Herr Voigt, die Paywall ist das grosse Branchen-Thema. Interessiert Sie diese Debatte überhaupt? 20min.ch wird ja gratis bleiben.
Ja, wir werden weiterhin gratis bleiben. Wir finanzieren uns bisher sehr erfolgreich über Werbung, dies wollen wir auch weiterhin tun. Ich bin aber sehr gespannt, wie der Markt auf die Paid-Modelle reagiert.
Im Gegensatz zu blick.ch ist bei 20min.ch die App sogar gratis. Werden Sie auch daran festhalten?
Ich wäre doof, wenn ich jetzt Geld für die App verlangen würde! Der Mobile-Markt entwickelt sich erst und er wird noch sehr stark wachsen. Ausserdem brauchen wir die Leser-Masse für Input und Kommerzialisierung. Die Blick-App mit einmaligen 4 Franken kann man aber nicht wirklich als Bezahlmodell bezeichnen.
Wenn nun tagesanzeiger.ch bald die Kostenpflicht einführt und 20min.ch weiterhin gratis bleibt: Müssen sich die beiden Tamedia-Portale nicht noch stärker differenzieren? Es wäre naheliegend 20min.ch nur noch mit simpel gesagt Trash zu füllen und daneben Eigenrecherche, Analyse und Hintergründiges dem hauseigenen Konkurrenten tagesanzeiger.ch zu überlassen.
In den Augen vieler servieren wir ja jetzt schon nur Trash! (lacht). Aber für uns ist anderes wichtig: Die Leserschaft von tagesanzeiger.ch wird sich nach der Paywall wieder eher aus den traditionellen Tagi-Print-Lesern zusammensetzen. Diese ist eine andere als unsere. Wir haben früher teilweise unsere Angebote zu stark vermischt. In dem Sinne dass tagesanzeiger.ch plötzlich auf Tempo und News setzte, während 20min.ch zeigen wollte, dass es auch staatstragend sein könnte. Die Leser wollen aber unseren Mix aus Information und Zeitvertreib.
Tagesanzeiger.ch muss punkto News also einige Gänge zurückschalten, während 20min.ch die Geschwindigkeit beibehalten wird. Setzen Sie künftig noch mehr auf Agenturmeldungen, Lifestyle- und Peoplestorys und verabschieden sich gleichzeitig von Hintergründigem?
Ja, wir wollen sicher weiterhin die Schnellsten sein und wir wollen Soft-Themen nicht aus den Augen lassen. Aber grundsätzlich müssen wir darüber berichten, was passiert. Das erwarten die Leute vom grössten Newsportal der Schweiz. Und da gibt es zahlreiche Themen, wo Agenturmeldungen nicht reichen, sondern Hintergründe und Zusammenhänge wichtig sind. Z. B. damals bei der Bankenkrise: Da verzeichneten wir die höchsten Klickzahlen bei den UBS-Geschichten! Dies zeigt: Bei wichtigen Ereignissen, muss ich jedoch auf Spezialisten zurückgreifen können.
Ist dies Wunschdenken oder tatsächlich möglich? Damals publizierten Sie ja mehrmals Texte vom bekannten Zürcher Wirtschaftsjournalisten Lukas Hässig. Das störte ihre unternehmensinternen Mitbewerber beim Tagesanzeiger sehr. Werden solche Experteneinschätzungen weiterhin auf 20min.ch zu lesen sein?
Lukas Hässig behandelt weiter bei uns Bankenthemen oder etwa die ganzen Steuer-Debatte. Da läuft ja auch viel. Man kann nicht der Konkurrenz einen Vorwurf machen, wenn sie bei wachsendem Lesererfolg kompetente Journalisten einsetzt. Ein bisschen Heimatschutz darf sein, aber wir können keine Berichterstattung in Themen weglassen, die im Brennpunkt des Interesses stehen.
Der hausinterne Konkurrenzkampf scheint sogar stärker als derjenige zwischen 20min.ch und Blick.ch.
Das Newsnet ging an den Start mit der klaren Ansage, die neue Nummer 1 im Markt werden zu wollen. Ich hatte den gleichen Auftrag. Da ist es ja klar, dass sie nicht nur Knowhow und Nettigkeiten austauschen. Aber inzwischen sehen das Tagi.ch-Chefredaktor Peter Wälty und ich wesentlich gelassener. Wir tauschen uns in Schlüsselfragen tatsächlich aus. Als Hauptkonkurrent haben wir ganz klar den Blick im Fokus, aber ich schlage den Blick nicht, indem ich auch Boulevard aus den 1950er-Jahren mache, sondern mit zeitgemässeren Ansätzen.
Sie beschreiben sich als "schnelles Newsportal gepaart mit Unterhaltung und Zeitvertreib".
