16.11.2012

NZZ

Interview mit Lateinamerika-Korrespondent

Werner Marti: "Früher war Geld kein Thema".
NZZ: Interview mit Lateinamerika-Korrespondent

Die NZZ baute die fixen Korrespondentenstellen in den letzten Jahren laufend ab. Einer der übrig Gebliebenen ist Werner Marti - er lebt seit bald fünf Jahren in Buenos Aires, um über Südamerika zu berichten. Waren früher die fixen Korrespondenten überaus privilegiert, spürt auch er heute den Spardruck. Was, wenn er nun auch noch fürs Internet schreiben muss? Persoenlich.com hat den Lateinamerikaexperten in Argentinien besucht. Das Interview:

Herr Marti, Sie haben in Zürich Mathematik studiert. Einmal Lateinamerika-Korrespondent zu werden, war wohl damals nicht ihr Traumberuf.

Nein, das stimmt nicht, denn seit der Mittelschule war es effektiv mein Traum, NZZ-Korrespondent zu werden. Nach der Matur war die wirtschaftliche Lage ungewiss und weil ich auch in Mathe sehr gut war, entschied ich mich fürs Mathematikstudium, denn ich glaubte, damit gute Chancen auf einen sicheren Job zu haben – vielleicht als Mathe-Mittelschullehrer. Während des Studiums zeigte sich aber, dass die ausschliessliche Beschäftigung mit Mathe nicht mein Ding ist. Daher entschied ich mich nach dem Studienabschluss und einem Zwischenjahr – indem ich unter anderem auch als freier Mitarbeiter für die Schaffhauser Nachrichten schrieb – für ein Zweitstudium in Politischer Wissenschaft und Lateinamerika-Studien, zuerst in Virginia und dann an der University of Texas in Austin in den USA. Während meines Studiums konnte ich zwei, drei Texte für die NZZ über Guatemala schreiben. Anschliessend arbeitete ich drei Jahre lang als freier Journalist in Mexiko, mit der NZZ als Hauptabnehmer. Das Land war damals wegen dem Aufstand der Zapatisten und der Ermordung führender Politiker weltweit in die Schlagzeilen geraten. Danach kehrte ich zurück nach Zürich und arbeitete dort zehn Jahre auf der Auslandredaktion. Dann 2008 wurde mein Traum wahr: Ich bekam die Stelle als fixer Korrespondent in Buenos Aires.

Die NZZ baute in den letzten Jahren die Korrespondentenstellen kontinuierlich ab, zudem werden zunehmend fixe Korrespondenten-Posten durch einzelne Aufträge an freie Mitarbeiter ersetzt. Wie spüren Sie diese Veränderungen?

Es ist schon so: Die Anzahl der Korrespondenten wurde reduziert. Um wie viel genau, kann ich nicht genau sagen. Da aber eben mehr freie Mitarbeiter eingesetzt werden und einzelne neue Posten geschaffen wurden, sind es total vielleicht sogar mehr unterschiedliche Schreibende.

Die Zahl der traditionellen Korrespondenten ist jedoch abgebaut worden. Spüren Sie weitere Sparmassnahmen in Ihrem Bereich?

Teilweise schon. Früher war das Geld kein Thema – darüber sprach man nicht. Spesenbeträge waren tabu, was man nachweisen konnte, wurde in der Regel kommentarlos vergütet. Solche Dinge haben sich geändert. Wir Korrespondenten werden vermehrt angehalten, auf die Kosten zu achten. Doch mich betrifft dies nicht allzu sehr, denn bei den grösseren Reisen, von denen ich jährlich etwa sechs mache, versuchte ich schon immer keine hohen Spesen zu verursachen: Ich gehe z.B. nicht in 5-Sterne-Hotels.

Welche Auswirkungen haben die zunehmende Bedeutung des Internets und die Konvergenzstrategie der NZZ auf Ihre Arbeit?

Wir Korrespondenten sollen nun nicht nur für die gedruckte NZZ schreiben, sondern möglichst gewisse Meldungen zeitnah nach Zürich schicken, so dass sie auf der Webseite aufgeschaltet werden können. Durch zurückverschobene Zeit besteht für mich kein extrem hoher Produktionsdruck fürs Internet, denn wenn ich aufstehe und zu arbeiten beginne, ist die Schweizer Internet-Primetime bereits vorüber. Ich könnte erst um ca. 15 Uhr erste Texte liefern und dies ist für die Schweiz dann schon eher spät, sodass man meine Texte dann eher gleich für die gedruckte Zeitung verwendet, statt sie sofort aufzuschalten.

