Herr Walpen, vor einem Jahr wurden Tele 24 und TV3 eingestellt, jetzt sind Sie wieder allein im Geschäft. Macht Sie das glücklich?
Nein, im Gegenteil. Ich wäre sogar froh, wenn es die beiden Sender noch gäbe. Es war mir aber immer klar, dass die beiden Sender keine Überlebenschance haben, dazu ist der Deutsch-schweizer Markt zu klein. Realitäten akzeptiert man, oder man scheitert. Wenn einer eine minime Chance gehabt hätte, wäre es aber TV3 gewesen, deren Programm eine Ergänzung zur SRG SSR darstellte. Gucken Sie nur nach Deutschland: Auch die dortigen Privatsender konnten die ARD oder ZDF nicht auf der Informationsschiene angreifen.
Dann ist ein wirklicher Wettbewerb gar nicht möglich
Seit ich Generaldirektor bin, hat sich die SRG SSR nie gegen ein privates Projekt gestellt. Das Problem ist weder die SRG SSR noch die Gesetzgebung, sondern die Grösse des Marktes. In der kleinen Deutschschweiz ist nicht einmal ein Vollprogramm möglich. Wenn Sie die angrenzenden Länder Deutschland, Frankreich, Italien betrachten, machen Sie eine interessante Feststellung: Für ein Vollprogramm benötigen Sie etwa 10 Millionen Einwohner mit fünf Millionen liegt die Deutsch-schweiz darunter. Selbst das sehr erfolgreiche SF DRS mit über vierzig Prozent Marktanteil erwirtschaftet lediglich 220 Millionen Franken an kommerziellen Einnahmen. Die Ausgaben betragen rund 500 Millionen Franken. Um den Break-even zu erreichen, müsste der Umsatz demnach mehr als verdoppelt, für einen akzeptablen ROI gar verdreifacht werden, ein Ding der Unmöglichkeit.
Sie sprechen von Ihrem Informationsmonopol. Aber gerade beim Swissairdebakel war Tele 24 schneller als die SRG SSR.
Schneller oder nicht schneller ist doch nicht entscheidend; es stellt sich vielmehr die Frage, welcher Journalismus gepflegt wird. Auf strategischer Ebene kann man die SRG SSR im Nachrichtenbereich nicht angreifen. Allein die Tatsache, dass sich Tele 24 während dreier Jahre seiner Existenz nicht weiterentwickelt hat, beweist dies. Tele 24 war und blieb ein Misserfolg, TV3 hingegen kam teilweise auf fünf, sogar sechs Prozent Marktanteil. TV3 wäre der Konkurrent geworden und nicht Tele 24. Dies hat sich bereits in Deutschland beim Aufkommen der kommerziellen Konkurrenz gezeigt: Service-public-Sender kann man nicht auf der Informationsschiene angreifen.
Aber diese Konkurrenz hat das doch Schweizer Fernsehen belebt. So brachte SF DRS beim Columbia-Unglück anfangs Februar im Gegensatz zur ausländischen Konkurrenz keine Sondersendungen. In den Tele 24-Zeiten hatte SF DRS -- salopp gesagt -- beinahe jede Pressekonferenz live übertragen, um nichts zu verpassen. Die Konkurrenz hat ihr Produkt doch besser gemacht
Oder schlechter. Dieser Informationshype war für uns beim Start von Tele 24 ein echtes Problem. Die Geschwindigkeit war die einzige Chance des Privatsenders im Kampf gegen die SRG SSR, mit dem Resultat aber, dass auch unsere Journalisten, die mehrheitlich in Zürich leben, von diesem Virus befallen wurden. Abends stichelten die Journalisten, wer wieder schneller gewesen war, es entstand eine ungesunde Konkurrenzsituation. Nein, Aufgabe der SRG SSR ist es nicht, immer möglichst rasch und schnell zu informieren. Wir möchten nicht primär das dampfende Blut zeigen, sondern die Frage beantworten, warum es dampft. Man darf nicht alles einer schnellen Berichterstattung unterordnen. Das können und wollen wir nicht.
Aber gerade beim Absturz der Columbia wollten Ihre Zuschauer möglichst schnell informiert werden, was auch die Rekordzuschauerzahl der Tagesschau zeigte.
Das war ein richtiger Entscheid von Chefredaktor Ueli Haldi-mann. Ich habe die ganze Sache auf CNN beobachtet, immer die gleichen Bilder mit den gleichen Rauchschwaden und den gleichen zerberstenden Teilen. Derartige Berichterstattung befriedigt in erster Linie den Voyeurismus, nicht aber die Informationsbedürfnisse.

