang es in zähen Verhandlungen, die Mehrheit an der "Berner Zeitung" zu sichern. Es ist schon eine gewisse Ironie der Geschichte, dass wir Jahre danach die ganze Espace Media Groupe an Tamedia verkauften.

Interview: Matthias Ackeret; Fotos: privat

Dieses Interview erschien erstmal im "persönlich"-Sonderheft zum Schweizer Medienpreis.


Erwin Reinhardt (1929) studierte an der Universität in Bern Jurisprudenz und schloss mit
dem Fürsprecherexamen ab. Nach seinem Studium stieg er als Rechtsberater und Verwaltungsratssekretär bei der Epicea Holding AG und ihren Tochtergesellschaften ein. Ab 1971 verantwortete er
als Mitglied des VR und/oder als Delegierter des VR diverse Unternehmen. Unter anderem war er Delegierter des VR der Sihl und Eika Papier AG, von Nestal, der Montalto Holding AG und der Papeteries de Serrières SA. Ab 1982 wurde er unter anderem zum Präsidenten des VR der Epim Nestal AG und der Shil+Eika Papier AG berufen. Neben den diversen VR- Mandaten in der Papierindustrie (VR/VRA Biber Holding, VR Papierfabrik Utzensdorf) begleitete er die Spar- und Leihkasse in Bern, die Jungfrau Holding
AG, die ROI Management Consulting AG als Präsident des Verwaltungsrates. 2009 gründete er zusammen mit seiner Ehefrau Franziska Reinhardt-Scherz und Charles von Graffenried die Fondation Reinhardt von Graffenried. Er ist Mitglied des dreiköpfigen Stifungsrates.

 


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