10.01.2012

Rücktritt Hildebrand

Inland-Presse zollt Respekt

Einige sehen den Rechtsstaat gefährdet.

Die Schweizer Presse reagiert überwiegend mit Bedauern auf den Rücktritt von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand und zollt ihm Respekt für den Schritt, der das Ansehen der Institution schütze. Allerdings wird die Demission als unausweichlich beurteilt. "Das verdient Respekt", meint das St. Galler Tagblatt. "Hut ab!" schreibt ihrerseits die "NZZ". Es sei "selten geworden in der heutigen Zeit, dass ein Verantwortungsträger des öffentlichen Lebens die Konsequenzen aus einer äusserst trüben Affäre" ziehe. Üblich sei Sesselkleberei.

Hildebrand, ein "kluger und international bestens vernetzter Kopf", sei in seiner Funktion ersetzlich, müsse es sein - "alles andere wäre ein eklatanter Widerspruch zur Stellung und Unabhängigkeit der SNB". Die "NZZ" prangert aber auch den "dreisten Datendiebstahl" innerhalb der Bank Sarasin an und spricht von "politisch irrlichternden Kreisen". Die Verantwortlichen seien "für allfällig straf- und medienrechtliche Verfehlungen" schonungslos zur Verantwortung zu ziehen. Das gelte "insbesondere für Christoph Blocher selbst, der sich inzwischen in zu viele widersprechende Deutungen seiner Rolle verliert".

Hildebrand sei keine andere Wahl geblieben als der Rücktritt, schreibt der "Tages-Anzeiger". Völlig freiwillig sei dieser offenbar auch nicht gewesen. Mit einem "Befreiungsschlag" trete Hildebrand nun "aufrecht" ab. Das Misstrauen im Bankrat sei gewachsen - "ein Gift, das die Glaubwürdigkeit eines Notenbankers zersetzt", schreibt der "Tages-Anzeiger" weiter. Allerdings habe auch die Kampagne einzelner Medien "mehr und mehr die Züge einer Treibjagd" gehabt. Für den "Bund" muss verhindert werden, dass die Nationalbank "Spielball parteipolitischer Interessen wird."

'Hildebrand selbst schuld'

"Wer ist schuld, wenn nicht Hildebrand selbst?", titelt hingeen die "Basler Zeitung" (BaZ). Der Nationalbankpräsident habe "die richtigen Konsequenzen aus seinen falschen Handlungen gezogen", argumentiert Chefredaktor Markus Somm, Biograph von Christoph Blocher und früherer stellvertretender Chefredaktor der "Weltwoche". "Hildebrand ist kein Opfer. Er musste gehen", ist Somms Fazit. Denn: "Wäre Hildebrand länger im Amt geblieben, hätte sich im Ausland der Eindruck festgesetzt, in der Schweiz halte man Insider-Geschäfte eines Notenbankchefs für akzeptabel, - sofern die Frau oder andere nahe Verwandte diese Methoden praktizierten", begründet der BaZ-Chefredaktor.

Und die "Luzerner Zeitung" schreibt: "Für Devisengeschäfte auf dem Privatkonto eines Notenbankers gibt es in der zivilisierten Welt keinen Platz." So "integer" Hildebrand erschienen sei, so sorglos habe er sich im Umgang mit seinen Konten verhalten. Entscheidend sei hinzugekommen, dass Hildebrand nicht auf eine funktionierende Kontrollbehörde habe zählen können.

Aus Sicht der Westschweizer Medien muss sich Hildebrand eine gewisse Selbstgefälligkeit vorwerfen lassen. Hildebrand sei wohl überzeugt gewesen, dass ihm nichts passieren könne, schreibt "24 Heures". Auch für "Le Matin" ist klar: "Ein Zentralbanker, so brillant er auch sei, muss punkto Ehrlichkeit über alle Zweifel erhaben sein."

Unschuldsvermutung umgekehrt

Die "Südostschweiz" spricht von "beträchtlichem Kollateralschaden" und sieht schwarz für den Rechtsstaat Schweiz. "Grossinquisitor Christoph Blocher und sein Schnellgericht von der 'Weltwoche' haben es flugs geschafft, die Unschuldsvermutung, einen der wesentlichsten Pfeiler jeder demokratischen Rechtsordnung, in ihr Gegenteil zu verkehren."

Der "Blick" geht davon aus, dass Blocher nun "erst recht nicht ruhen wird." Wer ihm nicht folge, "gerät ins Visier und wird mit legalen und illegalen Methoden verfolgt." Für die Westschweizer "Le Temps" trägt Blocher einen doppelten Sieg davon - sowohl politisch wie persönlich als unerschrockener Kritiker der Elite. Dahinter kündige sich aber ein "unerbittlicher Kampf gegen Institutionen und Persönlichkeiten" dieses Landes an, prognostiziert "Le Temps". (sda)