Herr Selg, die Sendung "Echo der Zeit" ist seit 60 Jahren das Flaggschiff von Radio DRS -- und sie erreicht immer noch über 700'000 Menschen pro Tag. Was macht aus Ihrer Sicht den anhaltenden Erfolg des Formats aus?
Es sind verschiedene Gründe: Im Gegensatz zu anderen Medien besitzen wir erstens den Vorteil einer langen Tradition. Zweitens und sehr wichtig: Andere Medien sind kurzatmiger und oberflächlicher geworden. Bei uns können die Hörerinnen und Hörer davon ausgehen, dass wir gründlich arbeiten und unsere Beiträge stärker nach Relevanz gewichten. Viele Menschen schätzen das. Wir versuchen weiter, unsere Inhalte attraktiv und intelligent zu "verkaufen". Schliesslich haben wir den Vorteil der Gebührenfinanzierung, welche uns natürlich finanzielle Freiheit gibt, die andere nicht haben, dessen sind wir uns bewusst.
Der Sendung haftet etwas Anachronistisches an. Im Gegensatz zu den Privatradios, die auf schnelle News setzen und Emotionen schüren, setzen sie ganz auf Unaufgeregtheit. Ist diese Positionierung bewusst in Abgrenzung zur Konkurrenz gewählt?
Ja. Als wir vor zwanzig Jahren lokale Konkurrenz erhielten, haben wir uns bewusst gesagt, dass wir nicht in die selbe Richtung abzweigen wollen. Nicht mehr Emotion, Themen nicht primär am Markt ausrichten. Wir haben damals ja bereits ähnliche ausländische Beispiele gekannt, wir gingen davon aus, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen wird, an dem man unsere Arbeit im allgemeinen Lärm wieder schätzen wird.
War es bisweilen nicht schwierig, diesen Kurs durchzusetzen -- auch gegen interne Widerstände?
Doch, das schon. Es gab immer wieder Auseinandersetzungen über diese Frage. Wir stehen unter einem ständigen Konkurrenzdruck, was die Themenwahl betrifft. Ein spektakulärer Unfall oder eine spektakuläre Kriminalgeschichte erhält plötzlich ein Echo, das weit über deren eigentliche Relevanz hinausgeht. Wie wir damit umgehen wollen, müssen wir uns dabei immer wieder von neuem fragen.
Auch Sie sind doch bis zu einem gewissen Punkt gezwungen, die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit zu befriedigen.
Selbstverständlich. Aber wir ziehen solche Themen sicherlich nicht selber gross an. Wenn ein Thema jedoch eine gewisse Dimension erreicht hat, berichten auch wir darüber. Aber wir versuchen dabei einen Ansatz zu finden, der über das übliche Medienangebot hinaus reicht. Der Herr F. in Österreich kommt im "Echo" nicht riesig. Wir schalten nicht vor sein Haus. Aber wir stellen grundsätzlichere Fragen in diesem Zusammenhang.
Sie sprechen immer im Plural. Wie sehr haben Sie persönlich diesen Kurs geprägt und durchgesetzt?
Diese Linie wurde bereits vor mir verfolgt -- ich habe sie bloss weitergezogen. Trotz aller Unaufgeregtheit und der Berücksichtigung der Relevanz im Inhalt habe ich aber stets darauf geachtet, dass wir unsere Beiträge möglichst gut verkaufen und Formen finden, um unsere Themen "schmackhaft" zu machen. Falls uns dies gelungen ist, ist das aber nicht mein alleiniger Verdienst.
Diese Woche kündigten nicht nur Sie Ihren Rücktritt an. Auch der langjährige SR DRS-Korrespondent Max Schmid geht in Pension. Kommt es zu einem Generationenwechsel?
Ja und nein. Es ist ein Zufall, dass die Bekanntgabe meines Rücktritts und jener von Max Schmid zeitlich zusammenfallen. Richtig aber ist, dass wir beide einer Generation von Radiojournalisten angehören, die anfangs und Mitte achtziger Jahren ihre Karriere angefangen haben und nun so langsam ins Alter kommen.
Besteht nun die Gefahr, dass das "Echo der Zeit" von seiner gegenwärtigen Linie abschwenkt?
Das hoffe ich nicht. Und das glaube ich auch nicht. Ich selber werde ja auch weiter für die Sendung arbeiten -- ich gebe lediglich die Führungsfunktion ab. Das Konzept der Sendung steht. Wo mein Nachfolger allenfalls andere Akzente setzt, weiss ich natürlich nicht.