Sie scheinen froh zu sein, nicht auch noch allzu viel für die Webseite schreiben zu müssen. Warum können Sie sich nicht dafür erwärmen?

Ich kann Ihnen dies gerne an einem Beispiel erklären: Als ich in Caracas war und die Resultate der Präsidentenwahl in Venezuela zeitnah fürs Web aufbereiten musste, fehlte mir die Zeit, um nach der Bekanntgabe ins Zentrum zu gehen und zu sehen, was dort passiert und zu erleben, welche Stimmung herrscht. Durch die Anforderung, sofort einen aktuellen Bericht zu liefern, hatte ich einerseits eine sehr kurze Nacht und andererseits wie gesagt keine Zeit die Parteihauptquartiere zu besuchen und Informationen für Hintergrundtexte zu recherchieren. Unter diesen Bedingungen ist NZZ-Korrespondent nicht mehr ganz der Traumberuf, wie ich ihn mir damals als Maturand vorgestellt habe. Wenn ich drei Stunden Zeit habe, um einen Text über das neue Abtreibungsgesetz in Uruguay zu schreiben, dann kann ich höchstens Internetrecherchen machen. Zum Glück kann ich noch immer reisen. Da ich zuständig bin für alle Länder Südamerikas, unternehme ich jedes Jahr rund sechs grössere Reisen. Das heisst: Zusammen mit der Vor- und Nachbereitung ist der Aufwand dieser Reisen relativ hoch. Doch dies mache ich gerne, denn es ist das Interessanteste an meinem Job!

Die nächste Reise führt Sie nach Peru. Dieses Land ist nicht gerade berühmt für Sicherheit. Wie sorgen Sie vor?

Ich werde diesmal vor allem in Lima sein und an Orten, wo die Sicherheit kein grösseres Problem darstellt. In unsichere Gebiete gehe ich wenn möglich nie alleine, sondern meine Devise lautet: Suche dir immer Einheimische, die sich im Gebiet gut auskennen. Daher reise ich etwa mit Angehörigen von NGOs oder mit Vertretern der Kirche. So organisierte ich etwa eine Reise in ein Gebiet Kolumbien, wo es Dörfer gibt, die quasi in Geiselhaft von kriminellen Banden sind. Oder auch hier in Buenos Aires: In eine Villa - wie die hiesigen Armenviertel genannt werden – kann ich sicher nicht einfach alleine hineinlaufen. Das könnte lebensgefährlich sein.

Wie steht es um die Pressefreiheit? Gibt es Staaten, in denen die Regierung Ihre Texte gegenlesen oder sogar zu beeinflussen will?

Nein, ausser dass einmal ein Hotel in Venezuela Daten von uns Journalisten an die Nationalgarde weitergeben musste, bin ich eigentlich nie direkt von solchen Druckversuchen betroffen worden. Auch in Buenos Aires, wo ich wohne und mir allenfalls die Aufenthaltsbewilligung entzogen werden könnte, fühle ich mich nicht beschattet. Ich habe eher das Gefühl: Was ich schreibe, interessiert die Regierung hier gar nicht.

Anders ist die Situation bei den inländischen Medien.

Ja, bei den inländischen Medien ist das anders. "Clarin" - der Medienkonzern, der eine Zeitung und verschiedene Radio- und TV-Sender sowie ein riesiges Kabelnetzwerk besitzt - ist der Regierung Kirchner gegenüber sehr kritisch. Seit längerem will sie den Konzern per Gesetz zerschlagen und setzt zusätzlich emotionalen Druck auf, indem einer Besitzerin vorgeworfen wird, während der Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 zwei Kinder von gefolterten und schliesslich ermordeten Frauen adoptiert zu haben.

Inwiefern sind die Zeitungen frei in der Besetzung ihrer Chefredaktion?

Die beiden grossen regierungskritischen Zeitungen "Clarín" und "La Nación" sind frei, selber zu entscheiden. Doch ich kann mir gut vorstellen, dass die Regierung bei den anderen, staatsnäheren Medienhäusern Einfluss nimmt, über die Personen in den Entscheidungspositionen.

Legende: Argentinische Zeitungen sind eine unverzichtbare Informationsquelle für einen Korrespondenten.

In der Schweiz ist es selbstverständlich, dass der Staat gegen Kriminalität vorgeht - anders als in Argentinien, wo Verbrechen je nach Einfluss und Zahlungsbereitschaft des Geschädigten verfolgt werden. Wie leben Sie auf diesem Erdteil, auf dem es nur vage Rechtstaatlichkeit gibt?

