"Journalisten tragen zur Brutalisierung bei", sagte Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur von "Die Zeit". Den Zustand, wie sich die Leute in einem Land fühlen, könne man herbei schreiben. Es bringe nichts, wenn man sich gegenseitig beleidige. In einem Streitgespräch diskutierte di Lorenzo am Donnerstagabend im voll besetzten Schauspielhaus Zürich mit Roger Köppel über die Krise des Journalismus. Köppel und di Lorenzo vertraten ihre Standpunkte klar, ohne in rein kontroversen, sinnleeren Schlagabtausch zu verfallen. Zwischenzeitlich griffen beide konkrete Argumente der Gegenseite auf, legten ihre Sichtweise dar, sodass sogar differenziertere Meinungen entstehen konnten - zwar nicht bei den Protagonisten auf der Bühne, vielleicht aber bei den Zuhörenden im Saal.
Spontaner Applaus für di Lorenzo
Dabei löste besonders der zweite Gesprächsteil - in dem es um den Einfluss der Medien auf die politische Kultur ging, um Inhalt und Form, respektive Gemeinsinn vs. Polarisierung - beim Publikum Kopfschütteln und einzelne Zwischenrufe aus. Manchmal gab es sogar spontanen Beifall, fast immer für "Die Zeit"-Chefredakteur di Lorenzo. Di Lorenzo vertrat die Meinung, dass Themen nuanciert betrachtet werden müssen, gerade deshalb, weil viele Probleme oder Sachgeschäfte zu komplex seien, um in einer Schwarz-Weiss-Sichtweise erklärt zu werden. Derweilen proklamierte Köppel seinen bereits in der Weltwoche erläuterten Appell zu mehr Polarisierung nochmals ("persoenlich.com" berichtete): "In einer Demokratie soll man sich nicht weichgespült ausdrücken." Di Lorenzo seinerseits sagte, dass es gar nichts bringe, stets nörgelnde oder besonders harte Töne anzuschlagen. So würden sich nämlich die Fronten noch stärker verhärten. Ein solch vergiftetes politisches Klima, sei problematisch, da sich keine Talente, keine wirklich fähigen Politiker, mehr finden lassen würden. "Die Leute lassen sich doch nicht freiwillig ans Kreuz nageln."
Soll Journalismus wirtschaftskritisch sein?
Auch in manchen Punkten zum journalistischen Selbstverständnis waren die beiden Chefredaktoren genau gegensätzlicher Ansicht. So etwa bei der Frage, ob ein Journalist einer Partei angehören darf oder nicht, oder ob der Journalismus entweder schwergewichtig staats- oder wirtschaftskritisch sein soll. Köppel vertrat klar die Meinung, dass sich die Kontrollfunktion des Journalismus vor allem auf staatliche Institutionen bezieht. Journalisten müssten primär den Mächtigen des Staates auf die Finger schauen, nicht denen der Wirtschaft. "Die Wirtschaft wird durch den Wettbewerb kontrolliert. Als Journalist kann ich mir nicht anmassen, Unternehmen oder das Management zu kritisieren. Kritische Unternehmensberichterstattung ist nicht Sache des Journalismus", sagte Köppel. An diesem Punkt widersprach di Lorenzo vehement. Er argumentierte mit Blick auf die Manager-Fehlleistungen und die Finanzkrise: "Die Leute sind durch die Vorkommnisse der letzten Jahren paralysiert, denn das Leistungsprinzip wurde ausser Kraft gesetzt. Wer viel leistet, wird nicht belohnt, im Gegenteil. Leute, die Schlechtes leisten, verdienen trotzdem hohe Löhne und müssten ausserdem für ihre schlechte Leistung nicht einmal haften. Hier müsse der Journalismus hinschauen, kritisch sein und Unrechtmässigkeiten offen legen.
Aufruf zu Nonkonformismus
Einig waren sich die beiden darin, dass der Qualitätsjournalismus nonkonform sein muss. Dazu gehören vertiefte Recherche und die Suche nach neuen Themen, unbekannten Aspekten und das Brechen von Tabus. Wobei dann aber di Lorenzo mit einem Seitenhieb Richtung Köppel anmerkte: "Es gibt auch einen ermüdenden Nonkonformismus. Dann nämlich, wenn er berechenbar ist."

Das Streitgespräch unter dem Titel: "Wie bissig ist er noch, der Wachhund der Demokratie?" wurde vom Schauspielhaus Zürich und "Die Zeit" organisiert. Konzept und Moderation stammen von Lukas Bärfuss und Peer Teuwsen.
Beiträte zur selben Veranstaltung finden sich auf auf nzz.ch, tagesanzeiger.ch und pod.drs.ch
Text und Bild: Edith Hollenstein