Sie sind seit den späten siebziger Jahren beim Schweizer Radio DRS. Wie hat sich die Radiolandschaft in dieser Zeit verändert?
Die Geschwindigkeit hat sich im ganzen Geschäft enorm erhöht. Ein Korrespondent hat bei einem Ereignis früher zwei, vielleicht auch drei Beiträge geschrieben. Heute sind es fünf, sieben, neun. Erfuhr ein Korrespondent früher über ein Ereignis, reichte es, wenn er in der nächsten Primetime einen Beitrag brachte. Heute muss man sofort zu schreiben beginnen, kaum hat man vom Ereignis gehört. Diese Entwicklung hat mit dem Medium Radio zu tun, aber auch mit den anderen Medien. Etwa mit Newssendern und mit Zeitungen, die mit ihren Websites heute jedes Thema sofort aufdatieren.
Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung auf Ihre Sendung?
Wir waren immer schon auf die Minute aktuell. Wir versuchen einfach, zeitlich schnell, aber inhaltlich nicht hektisch zu reagieren.
Auf den ersten Blick scheint das "Echo der Zeit" vom technischen Wandel der vergangenen Jahre unberührt. Stimmt dieser Eindruck?
Nein. Das "Echo" hat sich stark gewandelt. Wir haben uns aber -- ähnlich wie die "Neue Zürcher Zeitung" -- jeweils in kleinen Schritten bewegt. Vergleicht man aber das "Echo der Zeit" aus den Achtziger Jahren mit der heutigen Sendung, dann glaubt man kaum, dass das die gleiche Sendung ist. Das hat mit formalen, journalistischen Elementen zu tun, aber auch mit technischen. Heute lässt die Technik vielmehr Gestaltungsmöglichkeiten zu: Wir können viel schneller Beiträge schneiden und redigieren, der Korrespondent kann Originaltöne viel schneller in den Beitrag einbauen, als früher, als er noch mit Band arbeitete.
Sie haben gegenüber ihrer lokalen Konkurrenz den grossen Vorteil, auf ein sehr dichtes und teures Korrespondentennetz zurückgreifen zu können. Zugleich hat die SRG mehrere Sparrunden hinter sich. Gab es nie Druckversuche von oben, das Korrespondentennetz aufzulösen?
Gar nicht -- und das ist erstaunlich. Sowohl die früheren Radiodirektoren und Chefredaktoren als auch die gegenwärtigen haben das Korrespondentennetz stets als Errungenschaft verstanden. Obwohl darin ein gigantisches Sparpotenzial läge. Wenn ein Radiodirektor einmal die Zahlen ins Lot bringen muss, dann offeriert sich ihm hier ein grosse Möglichkeit. Es besteht aber seit zwanzig Jahren ein ständiger Konsens, dass das Korrespondentennetz nicht angefasst wird.
Wenn Sie nun zurückschauen auf Ihre bisherige Zeit beim Radio: Welche Ereignisse aus dem In- und Ausland bleiben in Ihrer Erinnerung haften?
Wahrscheinlich sind es -- traurigerweise -- die schlimmsten Ereignisse: In den achtziger Jahren ganz sicher Tschernobyl, als eine Nuklearwolke aufstieg und sich in unsere Richtung bewegte. Wir haben uns damals die Finger wund gewählt, um mit Spezialisten sprechen zu können. Tagelang berichteten wir über das Thema und hatten zugleich selber grosse Befürchtungen. Wir haben uns gefragt, wie wir mit dieser Situation journalistisch sauber umgehen sollen. Selbstverständlich werde ich aber auch 9/11 nie vergessen. Wir sassen im Redaktionsraum als wir vom ersten Flugzeug erfuhren, das in den Wolkenkratzer stürzte. Danach schauten wir im Fernsehen gebannt zu, wie das zweite Flugzeug auf die Tower Kurs nimmt. Wir realisierten sofort, dass wir Zeugen eines weltgeschichtlichen Ereignisses sind, das sich auf Jahrzehnte hinaus auswirken wird. Das Chaos, das danach im Newsroom entstanden ist! Es war unbeschreiblich, alle haben nur noch aus der Hüfte heraus agiert -- trotzdem war unsere Berichterstattung im Ergebnis gut.
(Interview: David Vonplon)

