17.03.2011

"Kolumnisten geben den Senf zu dem, was andere recherchieren."

"Medien und Journalisten: Eine Branche unter Druck" war der Titel einer Veranstaltung im Zürcher Kaufleuten von letzter Woche. Dabei ging es primär um Journalist und Herausgeber Kurt W. Zimmermann. Über sein Werk und die Podiumsdiskussion haben andere geschrieben. Im Interview mit "persoenlich.com" spricht Zimmermann über seine Kolumne, Medienjournalismus und die Blattkritik bei der "Weltwoche". Zum Text:
"Kolumnisten geben den Senf zu dem, was andere recherchieren."

Herr Zimmermann, in Ihrer aktuellen "Weltwoche"-Kolumne thematisieren Sie die momentan intensive Diskussion um die politische Transparenz von Journalisten. Warum finden Sie dieses Thema so wichtig?

Medien sind der wichtigste Erzeuger von gesellschaftlicher Transparenz. Dies ist unabdingbar zur Unterscheidung von Eigeninteresse und Allgemeininteresse. Allerdings gehören die Medien selber auch in diesen Prozess. Darum ist es mehr als scheinheilig, wenn sich Journalisten dem Gebot der Transparenz in eigener Sache entziehen und zum Beipsiel ihre politische Haltung tarnen.

Sie beginnen den Text mit einem Selbstbekenntnis. "Am rechten Flügel der FDP" verorten Sie sich selber. Erwarten Sie, dass nun weitere Journalisten oder insbesondere Chefredaktoren Ihrem Beispiel folgen?

Nein.

Wie mächtig ist eigentlich Ihre Kolumne in der "Weltwoche"? Können Sie damit den Diskurs beeinflussen?

Nein, ich glaube nicht, dass die Kolumne die Debatte gross beeinflusst. Allenfalls, wenn ich Glück habe, kann ich die eine oder andere Diskussion anreichern. Ansonsten gehöre ich ins Unterhaltungsfach.

Wo hat Ihr Input etwas bewirkt?

Ich könnte mir vorstellen, dass meine Thesen zum Verhältnis von Print und Internet in Verlagen nicht völlig ohne Resonanz geblieben sind. Vielleicht auch meine Meinung zur Qualitätsdiskussion in den Medien.

Ist die "Weltwoche" der richtige Ort für Ihre Kolumne oder könnten Sie ein relevanteres Publikum erreichen, wenn Ihre Texte in einem anderen Medium gedruckt würden?

Interessant ist ja bei Kolumnen, dass die Kolumne und das Medium, in dem sie publiziert wird, mit der Zeit zusammenwachsen wie ein Ehepaar, das man nicht mehr trennen kann. Es gibt viele Beispiele von Kolumnen, die in ein anderes Medium gewandert sind und plötzlich nicht mehr funktionierten.

Somit würde Ihre Medienkolumne in der "SonntagsZeitung" nicht funktionieren.

Nein, das würde nicht gehen. Kolumnen-Wanderungen funktionieren selten. Es gibt nur wenige Beispiele, wo ein Transfer auf eine andere Plattform geklappt hat. Einigermassen gelungen ist es etwa bei Peter Rothenbühler, der von der "Weltwoche" zur "Sonntagszeitung" wechselte. Über die Transfersumme hat man aber nie etwas gehört.

Sie kritisieren ja jede Woche auf Neue Journalisten, Verleger oder Medienhäuser. Damit tragen Sie zur gegenseitigen Kontrolle bei. Inwiefern stehen Sie selber unter Kontrolle? Ist Ihre Kolumne Thema bei der "Weltwoche"-Blattkritik?

Soweit ich weiss, ist in der Blattkritik meine Kolumne kein Thema. Roger Köppel und ich treffen uns eher ab und zu auf ein Bier, aber völlig unsystematisch.

Sie müssen aus beruflichen Gründen Zeitung lesen. Welche Zeitungen haben Sie abonniert?

