Frau Abramson, was beschäftigt Sie besonders?
Momentan kümmere ich mich um einige grosse Geschichten, bei denen die "New York Times" die Themenführerschaft anstrebt. Es sind dies die US-Präsidentschaftswahlen im Herbst, die Euro-Schuldenkrise wir decken momentan die Probleme der spanischen Banken sehr intensiv ab und dann ist auch die Gesundheitsreform von Präsident Obama ein wichtiges Thema. Meine Aufgabe ist es, um die Ecke zu blicken, genügend Ressourcen zur Verfügung zu stellen, damit die "Times" die Geschichten aufdecken kann. Dabei geht es mir darum, dass unsere Journalisten die Geschichten hinter den Geschichten finden, dass sie die Leser hinter den Vorhang führen und ihnen zeigen, was dort abgeht.
Sie sind seit September 2011 Chefredaktorin. Was konnten Sie bisher erreichen?
Ich bin zwar erst einige Monate im Amt, doch ich konnte schon vieles erreichen. Erstens: Ich erneuerte das Führungsteam, die Chefposten der Ressorts sind nun mit neuen Leuten besetzt. Zweitens habe ich eine grosse Leidenschaft für Investigativen Journalismus. Unser Bestreben, tiefer zu graben und Hintergründe aufzudecken, ist durchaus sichtbar in unserer Zeitung. Drittens führe ich die Newsroom-Strategie weiter. Wir wollen einen einzigen Newsroom für Print und Digital, darin sollen alle unsere 1150 Journalisten arbeiten und sie sollen lernen, über die verschiedenen Kanäle der NYT zu publizieren.
Über Ihren Mut bei Personalentscheidungen waren viele überrascht, denn Sie machten den Restaurantkritiker zum Inlandchef und einen Wirtschaftsreporter ernannten Sie zum Chef im Washington-Büro.
Ja, diese Wechsel waren für einige wohl schon unkonventionell. Doch so spektakulär sind diese Entscheidungen auch wieder nicht, denn der Restaurantkritiker war vorher im Kulturressort, wo er einen grossartigen Job als Redaktor und Führungsperson machte. Deshalb beförderte ich ihn.
Wie führen Sie?
Ich glaube, ich bin eine kollegiale Chefin. Aus meiner Sicht ist es besser, über Lob und Anerkennung zu führen, als über Angst und Befehle. Diesen Stil pflegte auch mein Vorgänger, Bill Keller. Er gab mir dies so weiter.
NYT-Redaktoren gelten als stolz, ein Kompliment gilt fast als Beleidigung. Loben Sie trotzdem?
Natürlich verteile ich Lob. Ich verschicke täglich E-Mails an Redaktoren, deren Texte ich gut fand. Die letzte Notiz schrieb ich kurz vor meinem Abflug in die Schweiz. Denn je talentierter Journalisten sind, desto unsicherer sind sie.
Sie sind von zierlicher Statur und strahlen Freundlichkeit aus. Trotzdem gelten Sie als "stahlhart", wie der Spiegel über Sie schreibt. Sind Sie eine Bulldog-Journalistin?
(lacht). Ja, "Bulldog-Journalistin" trifft durchaus auf mich zu, denn ich grabe und grabe wie ein Hund, bis ich die Wahrheit finde. Ich will bis zum Boden einer Geschichte vorstossen, speziell dann, wenn andere Leute sagen: Wir werden die Wahrheit nie erfahren. Das motiviert mich.
Diese Art Journalismus fördern Sie bei der "New York Times"?
Ich ermutige Kollegen, die so arbeiten, ja.
Vor vier Jahren hatten Sie einen schweren Verkehrsunfall: Sie wurden von einem Lastwagen überrollt und lebensgefährlich verletzt.
Ja, dies geschah ganz in der Nähe von unserem Redaktionsgebäude. Mir zeigte dieser Unfall vor allem, woraus wir Menschen bestehen, denn ich war wirklich schwer verletzt, mein Körper war stark lädiert. Doch ich erholte mich recht gut, obwohl ich über 50 Jahre alt war. Der menschliche Körper ist schlicht unglaublich! Sehr hart war, dass ich das Gehen komplett neu lernen musste.
Inwiefern hat dieses furchtbare Ereignis Auswirkungen auf Ihr heutiges Leben?
Nach dem Unfall war es keineswegs so, dass ich das Gefühl hatte, nun das Leben mehr geniessen und alles langsamer nehmen zu müssen. Ich schätze nun vielleicht die Unterstützung von meiner Familie und von Freunden noch mehr. Heute bin ich wahrscheinlich empathischer gegenüber anderen, denn ich weiss: Jeder hat seine Probleme ob nun physisch oder in anderer Art und Weise.