Genau, zwischen diesen Leitplanken liegt unser Angebot. Es ist ein grosses Privileg der Marke "20 Minuten", dass wir diesen Mix so entspannt liefern können. Diese Mischung müssen wir immer treffen, sonst misslingt es. Denn wenn ich nur Relevantes liefere, wird der Besuch auf unserer Seite zur Arbeit, wenn ich nur Banales liefere, verliere ich Relevanz und Glaubwürdigkeit. Und diese Glaubwürdigkeit brauche ich für die richtige Positionierung.
Glaubwürdigkeit als Ihre Positionierung?
Wir definieren uns inhaltlich nicht über Artikelanzahl oder Stellenprozente im Wirtschafts- oder im People-Ressorts, sondern aus unserer Position dem Leser gegenüber. Und unserem Publikum begegnen wir nicht von der Kanzel herab, sondern auf Augenhöhe. Die Leser wissen inzwischen, dass wir glaubwürdig sind und ehrlich und fair etwa mit ihren Zusendungen umgehen. Deshalb bekommen wir ja auch so viele Kommentare, Leserbilder, Umfrageteilnehmer, Hinweise auf Geschichten zugeschickt. Das ist die direkte Konsequenz unserer Glaubwürdigkeit und unserer Art der Positionierung.
20min.ch als Mitmachportal: Das hat aber nicht mehr viel mit Journalismus zu tun.
Im Gegenteil. Das ist hohe Schule. Wir senden und empfangen. Doch die Leser sind nie Reporter oder Journalist sondern immer nur Augenzeuge. Die Inputs der Leser journalistisch umzusetzen, ist hoch spannend. Das stellt auch höchste ethische Ansprüche, wie sie etwa mit Leserinputs umgehen. Da kann viel Schaden angerichtet werden. Denn die User bilden nach kurzer Zeit das ab, was sie auf dem Portal zeigen.
Haben Ihre Journalisten ein anderes Profil als diejenigen von Newsnet/Tagesanzeiger?
Ich weiss nicht genau, was für Journalisten beim Newsnet gesucht werden, aber grundsätzlich müssen Online-Redaktoren vor allem eins vor Augen haben: Das Publikum und ja nicht die Journalisten-Kollegen. Ich glaube, ein Online-Journalist stellt sich viel mehr in den Dienst der Leser, da sich die Leser viel bemerkbarer machen. Das ist eine Symbiose. Ich habe den Leser auch schon als den grössten Komplizen der Online-Journalisten bezeichnet.
Sie sagten, blick.ch und tagesanzeiger.ch seien Ihre härtesten Konkurrenten. Inwiefern bewegt sich Joiz im selben Leser- und Werbemarkt?
Ich wollte, ich würde Joiz als Konkurrent im Werbemarkt ernst nehmen müssen! Aber das ist leider keine arrogante Aussage, sondern die Feststellung, dass der digitale Werbemarkt im Bewegtbild-Bereich noch sehr auf sich warten lässt. 20min.ch und Joiz pflegen deshalb ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Wir arbeiten in diversen Engagements, wie etwa die Walliser Sitcom "Tschutter", eng zusammen und versuchen gemeinsam, Projekte zu ermöglichen. Aber sobald es um den Werbemarkt geht, kündigen wir die Freundschaft, graben das Kriegsbeil aus und bekämpfen uns bis aufs Blut! (lacht)


Besonders gute Aussicht: Der Dachstock ist für 20min.ch und "20 Minuten" reserviert.
Sie werden im nächsten Jahr in den obersten Stock des Tamedia-Neubaus umziehen (persoenlich.com berichtete und siehe Bilder oben). Werden die je rund 55 Redaktoren von 20min.ch und "20 Minuten" nun definitiv als eine Redaktion zusammengelegt?
Wir haben zwar keinen Newsroom, den wir quasi als Schaukäserei herzeigen können, doch Online und Print arbeiten schon länger sehr nah zusammen. Rund 25 bis 30 Prozent der Inhalte von 20min.ch fliessen ins Print, rund 10 Prozent der "20 Minuten"-Printausgabe fliessen ins Online. Zudem führen wir gewisse Ressorts gemeinsam: Unsere Unterhaltungs-, Digital- und Wirtschafsredaktoren arbeiten jetzt schon für beide Produkte. Eine weitere Ressort-Zusammenlegung macht aus meiner Sicht wenig Sinn, denn um die Kanäle Print und Online zu bespielen, braucht es Spezialisten.
Sie arbeiten schon länger konvergent, ohne dies an die grosse Glocke zu hängen.
Ja klar! Das ist vielleicht nach aussen nicht so sichtbar. Aber Print-Chefredaktor Marco Boselli bezeichnete jüngst treffend, dass der Grad der Zusammenarbeit zwischen "20 Minuten"-Print und -Online von anderen Redaktionen - auch hier im Hause Tamedia - als Science Fiction bezeichnet würde. Wir sind keineswegs überall fertig, aber was andere nun anstreben, ist bei uns in vielen Bereichen selbstverständlich.
