21.07.2011

"Im Prinzip ist das iPad die Fortsetzung des Boulevards mit anderen Mitteln"

Wenn alles nach Plan klappt, wird Ringier nächste Woche den "Blick" als iPad-Version lancieren. Noch wartet man auf das grüne Licht von Apple. "persoenlich.com" konnte aber die Tablet-Verion des "Blick" bereits testen. Erster Eindruck: Eine smarte App, die optisch ansprechend daher kommt und interessante Multimedia-Features beinhaltet. Im Gespräch mit "persoenlich.com" erklärt Rolf Cavalli, Chefredaktor Blick.ch & digitale Medien Blick-Gruppe, warum die neue "Blick"-App im Jahr bescheidene 36 Franken kostet und weshalb die digitale Version den Print-Titel nicht kannibalisieren wird. Das Interview:
"Im Prinzip ist das iPad die Fortsetzung des Boulevards mit anderen Mitteln"

Herr Cavalli, seit Monaten arbeiten Sie und Ihr Team an der iPad-Version des "Blicks". Wie ist Ihr Eindruck kurz vor der Lancierung?

Das iPad ist für eine Boulevard-Zeitung ein Geschenk. Wir können unsere Stärken - Emotionalität, Lesernähe, die optische Inszenierung - wunderbar ausspielen. Die Geschichten werden auf dem iPad buchstäblich anfassbar und bekommen eine zusätzliche Dimension mit den interaktiven, multimedialen Möglichkeiten. Das alles in HD-Qualität.

Dann wird man auf dem iPad künftig eher eindrückliche Bilder und überwiegend Multimedia-Spielerein sehen statt textlastige Politartikel lesen?

Nein. Wir überraschen die Leser einerseits mit einzigartigen 360-Grad-Panoramabildern, aus der Eigernordwand zum Beispiel. Das funktioniert nirgends so gut wie auf dem iPad. Aber wir machen keine Klimbim-App. Textlastige, gut geschriebene Geschichten sind genauso wichtig, sonst funktioniert eine Nachrichten-App nicht.

Wie umfangreich wird die iPad-Version des "Blicks" daherkommen?

Wir werden uns stark am Inhalt der Zeitung orientieren, aufbereitet mit den digitalen Möglichkeiten eines Tablets. Angereichert werden die Hauptgeschichten mit der Aktualität von Blick.ch. Der Leser soll eine abgeschlossene Ausgabe lesen können, aber nichts verpassen.

Warum diese starke Orientierung am Print-Produkt?

Im Prinzip ist das iPad die Fortsetzung des Boulevards mit anderen Mitteln. Das iPad ist wie unsere Zeitung ein emotionales Lean-Back-Produkt. Beim Lesen will man sich zurücklehnen und geniessen. Man liest den "Blick" nicht, weil man muss, sondern weil man will. Genauso soll es bei der iPad-Version sein. Das Layout haben wir natürlich anders entwickelt, weil die iPad-Nutzung anderen Gesetzmässigkeiten unterliegt. Was für das Broadsheet das doppelseitige Bild ist, ist beim iPad zum Beispiel dank der Scroll-Funktion das fast unendlich ziehbare Hochformat.

Wie viele Journalisten arbeiten exklusiv für die "Blick"-App?

Im Kernteam sind vier Leute. Es sind Leute, die sich im Layouten und mit HTLM5 auskennen sowie ein erfahrerener Fotoredaktor. Aber im Newsroom arbeiten wir natürlich abteilungsübergreifend. Die Inhalte beziehen wir von allen Ressorts. Zusätzlich zu den Print- und Online-Inhalten wird es iPad-exklusive Stoffe geben. Zum Beispiel die wöchentliche Fotoreportage. Zudem zahlt sich jetzt aus, dass wir in die Ausbildung von Fotografen investiert haben, die Panoramabilder, Morphings etc. beherrschen. Da können wir uns von der Konkurrenz abheben.

Reden wir über das Businessmodell. Was wird die App kosten?

Im Monat wird unsere App 4 Franken kosten. Im Jahresabo 36 Franken.

Die App für 36 Franken im Jahr ist praktisch ein Geschenk.

Wenn Sie so wollen. Wir machen nicht den Fehler, vom Leser unrealistisch hohe Beträge zu fordern quasi als Kompensation zur Gratiskultur im Internet. Das funktioniert im Nachrichtenbereich nicht. Oder möglicherweise noch nicht. Weltweit sind iPad-User vorerst nur für Games, Navigationssysteme oder Special-Interest-Apps bereit, einigermassen viel Geld auszugeben. Da wir aber wirklich einzigartige Inhalte anbieten werden, sind wir überzeugt, dass wir genügend User gewinnen können, zumindest vier Franken im Monat auszugeben – also nicht mehr als für Kaffee mit Gipfeli.

