30.03.2011

"Kachelmanns Fall gibt einen hervorragenden wahren Krimi oder Thriller her"

Seit Monaten hält der Fall Kachelmann die Medien und die Gemüter auf Trab. Als einziger Schweizer Journalist von Anfang an hautnah beim Gerichtsprozess dabei ist der "Tagi"-Reporter Thomas Knellwolf. Sein Buch "Die Akte Kachelmann" erscheint voraussichtlich Ende Mai. "persoenlich.com" hat sich mit dem Autor über das Buch, seine Beziehung zum Wettermoderator und die Parallelen zum Hirschmann-Fall unterhalten. Das Interview:
"Kachelmanns Fall gibt einen hervorragenden wahren Krimi oder Thriller her"

Herr Knellwolf, Sie verfassen derzeit das Buch "Die Akte Kachelmann". Was ist Ihre Motivation für dieses Projekt?

Ich bin der einzige Journalist aus der Schweiz, der den überlangen Prozess in Mannheim von der Eröffnung komplett begleitet hat. Kachelmanns Fall ist so faszinierend, vielschichtig, aber vor allem tragisch, dass es sich lohnt, der Sache vertieft nachzugehen. Es ist ein prägendes Kapitel deutscher und zum Teil schweizerischer Justiz- und Mediengeschichte, das aufgearbeitet werden soll. Trotz intensivster Ermittlung und Berichterstattung gibt es immer noch so viel Unbekanntes. Der amerikanischer Starautor John Grisham, der Meister des Justizthrillers, hat über dem Kachelmann-Fall gesagt: "Ja, das könnte einen Roman abgeben." Ich schreibe erst mal ein leicht lesbares, aber tiefgründiges Sachbuch.

Und dann einen Roman à la John Grisham?

Nein, danke. Ich verschlinge zwar solche Stoffe. Aber ich arbeite lieber Geschichten auf, die das Leben schrieb. Kachelmanns Fall gibt, bei aller Tragik für die Betroffenen, einen hervorragenden wahren Krimi oder Thriller her - selbst wenn man den Stoff, wie ich, nicht voyeuristisch ausschlachtet.

Sie haben sich als Journalist auch mit dem Fall Hirschmann eingehend beschäftigt. Was reizt Sie an schillernden Persönlichkeiten, die mit dem Gesetz in Konflikt kommen?

Bei Carl Hirschmann gilt bei den neueren Vorwürfen die Unschuldsvermutung. Rechtskräftig wurde nur eine frühere Verurteilung wegen eines schweren Verkehrsdelikts - inzwischen soll sein Strafregister aber leer sein, behauptet der Neo-Theatermäzen zumindest. Die Aufstiege, der harte Fall, die Geschichten über Männer, Frauen, Sex, Macht dahinter interessieren viele, auch mich. Noch mehr beschäftigt mich aber die Frage: Wie verhält sich der Staat, die Öffentlichkeit in solchen Ausnahmesituationen? Kachel- und Hirschmann verbindet, dass sie durch ihre Fälle bekannter wurden, als sie es in ihrem Promidasein je geworden wären. Ich beneide beide weder um ihr öffentliches, noch um ihr eigentlich privates Leben - nicht erst seit den Strafverfahren.

Wie erleben Sie Herrn Kachelmann im Prozess?

Er schweigt bekanntlich und ich bin keiner von denen, die jede seiner Regung deuten. Daraus lassen sich von niemandem und bei niemandem auf einer Anklagebank seriöse Schlüsse schliessen - schon gar nicht auf Schuld oder Unschuld. Das wäre zu schön. Bei Jörg Kachelmann kommt dazu, dass er es gewohnt ist, im Rampenlicht zu stehen. Der Wettertainer ist auch am Donnerstag, dem 35. Prozesstag dazu verdammt, die Angeklagtenrolle zu geben, die ihm keinen Spielraum lässt. Unter Dauerbeobachtung der Medien und des Publikums scheint er zu versuchen, seriös, ernsthaft, aber nicht angespannt rüber zu kommen. Das gelingt ihm je länger, desto besser, aber längst nicht immer.

Und wie erleben Sie ihn im persönlichen Umgang?

