02.10.2001

"In Osteuropa hat es noch für alle Platz"

Seit dem 1. Oktober setzt Pierre Lamunière (Bild), Präsident der Edipresse-Gruppe, auf den ehemaligen Reuters-Mann Jean-Claude Marchand und hat ihn als Generaldirektor eingestellt. Im Interview im "persönlich", das diese Woche erscheint, erklärt Lamunière, wohin das Westschweizer Medienunternehmen mit dieser Konstellation will und weshalb ihn Flamenco und brasilianische Musik begeistern. "persoenlich.com" bringt heute bereits einen Ausschnitt.
"In Osteuropa hat es noch für alle Platz"

Monsieur Lamunière, Jean-Claude Marchand arbeitet neu bei Edipresse als Generaldirektor. Was heisst das für das operative Geschäft Ihres Unternehmens?

Bis anhin habe ich als Verwaltungsratspräsident, Delegierter und Generaldirektor zu viele Funktionen gleichzeitig bekleidet. Es ist ungesund, wenn sich eine so grosse Verantwortung in einer Firma auf eine einzige Person beschränkt. Daher wird es eine neue Aufgabenverteilung geben. Herr Marchand wird sich um das Operationelle kümmern, und ich werde mich vermehrt auf die Strategie und Ziele des Unternehmens konzentrieren. Zugleich werde ich die Fortsetzung der verschiedenen Publikationen im Auge behalten, also die Verantwortung für die Publizistik übernehmen.

Haben Sie bereits erste Projekte, auf welche Sie sich nun vermehrt konzentrieren können?

Ja. Bekanntlich geben wir in der Schweiz und in diversen europäischen Ländern um die 80 verschiedene Publikationen heraus. Diese müssen immer wieder überdacht und verbessert werden. Das bedeutet enorme Arbeit, und ich könnte das keinesfalls alleine machen. Natürlich setzen wir unsere Priorität auf unsere Hauptobjekte wie Quotidien und die Magazine mit den hohen Auflagen. Wir überarbeiten auch regelmässig die Form unserer Zeitungen, wie das der Neuauftritt von Le Matin im Tabloidformat beweist.

Ist für Sie die neue Konstellation bei Edipresse ein neuer Lebensabschnitt?

Eigentlich schon, doch mache ich mir keine zu grossen Illusionen, dass ich dadurch viel weniger arbeiten werde. Aber vielleicht werde ich effizienter, weil ich mich auf Gebiete konzentrieren kann, in denen meine Werte voll zum Zug kommen.

Was würden Sie denn als Ihre grössten Fehler während Ihrer Laufbahn bezeichnen?

Schwierig (lacht). Manchmal habe ich wie viele andere Lust, die Zeit zurückzudrehen, wenn ich eine schlechte Entscheidung getroffen habe. Ich glaube jedoch nicht, dass ich sehr viele Fehler begangen habe, aber es gibt sicher Chancen, die ich verpasst habe, denn sie haben sich im Nachhinein als ausgezeichnete Möglichkeiten erwiesen. Es gab manchmal Titel, die ich erfolglos lanciert habe. Einen guten Unternehmer erkennt man eher daran, wie er mit Geld umgeht, als wie viel Geld er hat.

Von welchen verpassten Möglichkeiten sprechen Sie?

Wir haben beispielsweise zu lange die Macht der regionalen und lokalen Presse unterschätzt. Das sind Zeitungen von kleineren bis mittleren Dimensionen, die lokal und regional sehr stark verankert sind. Heute, wo uns die Wettbewerbskommission eine dominierende Position zuschreibt, ist es für uns viel schwieriger, mit diesen Zeitungen zu einem Übereinkommen zu gelangen. Vor 15 oder 20 Jahren hätten wir absolut Gelegenheiten gehabt, diese Zeitungen zu kaufen oder Konkurrenzprodukte auf den Markt zu bringen. Das wäre eine epochale Gelegenheit gewesen. Ausserdem haben wir im Ausland neue Projekte nicht weiterentwickelt, die wurden dann von der Konkurrenz erfolgreich aufgenommen und durchgezogen. Zum Beispiel hatten wir die Möglichkeit, in Polen die polnische Version von Newsweek zu lancieren. Wir haben dieses Projekt zurückgestellt, weil es unsererseits keine erste Priorität hatte. Nun wurde es von Springer mit einem Riesenerfolg lanciert.


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