05.02.2002

"Jedes Jahr das Gleiche."

Am Dienstagmorgen fand im Zürcher Hotel Widder eine Pressekonferenz des Schweizer Fernsehen DRS statt, zu der Fernsehdirektor Peter Schellenberg (Bild) geladen hatte. Traktandiert war eine Präsentation der "Publikums-Bilanz SF DRS 2001". Fazit: Kaum Bewegung bei den Marktanteilen.
"Jedes Jahr das Gleiche."

"Bei Pfarrer Sieber würde jetzt die Frau singen", scherzte Fernsehdirektor Schellenberg, bevor er sich am Ende der Präsentation den Reportern zum Interview stellte. Dieser flapsigen Schlusspointe stand der Rest der Veranstaltung in nichts nach. Die permanente Ironie liess vermuten: Pressekonferenzen sind für den "Machiavelli von Leutschenbach" (Weltwoche), Medienreferent Peter Krähenbühl und Pressechef René Bardet ein ungeliebtes Ritual – zumindest keines, das man sehr ernst nehmen sollte. So erklären sich zumindest die Patzer (Schellenberg: "Jetzt bin doch ich dran!" und später: "Was muss ich dazu noch sagen?"). Doch wer will‘s den Herren an einem solchen Morgen verargen? Draussen die möglicherweise letzten verzagten Sonnenstrahlen des unverhofften Vorfrühlings, derweil man "in der zwinglianischen Nüchternheit" (Bardet) eines Hotelsaals Zahlen vorzustellen hatte. Zumal die sich, wie wiederholt betont wurde, seit dem Vorjahr kaum verändert hätten – zumindest für SF DRS: "Alle Jahre wieder präsentieren wir die gleichen Zahlen; ein Prozent rauf, eines runter", begrüsste Pressechef René Bardet die Gäste.

Wobei die Veränderungen dieses Jahr mehrheitlich gar unter der Prozentschwelle blieben: So erreichte SF DRS 0.1 Prozent mehr Zuschauer am "Hauptabend" (18.00 bis 23.00 Uhr), wobei SF1 mit 35.1 Prozent einen Punkt mehr als im Vorjahr verbuchte, während SF2 0.9 Punkte verlor (neu 6.1 Prozent). Kumuliert bedeutet das für SF DRS eine Zunahme um 0.1 Punkte auf 41.2. Damit landen die beiden Sender auf Platz eins und drei der in der Deutschschweiz empfangenen Kanäle, dazwischen liegt mit einem Anteil von 7.0 Prozent RTL. Für die Zunahme beim ersten Programm werden die aussergewöhnlichen Ereignisse vom Herbst verantwortlich gemacht, die beim Publikum zu einem höheren Informationsbedürfnis geführt hätten. Der Verlust bei SF2 hingegen schreibt man der Absenz von sportlichen Grossereignissen zu.

Der Katastrophenherbst und die Sportlosigkeit werden auch im Bezug auf die Veränderungen im Ganztagesschnitt genannt. Eine Zunahme von 1.2 Punkten auf 26.5 Prozent verbuchte SF1, einen Verlust von 0.8 auf 6.4 SF2 – was für SF DRS zu einem kumulierten Personenmarktanteil von 32.9 Prozent (+0.4) führt.

Ungeachtet des Informationsbedürfnisses erreicht SFinfo am Hauptabend nur 0.1 Prozent, im Ganztagesschnitt 0.2 Prozent der Zuschauenden. Dies liege am "Wiederholungscharakter", an der "noch relativ kurzen Marktpräsenz" und an der "zurückhaltenden Öffentlichkeitsarbeit". Der Aufwand für SFinfo sei im Übrigen sehr gering, die strategische Bedeutung hingegen umso wichtiger: "Sehen auf Abruf" werde immer wichtiger.

Bezüglich der inländischen Konkurrenz wurde eine Vergrösserung der Marktanteile vermeldet: Tele24 erreichte am Hauptabend 2.9 Prozent (+0.3), im Ganztagesschnitt 2.4 Prozent (+0.2). TV3 schaffte am Hauptabend 4.1 Prozent (+0.6) und im Ganztagesschnitt 3.9 Prozent (+0.5).

Bei der Konkurrenz aus dem Ausland konnten hingegen keine grossen Marktanteilsverschiebungen festgestellt werden. Nur RTL2 sei am Hauptabend um 0.8 Punkte auf 2.6 Prozent zurückgegangen, und im Ganztagesschnitt um ebenfalls 0.8 Punkte auf 3.2 Prozent.

Insgesamt nimmt der Fernsehkonsum in der Deutschen Schweiz weiterhin zu. Durchschnittlich 139.2 Minuten werden täglich vor dem TV verbracht, 1 Minute und 48 Sekunden mehr als im Vorjahr. 1991 waren es noch 118 Minuten.

Mit diesen Zahlen hat Direktor Schellenberg sein Ziel von einem Drittel Marktanteil erreicht. "Das wäre ohne SF2 nur schwer machbar gewesen", meinte er. "Zwischen SF1 und SF2 spielt das Prinzip der kommunizierenden Röhren", erläuterte er das komplementäre Verhältnis zwischen den beiden Sendern. "Wir wollen die Kanäle nicht gegeneinander ausspielen." SF2 stelle ein grossflächiges Ergänzungsangebot dar, mit dem SF DRS ein jüngeres Publikum ansprechen wolle. Auch dieses Ziel sei erreicht worden, unter anderem dank dem Spielfilmprogramm, mit dem SF2 enorm gut im Markt liege. Künftig würden viel mehr Filme im Zweikanalton angeboten. Eine generelle Programmverjüngung sei indes nicht angestrebt, man wolle nicht zum Spartenkanal werden. "Der Service Public verpflichtet uns, in allen Segmenten führend zu sein."

"Stände ich vor der Wahl, ich würde die ältere Zielgruppe der jüngeren vorziehen", meint Schellenberg weiter. Für betagte Leute sei das Fernsehen ein Fenster zur Welt, und sie sähen viel mehr fern als junge. Auch sei das Marktsegment der Kinder und Jugendlichen klein, die Jungen darüber hinaus in ihrem Verhalten heterogen und unberechenbar. SF DRS habe im Übrigen kein Jugendproblem, vielmehr erreiche es 21 Prozent der Kinder (3 bis 14 Jahre) und 18 Prozent der jungen Erwachsenen (15 bis 24 Jahre), erklärte Peter Krähenbühl. Man müsse bei Vergleichen mit anderen Sendern sehr genau sein, häufig würden Äpfel mit Birnen verglichen. Publikumsforschung sei eben eine Wissenschaft, ergänzte Schellenberg. "Ich komme manchmal auch nicht mehr draus." Zur Unterstützung fanden die Teilnehmer der Pressekonferenz Obst auf ihren Plätzen. Für diese pädagogische Form von Guerilla-Marketing musste erneut der Obdachlosen-Pfarrer herhalten: "Wir haben von Pfarrer Sieber gelernt." (Alain Egli)


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