23.10.2012

Nina Pauer

"Kein Aufruf, sich auszuloggen"

Die "Zeit"-Redakteurin über ihr neues Buch "LG".

"Wer nicht postet, ist nicht! Wer sich nicht einloggt, bleibt aussen vor", steht auf dem Rücken des neuen Buches von Nina Pauer. Die Feuilleton-Redaktorin der "Zeit" hat vor Kurzem ihr zweites Werk "LG - Wie wir vor lauter kommunizieren unser Leben verpassen" herausgegeben. Darin schreibt sie über den digitalen Wahnsinn, der unser Leben beherrscht, über die Sucht, ständig mit anderen Menschen in Kontakt zu sein und die Folgen des exzessiven Kommunizierens. Am Mittwochabend, 24. Oktober, liest Pauer im Kaufleuten in Zürich aus ihrem neuen Buch. persoenlich.com hat die Hamburger Jungautorin zu ihrem eigenen Medienverhalten, dem vernünftigen Konsum und den künftigen Auswirkungen des virtuellen Strudels befragt.

Was bezwecken Sie mit Ihrem Buch?

Ich möchte 'uns', also denen, die in diesem kommunikativen Wahnsinn verhaftet sind, den Spiegel vorhalten. Ich möchte, dass wir unsere Sucht erkennen und dazu appellieren, wieder bewusster zu kommunizieren.

Nach dem Lesen Ihres Buches überlegt sich wohl der eine oder andere, Facebook und anderen Kanälen den Rücken zu kehren. Erhoffen Sie sich eine ähnliche Verhaltensänderung von Ihren Lesern?

Mein Buch ist kein Aufruf dazu, sich 'auszuloggen', also radikal auszusteigen. Für manche mag das tatsächlich die einzige Lösung sein, für andere liegt sie eher in einem Reduzieren oder in einem neuen Umgang mit den Kommunikationsmitteln. Am Ende sollte jedenfalls das Gefühl stehen, wieder intensiver zu leben und nicht laufend einer To-Do-Liste an Menschen und Sozialkontakten hinterherzurennen und keine Zeit mehr für sich selbst zu finden.

Woran merkt man, dass man nicht mehr Herr beziehungsweise Frau über seine Kommunikationslage ist?

Indem man sich auf die 'Symptome' hin prüft: Bin ich so wie die Protagonistin Anna, die keine Sekunde ohne Kommunikation aushält, die ihr Smartphone bis auf die Toilette und ins Bett mitnimmt, deren Finger laufend ins Nichts wischen und die ständig das Gefühl hat, niemandem gerecht zu werden, da es immer zu viele Menschen zum 'Abarbeiten' gibt? Kann ich es ertragen, wenn mein Handy mir neue Nachrichten anzeigt und ich sie nicht gleich öffne?

Wie sieht denn ein 'vernünftiger' Konsum von Email, SMS und Co. aus?

Ein gesunder Umgang damit ist einer, bei dem man sich nicht so fühlt, als wäre man permanent fremdbestimmt, als würden ständig neue Reize auf einen einpreschen, denen man sich widmen muss, obwohl man eigentlich gerade etwas anderes machen wollte. Man sollte einfach Pausen vom ewigen Multitasking machen. Das heisst: In Intervallen kommunizieren.

In Ihrem Buch leidet Markus, eine Ihrer Figuren, unter einem Burnout. Fühlten Sie sich selbst schon ähnlich überfordert?

Ja, ich kenne die Gefühle, die Markus hat. Aber vieles ist auch anders, er ist ja schon Familienvater, er hat eine eigene Firma und er ist Pendler. Sein Gefühl, überall und nirgends zugleich zu sein, kann ich nachvollziehen, vor allem seit der Zeit, in der ich mit meinem ersten Buch auf Lesereise war. Auf einer solchen Zugfahrt kam mir dann übrigens auch die Idee zu 'LG'.

In Ihrem Buch bewundert dieser Markus den Achtsamkeit-zelebrierenden, asketischen Bernd. Sie auch?

