Mitglieder des Schweizer Verbandes der Journalistinnen und Journalisten (SVJ) heissen neu statt Journalistin BR oder Journalist BR Medienschaffende BR oder Medienschaffender BR. Dies hatte der Verband Ende Mai an einem Kongress in Bern festgelegt ("persoenlich.com" berichtete). Einer, der dieser neuen Berufsbezeichnung gar nichts abgewinnen kann, ist Klaus J. Stöhlker, Unternehmensberater für Öffentlichkeitsarbeit. "persoenlich.com" veröffentlicht seinen Kommentar dazu im Original-Wortlaut:
"Nach über 250 Jahren ist in der Schweiz in aller Stille ein Beruf abgeschafft worden, der zu den schönsten und wichtigsten des Landes zählte: Aus dem Journalisten wird mit Wirkung vom 1. Januar 2003 der Medienschaffende. Getroffen hat diesen Entscheid der Schweizer Verband der Journalistinnen und Journalisten (SVJ) an einem ausserordentlichen Kongress am 24. Mai 2002 in Bern. Das bescheidene Echo, welches dieser Entscheid hervorrief, entspricht der Scham, die darüber herrschen sollte.
Die Journalisten haben seit der Zeit der Aufklärung viel für die Gründung und den Aufbau der modernen Schweiz geleistet. Ohne einem anspruchsvollen liberalen Journalismus wäre die Schweiz als europäischer und globaler Sonderfall nie entstanden. Diese 'Schreiber für den Tag' haben das politische, wirtschaftliche und kulturelle Bewusstsein der autonomen BürgerInnen des Landes geschärft. Sie haben zu seiner Selbstbehauptung beigetragen und es intellektuell verteidigt.
Jetzt treten in der Folge dieses Aktes geistigen Selbstmordes Medienschaffende an die Stelle des stolzen Journalisten. Der Journalist war stets für alle Medien tätig, weil er die Inhalte verantwortete, und niemand wäre auf die Idee gekommen, ihn deshalb 'Medienmann' oder 'Medienfrau' zu nennen. Offensichtlich liegt die Bedeutung dieses neuen Begriffs eher in dessen zweiter Hälfte, nämlich 'Schaffender'. Hier lassen Bertold Brecht und der Sozialismus grüssen: An die Stelle des Intellektuellen tritt der proletarisch Schaffende. Es mag auch sein, dass der Schweizer Verband der Journalistinnen und Journalisten seinen Berufsstand, neoliberalen oder kapitalistischen Vorstellungen vorausschauend entsprechend, eigenständig vom Intellektuellen zum Schaffenden neu bewertet hat. Eine dritte Lösung wäre es, den Namen deshalb zu ändern, weil das derzeit weitverbreitete schlechte Image der Journalisten eine Abwertung des Begriffs ohnehin anbietet.
Auffallend ist der gleichzeitig erfolgte Beschluss des SVJ, die 'hauptberufliche Tätigkeit' nicht mehr auf das Einkommen zu beziehen, sondern über den zeitlichen Aufwand mindestens fünfzig Prozent während zweier Jahre zu definieren. Hiermit kann ein langsam schreibender oder äusserst penibel recherchierender Medienschaffender ab 1. Januar 03 eine wenige tausend Franken im Journalismus verdienen und ein Mehrfaches davon als PR- und Werbeberater, und darf sich immer noch Medienschaffender BR mit Presseausweis nennen. Das deckt sich mit der Tatsache, dass an unseren Fachhochschulen mit regierungsrätlicher Erlaubnis Mischwesen ausgebildet werden, die halb Journalist, Verzeihung: Medienschaffender, halb PR-Mann sind.
Im internationalen Vergleich ist die Schweizer Lösung ohnehin unvergleichlich. Kein Franzose, kein Deutscher, niemand würde sich dort die stolze Berufsbezeichnung Journalist stehlen lassen. Insofern hat die Schweiz hier wieder einen Sonderfall geschaffen. Sie ist der Zeit voraus, aber welcher Zeit?

