Christoph Schütz, Sie fotografieren selber seit bald 40 Jahren. Sind Sie schon einmal gefragt worden, ob Ihre Bilder echt seien?
Nein, eigentlich nicht. Allerdings fotografiere ich schon seit einigen Jahren nicht mehr sehr viel, und die Frage nach der Echtheit stellt man ja eher bei Fotografien von Fotografen, die man nicht persönlich kennt. Ich bin vom Aufnahmefotografen ein Stück weit zum Verleger mutiert und habe mich dann mit Fragen des Urheberrechts zu beschäftigen begonnen.
Woher kommt die Motivation, ein Label für authentische Fotografien zu lancieren?
Es gibt mehrere Gründe. Ich habe selber einen kleinen Verlag und publiziere vor allem Fotografien, und ich will nicht, dass die Kundschaft denkt, das könnte auch KI sein. Zudem beschäftige ich mich seit drei Jahren mit dem Thema KI in der Fotografie und leite dazu auch Workshops. Dort kommen Fotografen und fragen: «Was sollen wir tun?» Jemand erzählte: «Jetzt habe ich wieder ein tolles Bild gemacht, und die Leute sagen, das sei doch wohl KI.» Es dominiert aktuell eine ziemliche Verwirrung – man weiss heute nicht mehr, was man vor sich hat, wenn etwas nicht deklariert ist. Insbesondere für die Glaubwürdigkeit der Medien ist das fatal. Deshalb habe ich gefunden: Irgendjemand muss doch etwas tun. Ich habe mit Kolleginnen aus der Branche Kontakt aufgenommen und wir haben diesen Sommer zu fünft den Verein «Photolabel» gegründet, der nun unter www.photolabel.org Fotografinnen und Fotografen gegen eine kleine Gebühr das in der Schweiz und der EU geschützte Label zur Nutzung anbietet.
«Wenn in der Zeitung steht: ‹KI-generiert›, ist das ganze Produkt nichts mehr wert»
Bisherige Ansätze setzen auf eine Kennzeichnung von KI-Bildern. Warum gehen Sie mit dem neuen Gütesiegel in die andere Richtung?
Weil eine KI-Deklaration beim Publikum zu negativen Reaktionen führt. Eigentlich will das ja niemand. Wenn in der Zeitung steht: «KI-generiert», ist das ganze Produkt nichts mehr wert. Wir gehen darum den anderen Weg: Wir wollen nicht brandmarken, sondern ein Gütesiegel schaffen und sagen: Schaut, hier habt ihr noch authentische Fotografie.
Was meinen Sie mit «authentisch»?
Authentisch im Sinn dieses Labels ist eine Fotografie, wenn weder bei der Aufnahme noch bei der Nachbearbeitung eine Technologie zum Einsatz gekommen ist, die zu einem Bild führt, das die fotografierte Szene signifikant anders erscheinen lässt, als sie ein Betrachter vor Ort gesehen hätte. Die entscheidende Frage ist also immer: Hätte ein Betrachter, der dort gewesen wäre, dasselbe sehen können?
Bei Ihrem Gütesiegel müssen nun jene bezahlen, die authentische Bilder liefern. Ist das nicht unfair?
Ich verstehe die Kritik. Wer die 3 Jahre gültige Lizenz bis Ende Jahr löst, bezahlt jedoch lediglich 25 Franken, also gut acht Franken pro Jahr. Ab 2027 gilt dann der Normalpreis von 55 Franken für 3 Jahre. Das sind also bloss kleine Unkostenbeiträge und der Verein wird sich um Unterstützungsbeiträge bemühen müssen.
Sie haben sich rund sieben Jahre für den gesetzlichen Lichtbildschutz engagiert. Jetzt schlagen Sie den privaten Weg ein. Hätte es in diesem Fall nicht auch eine gesetzliche Lösung gegeben?
Doch, sicher. Aber ich mag nicht nochmals jahrelang warten und zusehen müssen, wie das Medium Fotografie ihrer zentralen Qualität – der Faktizität – beraubt wird, weil mit generativer KI ein anderes Medium aufgekreuzt ist, das Bilder liefert, die exakt wie Fotografien aussehen, jedoch lediglich Illustrationen sind. Zudem gehen die gesetzgeberischen Signale bei uns in eine andere Richtung: Man will zuerst beobachten, wie sich die KI-Verordnung in der EU entwickelt – und wenn der Staat eingreift, dürfte es vermutlich dann auch bei uns in Richtung Negativ-Label, also KI-Kennzeichnung gehen.