Das ist aber tragisch, wenn man seine journalistische Leistungen so billig verkaufen muss.

Die Märkte sind nun mal je nach Kanal völlig unterschiedlich. Danach richten wir uns. Wichtig ist, dass das Businessmodell unter dem Strich stimmt. Und da ist die Blick-Gruppe mit seiner Diversifizierung sehr gut unterwegs.

100'000 iPad-User gibt es heute in der Schweiz. Viel Geld wird Ringier mit diesem Preismodell nicht machen.

Das ist ja erst der Anfang. 2012 wird sich die Anzahl Ipad-Besitzer gemäss internationalen Schätzungen verdreifacht haben. Aber es ist völlig klar: der iPad-Markt ist erst ein Up-Coming-Markt. Was wir auf dem iPad tun, ist deshalb eine Investition. Wir werden laufend lernen und uns den Bedürfnissen der Leser anpassen.

Seit Mitte letzten Jahres wird an der neuen App gearbeitet. Hat man sich an Vorbildern orientiert?

Nicht direkt. Wir möchten mit der "Blick"-App unverwechselbar sein und neue Massstäbe setzen. Natürlich haben wir geschaut, wie es "Bild" oder der "Spiegel" machen. Wir haben dann auch schnell gemerkt, welche Fehler wir verhindern wollen.

Zum Beispiel?

Der Leser will seine Zeitung auf dem iPad zwar wiedererkennen. Aber man muss aufpassen: Nicht alles, was in der Zeitung funktioniert, ist gut auf dem iPad. Das iPad muss eigenständig funktionieren, vorallem in der Leserführung, in der Inszenierung.

Inwiefern unterscheidet sich der Zeitungsleser vom iPad-Nutzer? Das Leseverhalten und die Erwartungen sind unterschiedlich.

Das lässt sich noch nicht messerscharf unterschieden. Dafür ist das iPad noch zu jung. Anbieter und Konsumenten bewegen sich gleichermassen auf neuem Terrain und probieren aus. Aber zur Zeit ist der durchschinntliche iPad-User vom Typ her eher männlich, eher besser gebildet – wie das bei Early Adaptors eben ist. Aber das kann sich schnell ändern, siehe Smartphones. Unsere Zielgruppe ist zuerst einmal der Online-Leser, dem wir ein Premium-Produkt schmackhaft machen wollen. Das kommt uns entgegegen, weil wir ja keine Zeitungsleser verlieren wollen. Gerade jetzt in der Ferienzeit wollen wir auch Blick-Abonnenten, die schon ein iPad haben, animieren, unsere Tablet-Ausgabe günstig auszuprobieren.

Wie sieht es mit Werbung aus?

Wir sind derzeit dran, Angebote zu erarbeiten und wollen unseren Kunden eine exklusive Plattform bieten mit all seinen multimedialen Möglichkeiten. Wie der Inhalt soll auch die Werbung dem Gerät entsprechend daherkommen.

Was lässt sich Ringier das Projekt eigentlich kosten?

Wir kommunizieren keine Zahlen.

Sie müssen keine konkreten Zahlen nennen.

Sie können davon ausgehen, dass mit den neuen Stellen und der Entwicklung der App mehrere hunderttausend Franken zusammenkommen.

Kannibalisiert die Blick-Gruppe mit der iPad-App nicht das Print-Geschäft?

Diese Frage war schon beim Aufkommen des Internets müssig. Fakt ist: Die neue Technologie gibt es und die Leute nutzen sie. Als Verlag verkaufen wir Inhalte. Und wir müssen die Inhalte dort verkaufen, wo das Publikum ist. Das war und ist immer noch schwergewichtig die Zeitung, aber längst auch das stationäre und mobile Internet. Und eben neu auch das Tablet. Die Blick-Gruppe geht das offensiv und selbstbewusst an. Das Zwischenresultat gibt uns recht: Wir erreichen insgesamt über 2,5 Millionen Leserinnen und Leser.

Tamedia und Ringier sind derzeit die einzigen iPad-Pioniere. Was raten Sie Ihren Kollegen von anderen Verlagen, die an einer ähnlichen App arbeiten?

Es ist nicht an mir, anderen Ratschlägen zu erteilen. Aber ein paar allgemeine Erfolgsfaktoren beim iPad zeichnen sich ab: Sie muss schnell und gut navigierbar sein. Man muss auf die Stärken der Marke fokkussieren und diese tabletspezifisch aufbereiten. Und vorallem: Man soll es mit aller Kraft tun und sonst lieber ganz sein lassen.

Interview: Christian Lüscher


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