Generell fühle ich mich sicher. Wovor ich eigentlich am meisten Angst habe, ist der Strassenverkehr. Es gibt sehr viele Unfälle. Besonders gefährlich sind die Motorräder. Wenn ein Autofahrer einen Motorradfahrer anfährt, ist er praktisch immer Schuld – denn er gilt als der Stärkere.

Wie wohnen Sie?

Meine Familie, das heisst meine Frau und die beiden Söhne, leben gut und sicher. Nach langem Überlegen habe ich mich für ein "Barrio cerrado" als Wohnort entschieden. Dies ist ein Quartier, welches rund 90 Häuser umfasst. Es ist mit einer Mauer umgeben und der Eingang wird von einer professionellen Wache bewacht. Hier fühlen wir uns sicher – vielleicht noch sicherer als in Zürich oder Rapperswil, wo ich vorher gewohnt habe.

Bekommen Sie denn überhaupt noch mit, was die Einwohner von Buenos Aires bewegt, wenn Sie in einem so abgeschirmten Quartier leben? Müssten Sie nicht in Cafés gehen und sich mit Politikern oder Wirtschaftsführern zum Feierabendbier treffen?

Ich bin ja immer wieder draussen, denn meine Frau oder ich müssen ja einkaufen oder unsere beiden Jungs zur Schule bringen und wieder abholen. Auch haben wir einen breiten Freundeskreis aufgebaut. Ihre Kinder besuchen jedoch eine Privatschule und Sie werden daher vor allem mit Expats zu tun haben. Ja, unsere Söhne besuchen die Goethe-Schule, welche sich etwas ausserhalb von Buenos Aires befindet, daher leben wir auch nicht mitten in der Stadt. Der überwiegende Teil ihrer Mitschüler sind aber Argentinier, zugegebenermassen allerdings vor allem aus den besser verdienenden Schichten. Wir bekommen aber durchaus mit, was die Menschen beschäftigt. Auch die meisten Bewohner unseres Quartiers sind Argentinier und keine Ausländer.

Jedoch sind alle Teil der oberen Mittelschicht.

Das ist schon so, ja.

Inwiefern haben Sie Kontakt zu anderen Journalisten?

Andere Journalisten spontan zu treffen, ist für mich schwierig, da ich ja ausserhalb wohne. Doch ich organisiere jeweils zweimonatliche Treffen der deutschsprachigen Korrespondenten – mit diesen habe ich somit einen regelmässigen Austausch. Ausserdem bin ich Mitglied der Auslandkorrespondenten-Vereinigung, die regelmässig Treffen mit Informanten durchführt.

Sie sind nun bald fünf Jahre hier. Wo wird es Sie als nächstes hinziehen?

Weil mein Sohn bald die Matura machen wird, müssen wir in absehbarer Zeit zurück in die Schweiz. Ich könnte gut noch länger blieben, denn mir gefällt es sehr in Buenos Aires. Geplant ist, dass wir in ein oder zwei Jahren nach Rapperswil zurück ziehen und ich wiederum in der Auslandredaktion der NZZ in Zürich arbeiten werde. Doch eben, wie genau alles verläuft, ist noch ungewiss. Es hängt auch von den gegenwärtigen Veränderungen bei der NZZ ab. Wer weiss, vielleicht werde ich später irgendwann noch einen anderen Korrespondentenposten antreten. Aber wenn ich mir dies so richtig konkret überlege, wäre eigentlich jede Korrespondentenstelle nach Buenos Aires ein Abstieg (lacht).

Sie verfolgen die Entwicklung Südamerikas seit Jahren. In der Schweiz glauben viele, dass sich in den letzten dreissig Jahren nicht viel geändert hat, ausser dass es weniger Diktaturen gibt. Können Sie dies bestätigen?

Nein, das ist überhaupt nicht so. Ich glaube, dass Südamerika von den Europäern unterschätzt wird. Wirtschaftlich hat sich einiges verändert. Es gibt eine viel grössere Schicht von Menschen, die am weltweiten Konsum teilnehmen. Auch in Peru oder Kolumbien gibt es heute beispielsweise selbst in kleineren Städten Shoppingzentren, wie wir sie aus Europa oder aus den USA kennen. Klar, diese verbesserte Kaufkraft betrifft nicht die ganze Bevölkerung, doch wenn ich sehe, was hier an Infrastruktur gebaut wird und welche Bedeutung Rohstoffe und Landwirtschaftsprodukte im globalen Handel haben, steht Lateinamerika eine vielversprechende Zukunft bevor. Aufgefallen ist mir auch, dass es auch in der Unterschicht ein zunehmendes Interesse für die wirtschaftspolitischen Fragen gibt.

Interview: Edith Hollenstein


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