Positiv-Label, Negativ-Label, EU-Kennzeichnung: Wie soll sich das Publikum da zurechtfinden?
Langfristig muss es – wenigstens in den Informationsmedien – ein Entweder-oder sein: Wie beim Bier – mit oder ohne Alkohol – man muss wissen, was man serviert erhält. Was überhaupt nicht gekennzeichnet ist, wird je länger desto mehr einfach suspekt wirken.
«Liegt Staub auf dem Sensor, der einen Fleck auf dem Bild produziert, dann darf ich den wegmachen»
Konkret: Ich fotografiere eine Landschaft, im Vordergrund steht eine Bierdose, die stört. Darf ich sie wegretuschieren und das Bild trotzdem mit Ihrem Label kennzeichnen?
Nein, wenn Sie die Bierdose wegretuschieren, kann diese Fotografie nicht gelabelt werden, weil das Bild die Szene anders zeigt, als sie es bei der Aufnahme tatsächlich war. Unsere Richtlinien umfassen zwölf Punkte, dort ist definiert, was geht und was nicht. Erlaubt ist, was fototechnisch bedingt ist: Liegt Staub auf dem Sensor, der einen Fleck auf dem Bild produziert, dann darf ich den wegmachen. Dasselbe gilt für Verzerrungen oder Streulichter.
Wo verläuft die Grenze der zulässigen Manipulation?
Die Grenze hängt nicht vom Typ der Manipulation ab, sondern von ihrer Wirkung: So darf ich grundsätzlich ein Bild global heller oder dunkler machen. Wenn ich es jedoch so stark abdunkle, dass es wie eine Nachtaufnahme aussieht oder durch eine Abdunklung Bildinhalte ganz zum Verschwinden bringe, habe ich mit einer eigentlich erlaubten Korrektur das Bild signifikant verändert – ein Betrachter, der dort gewesen wäre, hätte es so nicht gesehen. Eine klare Grenze kann man also nicht ziehen, ausschlaggebend ist immer die Frage, ob man die Betrachter des Bildes über die tatsächliche Begebenheit täuscht.
Das Label ist eine einfache Bilddatei, die man auch neben ein übermässig manipuliertes oder KI-generiertes Bild stellen kann. Wie erfahren Sie von einem möglichen Missbrauch?
Indem jemand Verdacht schöpft. Wenn wir eine entsprechende Meldung erhalten, fordern wir die Person per E-Mail auf, das Label zu entfernen. Wenn das nicht hilft, geht man den juristischen Weg, das Label ist als Bildmarke geschützt. Wir können und wollen jedoch die Nutzung des Labels nicht systematisch überwachen. Bei den Lizenznehmenden setzen wir auf das Vertrauensprinzip. Weil das Label nicht nur ein technisches Häkchen in den Metadaten ist, sondern zwingend an den Namen der Fotografin oder des Fotografen geknüpft ist, haben Lizenznehmende sicher kein Interesse an einem Missbrauch. Sollte es zu Missverständnissen kommen, versuchen wir diese zu klären, auf unserer Homepage gibt es Bildbeispiele zu den Richtlinien sowie eine Rubrik mit Fragen und Antworten.
«Bei zehn Verstössen in drei Jahren wird die Nutzungslizenz entzogen»
Wenn also jemand versehentlich mehr wegretuschiert als ein Staubkorn, welche Folgen hat das?
Wird uns ein Bild gemeldet, nehmen wir zuerst Kontakt mit dem Fotografen oder der Fotografin auf und sagen: Wir haben Zweifel, können Sie uns das erklären? Besteht danach weiterhin ein Verdacht, dass die Richtlinien verletzt worden sind, bitten wir um die Übermittlung der RAW-Datei des Bildes sowie um eine Stellungnahme. Sollten wir feststellen, dass gegen die Richtlinien verstossen wurde, fordern wir, das Label von der betreffenden Fotografie zu entfernen. Erst wenn jemand innerhalb eines Jahres fünfmal gegen die Richtlinien verstossen hat, folgen Konsequenzen: Die Nutzungserlaubnis des Labels wird für sechs Monate sistiert. Bei zehn Verstössen in drei Jahren wird die Nutzungslizenz entzogen und der Name des fehlbaren Fotografen darf auf www.photolabel.org publiziert werden.
Wäre eine unabhängige Prüfstelle nicht glaubwürdiger?