Bernd ist ja so eine Art Anti-Typ, ein perfektes Ideal des achtsamen Kommunizierens. Genau so wie Markus bewundere ich ihn, aber genau wie ihm geht er mir auch tierisch auf die Nerven beziehungsweise finde ich sein pedantisches Verhalten auch furchtbar anstrengend. Von Bernd soll man sich eine Scheibe abschneiden. Aber er soll auch zeigen: Das andere Extrem ist irgendwie auch krankhaft. Bernd steht für die besessenen Bewegungen unserer Zeit, dieses ewige 'Stress dich nicht! Sei entspannt!'.

Welcher Figur in Ihrem Buch fühlen Sie sich am nächsten?

Eigentlich allen. Sie entspringen ja meinen eigenen Erfahrungen und denen meiner Freunde und ihre Symptome sind so sehr die, an denen unsere gesamte Gesellschaft krankt, dass sie eigentlich jedem auf gewisse Art und Weise bekannt vorkommen müssten.

Besitzen Sie ein Smartphone?

Ja, seit circa eineinhalb Jahren.

Ihre andere Protagonistin Anna ist über 14 Kanäle wie Email, Skype, Facebook, SMS erreichbar. Über wie viele kann man Sie kontaktieren?

Wie die meisten Menschen müsste ich erst einmal nachzählen. Vermutlich sind es nicht vierzehn, eher sieben. Aber das reicht ja schon!

Haben Sie die Kontrolle über Ihre eigene Kommunikationswelt oder fühlen Sie sich von aussen gesteuert?

Das variiert sehr stark. Durch das Schreiben des Buches ist es jedenfalls einfacher geworden, stopp zu sagen, wenn es wieder zu viel wird. Sagen wir so: ich bin nicht immun, aber stark sensibilisiert und weiss, wo die Medizin steht, wenn's bedenklich wird.

Hat sich Ihr Kommunikationsverhalten mit dem Verfassen des Buches verändert?

Definitiv. Ich mache mehr Kommunikationspausen, gehe öfter ohne mein Telefon vor die Tür, versuche, nicht alles auf einmal zu machen, mich nicht von unbeantworteten Nachrichten unter Druck setzen zu lassen. Die Erfahrung zeigt: Die guten Freunde bleiben, auch, wenn man sich einmal nicht sofort zurückmeldet.

Wird in unserer Gesellschaft bald ein Umdenken stattfinden? Oder steuern wir alle ungebremst dem eigenen Kollaps entgegen?

Es wird schon eine Gegenbewegung geben, nur, dass sie nicht so radikal wird. Wir werden uns nicht reihenweise bei Facebook abmelden, unsere Smartphones wegwerfen. Die virtuelle Identität wird bleiben. Es ist wie bei der Erfindung von anderen neuen Medien: Wir müssen uns einfach noch daran gewöhnen.

Sie beschreiben die grösser werdende Kluft zwischen dem Stadt- und Landrhytmus und zwischen den analogen und digitalen Generationen. Vor welche konkreten Herausforderungen stellt dies unsere Gesellschaft?

Die Kluft zwischen Menschen diesseits und jenseits des virtuellen Grabens – oder wie ich ihn nennen würde: des kommunikativen Grabens – ist in der Tat stärker geworden. In meinem Buch möchte ich so etwas wie eine Übersetzung versuchen, sowohl für die digital-gesteuerte Anna als auch für ihre digital-ferne Mutter Ulla. Beide beneiden die andere ja um etwas: Ulla, die gerade in Rente gegangen ist, hat das Problem, dass sie zu viel Stillstand in ihrem Leben hat, Anna kämpft gegen die Beschleunigung, den Lärm der Hyperkommunikation. Ich wollte die extrem unterschiedlichen Geisteszustände unserer Zeit darstellen und wie schwer es ist, zwischen ihnen zu vermitteln.

Sie haben ein Gespür für die Nebenwirkungen, die unsere komfortable Lebensweise verursacht. Von welchem Phänomen wird Ihr nächstes Buch handeln?

Das weiss ich noch nicht, vermutlich über die nächste grosse Herausforderung, der sich das moderne Individuum stellen muss. Und die kommt sicher früh genug...

Interview: Claudia Thöny


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen