26.09.2012

NZZ

Interview mit CEO Albert P. Stäheli

"Felix E. Müller ist das stärkste Pferd im Stall".
NZZ: Interview mit CEO Albert P. Stäheli

Die Medien berichten über einen Machtkampf in der NZZ-Führungsriege und neue Sparmassnahmen. Im Zentrum der Aufregung steht CEO Albert P. Stäheli, der als Spar-Onkel gilt. Seit dem Abgang von Marius Hagger ist er nicht nur CEO, er amtet gleichzeitig auch als Verlagsleiter. Hat der 63-Jährige von Marketing tatsächlich eine Ahnung? Gegenüber persoenlich.com spricht er über sein Image, über Falsch- und Nullmeldungen, sein Steckenpferd "Digitale Zukunft" und wieso Felix E. Müller nicht mehr Einsitz in der Geschäftsleitung hat. Das Interview:

Herr Stäheli, wie lange sind Sie noch CEO der NZZ?

Wenn ich das wüsste. Ich bin jetzt 63 und es gibt die ordentliche Pensionierungsschwelle 65. Daran kann ich nichts ändern.

Sie wurden auch schon als Kandidat für das Verwaltungsratspräsidium der NZZ gehandelt, dementierten aber, an diesem Amt Interesse zu haben. Ist das nach wie vor so?

Ja, das gilt immer noch. Ich vermute, mit diesen Gerüchten, die ja bald ein Jahr alt sind, wurde versucht, einen Keil zwischen mich und den damaligen Präsidenten, Konrad Hummler, zu treiben. Wir sind aber auch in den für ihn sicher nicht leichten Zeiten vertrauensvoll miteinander ausgekommen.

Die WOZ vermeldet, dass Franz Steinegger nicht mehr interimistisch Verwaltungsratspräsident ist, der Tagesanzeiger meldet, dass Felix E. Müller nicht mehr in der Geschäftsleitung sitzt. Wieso agiert die NZZ so passiv und vermeldet solche Wechsel nicht selbst?

Felix Müller war immer schon dem publizistischen Leiter Markus Spillmann unterstellt, hier hat sich nichts verändert. Die Redaktionen vertritt jetzt Markus Spillmann alleine in der Bereichsleitung Zürich – das ist der ganze Unterschied. Beim WOZ-Artikel zu Franz Steinegger handelt es sich um eine absolute Null-Meldung. Seit dem 17. Februar ist Steinegger der Präsident des Verwaltungsrats. Das wurde klar als interimistische Lösung kommuniziert. Bis dann die Mutation im Handelsregister erscheint, dauert es nun mal eine Weile. Ein Journalist der WOZ hat den Eintrag im Handelsregister gesehen und sich gedacht, Steinegger sei neu Verwaltungsratspräsident der NZZ geworden. Das ist natürlich ein Witz, denn der Verwaltungsrat hat Steinegger dieses Amt am 17. Februar übertragen, und er wird es noch genau bis zur nächsten Generalversammlung inne halten. Das ist keine Neuigkeit, ich hätte nicht gewusst, was es da zu vermelden gäbe.

Der "Tagesanzeiger" schreibt von Machtkampf und Sparrunde bei der NZZ. Auch hier schien ihre Kommunikationsabteilung den Geschehnissen hinterherzuhinken.

Das stimmt nicht. In diesem Artikel war von A bis Z überhaupt nichts richtig, es wurden nur Häme gegen uns ausgeschüttet. Der Artikel war eine einzige Kolportage von Gerüchten, die wahrscheinlich zum Teil sogar aus unserem eigenen Haus gekommen sind und ungeprüft in den "Tagesanzeiger" abgefüllt wurden.

Wieso haben Ihre eigenen Leute Interesse daran, falsche Gerüchte über ihr Unternehmen zu verbreiten?

Da fragen Sie mich etwas, das ich auch nach vierzig Jahren in diesem Metier nicht verstehe. Vielleicht hat es mit Ungewissheit oder Unsicherheit was die eigene Zukunft angeht zu tun. Vielleicht ist es auch nur eine Ventilfunktion, die man halt spontan ergreift, wenn sie sich bietet.

Auch die aktuelle Ausgabe des "Schweizer Journalist" schreibt über einen Machtkampf in der NZZ und zitiert anonyme Quellen aus ihrem Haus.

(zitiert sinngemäss) Eine nicht genannt sein wollende Person aus dem Kader (lacht)… Es herrscht kein Machtkampf. Weder zwischen Stäheli und Felix E. Müller noch mit sonst jemandem! Natürlich ist es für einen Betrieb nicht einfach, wenn innerhalb kurzer Zeit so viele Wechsel in der strategischen Führung stattfinden. Die NZZ erhält im nächsten Frühjahr den vierten Präsidenten innerhalb von gut drei Jahren. Diese Wechsel rufen das Interesse von Journalisten hervor und führen zu Spekulationen. Das liegt in der Natur der Sache.

In den beiden angesprochenen Artikeln kommen auch die Freunde der NZZ zu Wort. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu diesen bezeichnen?

Durchaus positiv. Wer hat nicht gerne Freunde! Die Frage ist aber, ob sich diese richtig informiert haben, bevor sie Kommentare abgeben. Wenn diese Freunde sich etwa zu einem geplanten Liegenschaftsverkauf äussern und behaupten, die NZZ würde ihr Tafelsilber verscherbeln, finde ich das bedauerlich. Fakt ist: Die betreffende Liegenschaft an der Mühlebachstrasse, wo die "NZZamSonntag" eingemietet ist, gehört unserer patronalen Vorsorgestiftung, die juristisch mit der NZZ null und gar nichts zu tun hat – man will diesen Punkt offenbar nicht begreifen. Die Stiftung ihrerseits steht unter kantonaler Aufsicht und kann mit ihren Anlagen nicht machen, was sie will. Dazu möchte ich betonen, dass die NZZ auch gar keinen Bedarf hätte, eine ihrer Immobilien abzustossen. Wir haben rund 200 Millionen Franken liquide Mittel in unserer Bilanz, so viele wie schon lange nicht mehr.

Warum haben Sie den Verlagsleiter Marius Hagger nicht ersetzt und üben nun die Stelle mit derjenigen des CEO in Personalunion aus?

Weil wir den ganzen Bereich Zürich so effizienter führen können.

Sie sind aber kein Marketingspezialist.

Doch, das bin ich sehr wohl auch. Ich habe 1981 an der HSG auch das Seminar für Systemmarketing belegt und habe in meinen beruflichen Anfängen auch Agenturerfahrung gemacht. Aber lassen wir das, das ist doch ziemlich lange her.

Haben Sie nicht das Gefühl, Sie brauchen genau auf dieser Position Unterstützung?

Ich habe hervorragende Leute um mich. Diese können seit der Umstrukturierung im Verlag viel direkter agieren.

Wie erklären Sie sich denn den Misserfolg von Equity. Hat hier nicht die Marketingabteilung versagt?

Ach, die alte Leiher: wenn's gut läuft, sind wir's, wenn's schlecht läuft, die andern. Die NZZ hat mit Equity ihre inhaltliche Wirtschaftskompetenz im KMU-Bereich wesentlich ausgebaut. Das ist ein Fakt. Man kann darüber diskutieren, ob sie in ihrem Ausfluss – hauptsächlich auf Papier und als Wochenbeilage – die richtige Form gefunden hat. Aufgrund des Echos aus dem Markt bezweifle ich das und argumentiere für Veränderungen. Ich plädiere dafür, gerade im Wirtschafts- und Finanzbereich das Digitale in Zukunft noch mehr in den Fokus unserer Anstrengungen zu rücken.

Was passiert mit Equity?

Wir sind jetzt am Analysieren. Wir diskutieren unsere Leistungspalette im Bereich Wirtschaft und Finanzen. Davon sind die Equity-Beilage und das Equity-Magazin ein Teilaspekt. Entschieden ist noch nichts.

Edwin van der Geest von der IG Freunde der NZZ würdigt Sie gegenüber persoenlich.com als "hervorragenden Sanierer", der die NZZ vor dem Absturz bewahrt hat. Jetzt brauche die NZZ allerdings Visionen, ein Cost-Cutter habe diese naturgemäss nicht.