Einen persönlichen Umgang gibt es kaum. Jörg Kachelmann schweigt zum Tatvorwurf, Jörg Kachelmann schweigt gegenüber den Medien. Das wird wohl bis zum Urteil so bleiben, denn alles andere macht sich gegenüber den Richtern nicht gut. Nur eine Handvoll Journalisten konnten den Angeklagten sprechen seit seiner Haftentlassung im vergangenen Sommer. Ich redete kurz vor Prozessbeginn spätnachts einige Minuten mit ihm. Das kann ich hier preisgeben, denn ich konnte ihn danach auch zitieren. Es war meines Wissens das erste und einzige Mal, dass er öffentlich machte, er habe in Kanada gelebt. Jetzt läuft der journalistische Umgang mit Kachelmann nur über Anwälte. Davon gibt es genug.

Sie verfolgen den Prozess als Gerichtsberichtserstatter seit längerem hautnah. Wie objektiv sind Sie?

Im Fall Kachelmann behaupten selbst die krassesten Kampfblogger pro oder kontra Wettermann sie seien objektiv. Jeder Medienvertreter tut das ebenso - ich nehme mich da nicht aus. Ich rede mit allen, mit denen es möglich ist. Ich recherchiere. Ich wäge ab. Das tun gerade einzelne bekanntere deutsche Kolleginnen nicht ausreichend oder nur einseitig. Mir scheint die ganze Gratwanderung nicht schlecht zu gelingen - was sich beispielsweise an dem Tag zeigte, an dem ich zuerst im Gerichtssaal von einem Vertreter Kachelmanns zurechtgewiesen wurde und dann draussen vor der Tür von der Feministin Alice Schwarzer, der ärgsten publizistischen Widersacherin Kachelmanns, die ab und zu auch anwesend ist.

Der Fall findet seit Beginn unglaubliches Medieninteresse. Glauben Sie, dass ein Gericht trotzdem unabhängig entscheiden kann?

Ja. Die Richter gehen mit der Berichterstattung, die in der Hauptverhandlung immer wieder eine Rolle spielt, souverän um.

Wie beurteilen Sie generell den Einfluss der Medien auf den Fall?

Der Einfluss der Medien auf den Fall - weniger auf das Urteil, hoffe ich - ist massiv. Als Schweizer Berichterstatter erlebe ich viel Neues und teilweise Haarsträubendes. Nur ein neues Beispiel: Ein Richter hat am Dienstag einer Ex-Partnerin deutlich gemacht, dass es die Strafkammer alles andere als toll fand, dass sie vor ihrer Aussage im Prozess in der "Bunten" ihre Beziehungsgeschichte preisgab. Die Illustrierte zahlte der Frau ein Honorar von 50'000 Franken. Neu ist für mich auch, mit welcher Vehemenz in Deutschland gegen angebliche und tatsächliche Persönlichkeitsrechtsverletzungen juristisch vorgegangen wird.

Ihr Buch "Die Akte Kachelmann" erscheint erst, nachdem der Prozess beendet ist - voraussichtlich Ende Mai. Inwiefern wird sich der Ausgang des Prozesses (Frei- oder Schuldspruch) auf die Verkaufszahlen auswirken?

Das müssen Sie meinen Verlag fragen. Ich schreibe das Buch aus einem journalistischen Antrieb und nicht, um nach den Verkaufszahlen zu schielen. Um reich zu werden, muss man keine rechercheintensiven Sachbücher anfangen - ausser man ist der Papst. Ich opfere dafür meine Ferien und Wochenenden und nehme unbezahlten Urlaub beim "Tages Anzeiger".

Die Medien berichten beinahe täglich, Alice Schwarzer schreibt ebenfalls ein Buch über dieses Thema und am Donnerstag strahlt SF einen DOK-Film darüber aus. Warum muss man zudem ihr Buch lesen?

Ich merke, dass einige Zeitungsleser, trotz grundsätzlichem Interesse, den Überblick und Anschluss verloren haben im verworrenen Fall Kachelmann. Viele von ihnen werden froh sein, wenn sie nachlesen und nachvollziehen können, weshalb das Urteil so gefallen ist, wie es ist. Ein gutes Buch kann auch tiefer gehen als ein TV-Einstünder. Den DOK-Film von Hans Jürg Zumstein würde ich mir anschauen, denn seine Sachen sind immer hervorragend. Zur sehr charmanten Frau Schwarzer sage ich nichts mehr, ausser dass es zwischen uns gerade mindestens ein Zwischenhoch gibt. Vielleicht soviel: Ich würde mein Buch kaufen, weil es keine Parteischrift, unvoreingenommen und damit spannender und aufschlussreicher ist.

Interview: Corinne Bauer


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