Sie schalteten keinen Gang zurück, im Gegenteil: Neun Wochen später waren Sie zurück bei der Arbeit, im Rollstuhl.
Ja, genau. Ich betreute ein Investigativ-Projekt über Rupert Murdoch, an diesem arbeitete ich sogar weiter, als ich noch im Spital war (lacht).
Sie verbrachten Ihre gesamte Kindheit in Manhatten. Wie sind Sie aufgewachsen?
Ich bin ziemlich kosmopolitisch aufgewachsen. Mein Elternhaus war offen für die unterschiedlichsten Leute. Meine ältere Schwester steht mir heute noch sehr nah, wir unternehmen jedes Jahr zusammen eine grössere Reise irgendwohin ins Ausland. Mein Vater war Textilhändler, er hatte ein eigenes Unternehmen. Meine Mutter arbeitete als freiwillige Klassenhilfe in einer öffentlichen New Yorker Schule, dort unterstützte sie lange Zeit leseschwache Kinder. Sie hat meine Leidenschaft zum Lesen stark gefördert.
Wurde in Ihrer Kindheit bereits deutlich, dass Sie einmal Karriere machen wollen?
(lacht) Nein, nicht wirklich. Meine Eltern wollten das Beste für mich, sie ermöglichten mir die beste Ausbildung. Sie haben mich sehr gefördert, jedoch nicht in eine bestimmte Richtung, sondern sie ermutigten mich darin, meinen Interessen und Träumen nachzugehen. Diese wechselten teilweise rasch über die Jahre. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, denn sie gaben mir viel Selbstvertrauen. Sie lebten mir vor, dass ich mit harter Arbeit sehr viel erreichen kann.
Wie leben Sie heute?
Zusammen mit meinem Ehemann und meinem Golden Retriever in einer New Yorker Wohnung. Meine Kinder sind oft zu Besuch, denn beide leben ebenfalls in New York. Sie sind Ende 20, meine Tochter ist Chirurgin und mein Sohn arbeitet in der Musikbranche.
Sie haben zwei Kinder, dies ist nicht selbstverständlich für Karrierefrauen.
Ich wollte unbedingt Kinder! Eine Familie zu haben, ist das Erfüllendste, was man im Leben machen kann.
Wie schwierig war es für Sie, Familie und Beruf zu kombinieren?
Meiner Ansicht nach, kann man Kinder haben und daneben in berufsspezifischen Angelegenheiten trotzdem ehrgeizig bleiben. Ich habe zwar einige Monate Schwangerschaftsurlaub bezogen, doch anschliessend rasch wieder Vollzeit gearbeitet. Währenddessen wurden die Kinder von meinen Eltern betreut, die eine Zeitlang bei uns wohnten. Ausserdem lebte mein Schwager während ungefähr 10 Jahren ebenfalls bei uns. Er arbeitete damals als Schriftsteller, daneben kümmerte er sich um die Kinder. Er holte sie zum Beispiel von der Schule ab oder brachte sie zum Klavierunterricht.
Fühlten Sie sich nie hin und hergerissen zwischen Job und Familie?
Nein. Klar, war dies eine anstrengende Zeit, doch ich wollte weder auf Familie, noch auf meinen Job verzichten. Ich engagierte mich zudem in der Schulbehörde, hätte eigentlich gerne meine Kinder bei ihren Hobbys begleitet oder schaffte es manchmal nicht, sie pünktlich von der Schule abzuholen. Doch es fühlte sich nicht sehr kompliziert an, vielmehr wie ein sehr erfülltes Leben.
Was wollen Sie noch tun im Leben?
Ich würde sehr gerne Grossmutter werden (lacht)! Zwar sind weder mein Sohn noch meine Tochter verheiratet, doch ich hoffe, dass sie bald Kinder haben werden.
Wo wird man Ihren Namen in drei Jahren lesen?
Das kann ich nicht sagen. Ich bin zwar offen, doch ich finde, dass man nicht so stark in die Zukunft schauen sollte. Ich will vielmehr den aktuellen Job so gut machen, wie möglich.
Das Interview hat am Donnerstag, 31. Mai, anlässlich des zweiten Swiss Media Forum in Luzern stattgefunden.

Podium am Swiss Media Forum: Jill Abramson (links) und Moderatorin Caroline Schober.
Interview: Edith Hollenstein