Dem kann ich zustimmen, das wäre vielleicht ein nächster Schritt. In einem konkreten Fall entscheidet jedoch nicht einer von uns, sondern der Vorstand: alle drei sehr erfahrene Fotografen. Ich selber nutze bildforensische Tools, und wenn man die Rohdatei analysieren kann, sieht man sofort, was passiert ist. Es gibt zudem spezialisierte Firmen, denen wir Fälle auch noch vorlegen könnten.
Ein Pressebild durchläuft vor der Publikation meist mehrere Instanzen. Je nach Bearbeitungsgrad kann eine anfänglich authentische Fotografie ihre Label-Tauglichkeit verlieren. Das ist für den Fotografen unbefriedigend. Wie geht ihr damit um?
Das ist tatsächlich ein Risiko. Eine Zeitung muss das Label nicht publizieren. Der Auftraggeber weiss einfach: Dieser Fotograf arbeitet nach den Richtlinien des Labels. Was eine Redaktion danach mit dem Bild macht, liegt in ihrer Verantwortung. Ich sehe das Label auch als Sensibilisierungsprozess.
«Es ist möglich, das Label als Wasserzeichen ins Bild einzubetten»
Sprechen Sie die Bildredaktionen als letzte Instanz vor der Publikation speziell an?
Unsere Hoffnung ist, im ersten Schritt die Fotografinnen und Fotografen abzuholen. Wenn dann eine grössere Zahl mit dem Label arbeitet, dürfte eine Bildredaktion von sich aus vorziehen, nur noch mit Fotografinnen und Fotografen zusammenzuarbeiten, die gelabelte Bilder liefern. So schön es wäre, aber ich rechne nicht damit, dass bereits diesen Herbst eine Schweizer Zeitung Fotografien mit dem Label kennzeichnet, das muss sich bottom-up etablieren. Aber ich sehe nicht ein, wieso eine Zeitung kein Interesse haben sollte, das Label in die Bildlegende zu setzen. Bei Texten steht heute oft ein Porträtbild dabei, um die Autorschaft hervorzuheben; bei Fotos ist die Autorenzeile dagegen immer kleiner geworden oder gar verschwunden, weil immer mehr Agenturbilder veröffentlicht werden und man das nicht an die grosse Glocke hängen will.
Kann man das Label auch in die Metadaten der Bilddatei einschreiben?
Es ist möglich, das Label als Wasserzeichen ins Bild einzubetten und in den Metadaten «Lizenz photolabel.org» zu vermerken. Aber das ist nicht der primäre Ansatz. Das Ziel ist, dass jemand zum Beispiel in einem Sachbuch über Schmetterlinge das Label sieht und weiss: Das sind echte Fotos.
Viele Smartphone-Kameras verrechnen das Bild mit KI direkt auf dem Gerät. Sind solche Handyfotos also per se vom Label ausgeschlossen?
Nicht zwingend, es gibt auch Handys, die Rohdaten liefern, und neuere Profikameras setzen auch KI ein. In den Richtlinien steht: Bilder von digitalen Aufnahmegeräten, die bei oder unmittelbar nach der Aufnahme verändert worden sind, können nicht gelabelt werden. Entscheidend ist also auch hier: Sehe ich auf dem Bild, was war, oder werde ich getäuscht?
Wie wollen Sie das Label bekannt machen?
Im ersten Schritt sind wir klar auf den Fotojournalismus fokussiert, dort ist das Bedürfnis nach einer klaren Kennzeichnung fotografischer Authentizität am grössten. Via die diversen Verbände wie impressum, syndicom, SIYU, den Schweizer Pressefotografen-Verband und Pro Litteris möchten wir möglichst viele Fotografinnen und Fotografen motivieren, das Label zu nutzen. Der Schneeballeffekt wird entscheidend sein.
Das Label könnte sich schnell etablieren, wenn Keystone-SDA und die Fotografinnen und Fotografen der Agentur mitmachen. Welche Signale haben Sie von dort vernommen?
Von diversen Keystone-Fotografen habe ich grundsätzlich positive Rückmeldungen erhalten, denn Keystone toleriert ja auch nur authentische Fotografien, arbeitet also nach denselben Prinzipien und weiss um den Wert der Glaubwürdigkeit. Die Agentur setzt allerdings gemäss ihres Cheffotografen Laurent Gilléron aktuell eher auf die technische Lösung «C2PA», also Metadaten, die über Aufnahmezeitpunkt und -ort sowie alle Bearbeitungsschritte Auskunft geben.
