Jodi Bieber, herzliche Gratulation zum Award. Rechneten Sie im Zeitpunkt, als Sie das Siegerfoto machten, damit einen Preis zu gewinnen, ?
Im Gegenteil. Ich war nicht sicher, ob der Redaktion des "Time Magazin" das Foto gefällt, denn ich habe Aisha nicht in einer traditionellen Weise fotografiert. Statt ein trauriges Gesicht und abgeschnittene Ohren zu zeigen, wollte ich Aishas Stärke und Kraft in den Vordergrund rücken.
Was machen Sie mit dem Preisgeld? Spenden Sie es der Stiftung, die für Bibi Aisha gegründet wurde?
Nein. Aber ich habe eine limited Edition gemacht. Das Geld, das mit den 8 handsignierten Prints des Fotos eingenommen wird, fliesst in die Bibi Aisha Foundation.
War das Foto eigentlich ein Einzelprojekt?
Nein. Es ist Teil einer Serie über 17 verschiedene afghanische Frauen, die von der Journalistin Aryn Baker porträtiert wurden. Innerhalb der Serie fotografierte ich auch die "afghanische Oprah Winfrey" und Politikerinnen.

Warum ist ausgerechnet das Foto von Aisha so ausdrucksstark?
Ich habe schon mit sehr vielen Leuten über diese Frage diskutiert. Wahrscheinlich ist es so stark, weil man zuerst die schöne Frau auf dem Foto sieht, bevor man die Verstümmelung bemerkt, die ja eigentlich offenkundiger nicht sein könnte. Das Bild bricht mit Stereotypen. Im Vordergrund steht die Schönheit von Bibi Aisha und nicht die Unterdrückung und Verstümmelung, die ihr widerfahren ist. Ich wollte sie nicht als Opfer ihres Ehemannes ins Zentrum rücken, sondern als schöne Frau. Das Bild spricht vom Schönen und gleichzeitig vom Schlechten in unserer Welt, diese Kombination ist speziell.
War es schwierig Aisha zu motivieren, für ein Shooting zu posieren?
Die Organisation, welche Aisha betreut, wartete darauf, ein US-Visum für das Mädchen zu erhalten. Sie waren dankbar für die Aufmerksamkeit. Deshalb erlaubten Sie verschiedenen Medien, Aisha zu fotografieren.
Wie fanden Sie als Fotografin einen Draht zum Mädchen?
Ich verbrachte etwa drei Stunden mit Aisha. Während dieser Zeit führten wir ein langes Gespräch von Frau zu Frau. Wir sprachen über die Schönheit, die ich in Ihr erkannte und darüber, wie ich ihre innere Stärke und Schönheit zum Ausdruck bringen wollte. Ohne diese Unterhaltung hätte ich dieses Foto nie so machen können. Aisha leidet an postraumatischem Stress, es war eine sehr heikle Situation, die viel Feingefühl erforderte.
Haben Sie seit dem Shooting mit Ihr gesprochen?
Nein. Ich stehe aber in regem Kontakt mit der Organisation, die sie betreut. Aisha wird derzeit von den Medien ferngehalten, um sie zu schützen.
Hat Aisha das Foto je zu Gesicht bekommen?
Ja. Die "New York Times" hat Ihr das "Times Magazin"-Cover gezeigt und sie gefragt, ob Sie denkt, dass das Bild weiteren afghanischen Frauen helfen wird. Sie hat geantwortet: "Ich weiss es nicht. Alles was ich möchte, ist eine neue Nase".
Wie wichtig ist Ihnen, dass den fotografierten Personen das Resultat gefällt?
Es ist mir natürlich wichtig, doch weiss ich, dass die fotografierte Person das Bild von sich selbst immer von einer ganz anderen, eitleren Perspektive anschaut. Aisha sieht auf dem Bild vermutlich insbesondere das Loch, wo zuvor ihre Nase war, und das gefällt ihr nicht.
Nach der Veröffentlichung entbrannte eine Debatte, ob dieses Bild auf das Cover von "Times Magazin" gehört. Was ist ihre Meinung?
Die Reaktionen waren vor allem auch wegen dem Foto in Kombination mit dem Titel "What Happens if We Leave Afghanistan" so zahlreich. Dank dem Bild ist jedoch darüber hinaus eine wichtige Diskussion zum Thema häusliche Gewalt lanciert worden. Die Fotografie ist vielschichtig und spricht Bände über häusliche Gewalt. Jeder, der irgendwo auf der Welt auf ähnliche Weise verletzt wurde, kann sich im Bild wieder erkennen. Gewalt gegen Frauen gibt es überall, nicht nur in Afghanistan. Zudem muss man ganz klar sehen, dass das Coverbild Aisha und der Bibi Aisha Foundation geholfen hat. Das Mädchen ist jetzt in New York, unter anderem wegen diesem Bild.
Immer wieder wird diskutiert, ob und wann schockierende Bilder veröffentlicht werden sollen. Wo ist ihrer Meinung nach die Grenze?
Wenn Bilder heimlich gemacht wurden. Versteckte Kamera ist für mich ein No-Go. Auch wenn es sich um einen möglichen Kriminellen handelt. Für mich ist jemand unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist. Weiter finde ich Fotos von Selbstmorden wertlos. Auch wenn jemand dies in der Öffentlichkeit tut, für mich bleibt das etwas Privates.
In Ihrer Arbeit sehen sie oft aufwühlenden Szenen und Bilder. Was reizt Sie daran?
Meine Arbeit dreht sich nicht nur um schreckliche Szenen. Das letzte Projekt thematisierte Frauen in Soweto, einem Township in Südafrika. Ich wollte aber auch da mit den Stereotypen brechen. Ich zeigte die Normalität des Lebens dort, die in den Medien oft nicht gezeigt wird.
Trotzdem sehen Sie viele schockierende Bilder. Dient die Kamera dabei als Schutz?
Vielleicht gerade während dem Shooting, ja. Doch gehen mir die Szenen natürlich trotzdem sehr nah. Ich denke, dass viele Fotografen unterschätzen, wie gross die psychische Belastung der Arbeit für sie selbst sein kann. Man sollte mehr darüber sprechen und den psychischen Stress und dessen Verarbeitung ernst nehmen.
Was ist ihr nächstes Projekt?
Das verrate ich nicht.
Geht es wieder um Frauen?
Nein, diesmal geht es um Männer (lacht).
Interview: Corinne Bauer.
Veranstaltungshinweis: Am Samstag, 28. Mai 21.00 findet in der World Press Photo 11 Ausstellung anlässlich der ersten Zürcher Fotonacht 2011 eine Bildersoirée mit Nina Berman statt. Sie gewann bereits zweimal einen World Press Photo Award.