Ich baue viel lieber auf und entwickle Geschäfte, als dass ich saniere. Ich sehe mich überhaupt nicht primär in der Rolle des Sanierers. So habe ich vor meiner Zeit bei der NZZ massgeblich zum erfolgreichen Aufbau der Espace Media Groupe beigetragen. Cost-Cutter gibt es deutlich bessere, als ich das bin.

Wieso werden Sie denn primär als Sanierer und Sparer wahrgenommen?

Nach den vier Jahren, in denen ich das Unternehmen aus der schlechten operativen Situation manövrieren musste, haftet mir jetzt offensichtlich das Image des Sparers an. Aber ich möchte betonen: Wir haben dieses Jahr unsere Ausgaben gerade im Bereich Zürich massiv erhöht, wir haben rund 40 Vollzeitstellen hauptsächlich in Publizistik und Online ausgebaut, wir haben in ein Online-Werbenetzwerk, in eine Web-Uni, ins Swiss Economic Forum investiert. Der Vorwurf, ich sei nur ein Sparer, ist einfach nicht zutreffend, aber ich mag eigentlich nicht gegen diese Etikette ankämpfen.

Was sind denn Ihre verlegerischen Visionen für die NZZ?

Punkt eins ist ganz klar die Gestaltung des Wandels in die digitale Welt. Da sind wir voll drin und haben eine ausgezeichnete Ausgangslage. Mit ePaper, Webpaper und Paywall sind wir Pioniere in der digitalen Publizistik. Im deutschsprachigen Raum sind wir Leader mit ePaper-Abonnements und entsprechenden Downloads. Die Transformation ins Digitale ist unsere grösste Herausforderung und die werden wir als Vorreiter meistern. Meine Zuversicht basiert auf der guten Voraussetzung, die uns unsere einzigartige Qualitätspublizistik bietet. Unsere Zielgruppen sind gebildet, technikaffin und zahlungskräftig. Etappenweise werden wir alles, was wir im digitalen Bereich in der NZZ umsetzen und Erfolg hat, auch in den regionalen Medienhäusern realisieren.

Und weiter?

Punkt zwei betrifft die Monetarisierungsproblematik im Internet. Die führt dazu, dass man allein mit dem Wandel ins Digitale nicht Wachstum produzieren kann. Darum haben wir entschieden, auch in neue Geschäftsfelder zu investieren, etwa in den Bildungsbereich, den wir breit definieren, z.B. auch mit Aktivitäten im Konferenzbereich. Wir sind aber auch offen für transaktionsorientierte Internet-Geschäfte, wie unser Engagement bei Adwebster zeigt. Daneben wollen wir natürlich auch unser bisheriges Geschäft, sei es Radio und Fernsehen oder Mediendienstleistungen für Dritte, weiterhin optimal betreiben. Da ist auch zukünftig noch viel Effizienzsteigerung möglich, davon bin ich überzeugt.

Wie sieht es dann im Bereich Print Medien aus. Gilt es hier lediglich, möglichst die Stellung zu halten?

Von der Ausnahme "NZZamSonntag" abgesehen müssen wir uns im reinen Printmedienbereich auch in unserem Haus leider an tendenziell sinkende Auflagen gewöhnen. Aber die Kompensation kommt und zwar durch die elektronischen Ausgaben. Ich gehe davon aus, dass die ePapers und elektronischen Abonnements in absehbarer Zeit die tendenziell sinkenden Vertriebserlöse aus den Printausgaben kompensieren werden. Diese Entwicklung ist absehbar, wenn man die Trendlinie anschaut. Schwierig bleibt die Situation der Printmedien im Werbemarkt.

Was gibt Ihnen eigentlich soviel Zuversicht im digitalen Bereich? Die Lancierung der Paywall wurde vom Sommer auf den Herbst verschoben und die Online-Leserzahlen sind abgesackt, so dass die NZZ gar auf deren Veröffentlichung verzichtete.

Erstens ist die Einführung einer Paywall keine einfache Sache. Sie können eine Paywall nicht kaufen, sondern müssen Sie entwickeln lassen und dies kostet Zeit und Geld. Es stellt aber überhaupt kein Problem dar, ob diese Paywall zwei oder drei Monate früher oder später kommt. Die Verzögerung hat uns selber nicht im Geringsten beschäftigt. Die Paywall startet in den nächsten Tagen und sie wird erstmals ein Experiment sein. Es wird eine Lernkurve anlaufen, weil wir uns auf ungewissem Terrain bewegen. All die anderen, die jetzt ebenfalls eine Paywall einrichten wollen, werden die gleichen Erfahrungen machen.

Trotzdem: Noch sind die Anzeichen des Erfolgs Ihres Pioniergeists im digitalen Bereich nicht so deutlich erkennbar.

Was die Paywall und unsere Migration in die digitale Welt anbelangt, bin ich absolut zuversichtlich. Wir haben heute ein hervorragendes Knowhow in unserem Haus. Von einzelnen Rülpsern lassen wir uns bestimmt nicht nervös machen. Tatsache ist, dass unsere Nutzerwerte nicht erst seit der Einführung des Relaunchs etwas rückläufig sind, sondern schon seit Ende Januar. Die Neugestaltung lancierten wir ja erst im Juni. Der Rückgang hat stark damit zu tun, dass unsere Publizistik eine neue konvergente Redaktionsorganisation am Aufbauen ist. Und natürlich machen wir auch da die verschiedensten Lernprozesse durch. Dass während dieser Umstellungs- und Lernphase unsere Online-Reichweite nicht gerade explodiert, scheint mir normal. Oberstes Ziel der NZZ ist es, auch im Online unsere einzigartige redaktionelle Kompetenz ausspielen zu können. Für uns kommt Klasse vor Masse.

Felix E. Müller hat mit der "NZZamSonntag" Erfolg, schreibt schwarze Zahlen. Dass er nicht mehr in der Geschäftsleitung Einsitz hat, löst in und ausserhalb der NZZ Unverständnis aus. Wieso dieses merkwürdige Signal an den erfolgreichsten Chefredaktor im Hause NZZ?

Dafür dass Felix Müller so empfinden könnte, habe ich volles Verständnis. Ich hätte auch nicht das geringste Problem, wenn er weiterhin an unseren Koordinationssitzungen im Bereich Zürich teilnehmen würde. Aber er ist gemäss der Organisation nun mal Markus Spillmann, dem publizistischen Leiter, unterstellt. Wenn Müller vorher an diesen Meetings teilgenommen hat, dann deshalb, weil der publizistische Leiter fand, seine Anwesenheit sei ein Vorteil. In der jetzigen Organisation findet er das offenbar nicht mehr.

Warum sieht Spillmann jetzt keinen Vorteil mehr, wenn Müller an den Sitzungen teilnimmt?

Das müssen Sie ihn selber fragen. Ich vermute, er will die Deutungshoheit über Diskussionen und Beschlüsse in diesem Gremium auf sich konzentrieren, um seinen Bereich kohärent führen zu können.

Sie verweisen auf die Reorganisation der Geschäftsleitung als etwas Schicksalshaftes, als sei sie nicht von Menschen gemacht. Die Reorganisation war ein Entscheid gegen Müller.

Ich sage noch einmal, ich habe Verständnis dafür, dass Müller so empfinden könnte, aber im Prinzip handelt es sich um die normale Organisation, wenn ein Publizistischer Leiter seine Redaktionsleiter an solchen Meetings vertritt. Die vorherige Situation war der Sonderfall. Die Wellen werden sich diesbezüglich wieder glätten. Was ich aber unbedingt festhalten will: Felix E. Müller wird sehr geschätzt, insbesondere auch von mir, weil er mit seinem Team eine hervorragende Leistung erbringt und das wird in unserem Haus auch anerkannt. Er ist in Zürich das stärkste Pferd im Stall.

Rolf Bollmann ist neuer CEO der BaZ. Was bedeutet das für die Ambitionen der NZZ, die "Basler Zeitung" zu übernehmen?

Ich schätze Rolf Bollmann so ein, dass er unabhängig genug ist, das Richtige zu entscheiden im operativen Geschäft der "Basler Zeitung". Wir wissen ja alle, dass die strategischen Entscheide an einem ganz anderen Ort fallen.

Fand eine Annäherung von BaZ und Tamedia statt?

Das kann sein, hätte aber nicht mit Bollmann zu tun.

Interview: Benedict Neff


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