Im Vorstand des Vereins sitzen der frühere SBF-Präsident und der Präsident von Photojournalistes suisses. Tun sie dies als Privatpersonen oder als Verbandsvertreter?
Der ehemalige SBF-Präsident Yannick Andrea ist als Privatperson Vorstandsmitglied, beim Verband hat er keine Funktion mehr. Jean-Guy Python vertritt seinen Verband und wird seine Mitglieder motivieren mitzumachen. Wir starten nun mal und sind auf die Reaktionen gespannt. Wenn alle sagen, das sei unnütz, ist es gestorben.
Welche Reaktionen haben Sie bisher erhalten?
Bisher würde ich die Rückmeldungen als defensiv-wohlwollend bezeichnen, im Sinn von: «Macht mal, wir schauen dann.»
«Wenn bis dann aber nur 20 Fotografen mitmachen, ist das Projekt gescheitert»
Bei wie vielen partizipierenden Fotografen kommt das Projekt zum Fliegen?
Bis Ende Jahr sollten wir eigentlich sehen, ob unsere Idee ankommt. Wenn bis dann aber nur 20 Fotografen mitmachen, ist das Projekt gescheitert, dann können wir aufhören. Schön wäre, wenn wir bis Ende Jahr 100 hätten. Das wäre super.
Ist das Projekt exklusiv auf die Schweiz ausgelegt?
Nein, die Idee ist eindeutig, dass wir das nicht nur für die Schweiz machen. Ich stehe schon seit Langem in Kontakt mit Vertretern des Deutschen Fotorats und des Fotografenverbands Freelens. Sie haben Interesse bekundet. Und eigentlich war ich nicht zuletzt durch diesen Austausch, der eben sehr lange in Reflexionen hängen blieb, motiviert, endlich etwas Konkretes aufzubauen. Der Deutsche Fotorat schlägt nun selbst eine fünfstufige, sehr detailliert ausgearbeitete Einteilung für die Kennzeichnung von fotorealistischen Bildern vor: von dokumentarischen über optimierte und Composites bis zu synthetischen und unklassifizierten. Diese Klassifikation soll in die Metadaten einfliessen und Medienproduzenten Aufschluss über den Grad an Authentizität der Bilder ermöglichen. Unser Ansatz ist weniger umfassend, dank dem Logo visuell einfacher zu kommunizieren und konzentriert sich nur auf eine Unterscheidung: Authentisch oder nicht? Ob sich «Photolabel» auch in Deutschland und anderen Ländern etablieren kann, wird sich zeigen.
Seit Anfang August gilt in der EU die KI-Kennzeichnungspflicht, die Kamerahersteller arbeiten an technischen Echtheitsnachweisen. Welche dieser Entwicklungen halten Sie für die aussichtsreichste?
Die C2PA-Initiative ist eine gute Sache und konkurriert nicht mit unserem Label, sie verfolgt einfach den technischen Ansatz. Wenn der zum Erfolg führt: super. Ich habe einzig Bedenken, weil jeder technische Ansatz auch gehackt werden kann. Zudem ist er nur nach vorne orientiert. Ältere Aufnahmen kommen zu keinem solchen Echtheitszertifikat, weil die entsprechenden Daten fehlen.
Sie haben das Label mehr oder weniger im Alleingang lanciert. Wie viel Eigeninteresse war da im Spiel?
Ohne Kolleginnen und Kollegen mit derselben Überzeugung, dass es so etwas braucht, und ohne Verein hätte ich mich nicht in dieses Abenteuer gestürzt. Aber selbstverständlich werde ich das Label auch für meine eigenen Zwecke nutzen. Mein Interesse liegt vor allem beim Verlag: Ich werde für meine Kalender und Bücher nur noch mit Fotografinnen und Fotografen zusammenarbeiten, die das Label verwenden. Wichtig ist aber auch: Kein Fotograf muss sämtliche Bilder labeln. Nur dort, wo der Authentizitätsnachweis für den Kunden wichtig ist, hängt man das Label an. Ich optimiere – falls vom Kunden erwünscht – selber Porträts mit einem KI-Tool – da kommt kein Label drauf. Mir ist klar, dass die KI nicht mehr wegzubringen ist und ein starkes Werkzeug für die Bildproduktion darstellt. Aber für mich gibt es zwei Welten: die rein fotografische, also authentische, und alles andere.
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14.09.2026 16:28 Uhr
28.08.2026 19:17 Uhr