Wird es weiterhin zwei Chefredaktoren geben, sprich Sie und Marco Boselli?
Da müssten Sie jetzt meinen Chef fragen, ich weiss das nicht. Auf eine Art spielt dies keine so grosse Rolle, denn wichtig ist ja, dass jeder Kanal also Print und Online einen starken Interessensvertreter hat. Ob diesen nun noch eine Person übergeordnet wird, das ist eine strategische- oder finanzielle Frage.
Sprechen wir nochmals über das Geschäftsmodell: 20min.ch verzeichnet mittlerweile mehr Zugriffe über mobile Endgeräte, als über stationäre (vgl. net-metrix.ch). Die Werbung auf 20min.ch erreicht also momentan nur etwa die Hälfte der Nutzer.
Das ist tatsächlich so. Das Bewusstsein um diese attraktiven, neuartigen Werbeformen, welche über Mobile möglich sind, hat sich sowohl bei den Nutzern, wie auch bei den Werbetreibenden noch nicht verankert. Doch dies wird sich ändern. Für uns wird es enorm wichtig sein, wie wir den Mobile-Werbemarkt besser erschliessen können. Der Mobile-Markt ist aber eine riesige Chance und ich freue mich diebisch über unseren gigantischen Marktanteil. (lacht)
Sie experimentieren, in dem sie z.B. die Wettbewerbe nicht mehr nur auf der Desktop-Page führen, sondern diese als eigenständige Rubrik "Wettbewerbe" unten in die Mobile-Applikation integrieren?
Ja. So haben wir festgestellt, dass dadurch etwa fünf Mal mehr Leute an Wettbewerben mitmachen. Der Handyzugriff ist also viel stärker direktauslösend.
Nicht unbedingt. Das rührt wohl vor allem daher, dass "Wettbewerbe" als Rubrik optisch wie ein journalistisches Gefäss daherkommen.
Dies sieht ehrlich gesagt auf der Destop-Page auch nicht viel anders aus. Viel wichtiger ist, dass sich der Mobile-Nutzer in einer völlig anderen Situation genutzt. Mobile wird in der Freizeit genutzt, während Desktop eher die Nutzung am Arbeitsplatz dominiert. Wir haben zum Beispiel einen Versuch mit verschiedenen Kunden gemacht. Möbel-Pfister z.B. war sehr zufrieden mit der Leser-Interaktion und hat fürs nächste Jahr grossflächig unser iPad-Angebot gebucht.
Welche weiteren Werbeformen sind sonst noch möglich?
Wenn nächstes Jahr Migros und Coop Handy-Bezahlsysteme einführen, bringt uns dies neue, sehr interessante Möglichkeiten. Wenn das Handy gleich zum Portemonnaie wird und Einkäufe direkt der Handy- oder Kreditkartenrechnung zugeordnet werden, ist es nur ein kleiner Schritt von der Aufmerksamkeit, die uns die Leser schenken, zum Umsatz bei unser Kundschaft. Wir erreichen mobil zurzeit rund 1,6 Millionen Nutzer, was Werbetreibenden heute schon eine gigantische Ansprache ermöglicht.
Wie wird 20min.ch in zwei Jahren aussehen?
Der Trend wird massiv zur mobilen Nutzung gehen und das bleibt nicht ohne Folgen. Wir haben jetzt schon auf 24-Stunden-Ganzjahres-Betrieb umgestellt. Aber durch die mobile Nutzung verschiebt sich der Informationskonsum noch stärker Richtung Wochenende. Dort haben wir zurzeit klar das schnellste Wachstum. Da werde ich die Redaktion anpassen müssen. Inhaltlich werden wir uns noch mehr in den Dienst der Leser stellen und umgekehrt. Wir denken zurzeit etwa über einen Reisechannel nach, der von uns inhaltliche Impulse erfährt, aber mehr oder weniger von den Lesern bestritten wird. Die waren ja schon überall, wissen Geheimtipps und haben überall hervorragende Bilder gemacht. Da werden andere Beispiele folgen. Ausserdem sind wir bereit, wenn die ganze Big-Screen-Geschichte losgeht. Wenn Apple was Ähnliches hinkriegt, wie mit den iPhones, dann sind wir mit unserer Mobile-Verbreitung die ideale Community-Ergänzung. Ich glaube fest daran, dass die Menschen in Zukunft gemeinsam etwas anschauen möchten, aber nicht zusammen auf dem Sofa sitzen wollen. Und das Sofa ist eigentlich der letzte Bereich, der "20 Minuten" in seinem Rund-um-Angebot noch fehlt.
Interview: Edith Hollenstein