Den "Tagi" habe ich abonniert, ich lese ihn morgens immer zuerst. Abonniert sind auch "NZZ", "Blick", "Weltwoche","Sonntagszeitung", und "Sonntagsblick". Dazu Fachzeitschriften und eine Golfzeitung. Dazu bin ich eine wahre Goldgrube für jeden Kiosk.

Was lesen Sie sonst noch?

Einmal meine eigenen Titel, die "ff", unser Nachrichtenmagazin und "Panorama", unser Wirtschaftsmagazin. Dann lese ich das übliche Dutzend, von "Spiegel" über "Repubblica" bis "Herald Tribune". Am Kiosk kaufe ich immer wieder den "Daily Telegraph". Der "Daily Telegraph" ist sozusagen meine Lieblingszeitung, den würde ich auf die einsame Insel mitnehmen.

Wie nutzen Sie Fernsehen und Radio?

Die nutze ich seltener, da ich oft unterwegs bin. Ich schaue manchmal über Zattoo. Dabei nutze ich vor allem schweizerische, deutsche und österreichische Kanäle, da bin ich sehr konservativ.

Welche Audio- und Videopodcasts haben Sie abonniert?

Nicht so viele.

Sie schreiben die "Weltwoche"-Medienkolumne seit acht Jahren.

Ja, ich werde wohl noch zwei Jahre weitermachen. Anschliessend müsste eigentlich fertig sein, dann sollte ich wegen zunehmender Tatterigkeit langsam aufhören.

Ist es nicht schwierig, und auch mit grossem Druck verbunden, jede Woche ein neues Thema zu finden?

Nein, eine Kolumne zu schreiben ist keine schwierige Angelegenheit. Denn als Kolumnist hat man einen bequemen Vorteil gegenüber anderen Journalisten: Wir Kolumnisten geben einfach unseren Senf zu dem, was andere recherchieren. Wir sind eine Art Trittbrettfahrer.

So einfach ist es ja wohl nicht.

Das einzige, was wichtig ist, ist eine klare, fundierte eigene Meinung. Und natürlich mache ich zum Thema jeweils drei oder vier Telefonate oder mal ein Mittagessen. Aber der Aufwand ist überschaubar.

Wie kommen Sie zu Themen?

Die Themenwahl geschieht rein zufällig. Ich treffe immer wieder Leute auf ein Glas oder so. Die wissen dann, was ich dringend tun sollte. Ich bekomme auch Hinweise von Chefredaktoren. Sie melden sich und sagen dann, ich solle ja nicht schreiben, von wem ich die Fakten erfahren hätte. Zudem ist die Medienberichterstattung in der Schweiz nicht sehr umfangreich. Dies ist ein grosser Vorteil für mich. Darum finde ich immer ein Thema, auf dem die anderen noch nicht so stark rumgeritten sind.

Sind Social Media wichtig in Ihrer Recherche?

Meine Kolumne ist Old Media. 50 Prozent der Themen sind Printthemen, der Rest sind Radio- und Fernseh-Themen, dazu Inernet. Ich bin in diesem Sinne oldfashioned. Das will ich aber auch so, denn ich will nicht auch noch laufend über Facebook, Twitter und all die neuen Suchmaschinen wie Tweetmeme schreiben. Dafür gibt es genügend Berufene. Wer eine Kolumne in einem Printmedium schreibt, soll auch zu gutem Teil über Printmedien schreiben.

Sprechen wir über Ihr Spezialgebiet: Medienjournalismus ist in der Schweiz nicht sehr stark ausgeprägt.

Ja. Es gibt als Dauerbrenner nur mich und Rainer Stadler von der "NZZ". Damit ist das Potential in der Massenpresse eigentlich schon ausgeschöpft.

Wäre denn genügend Interesse vorhanden für mehr Medienthemen in den Medien?

Der Widerspruch ist doch interessant: Der durchschnittliche Medienkonsum für Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen, Internet und Radio liegt in der Schweiz bei sieben Stunden pro Tag. Der durchschnittliche Politikkonsum liegt bei vielleicht sieben Minuten pro Tag. Doch unsere Zeitungen und Zeitschriften schreiben alles über Politik und sehr wenig über Medienthemen.

Im "Sonntag" gibt es eigens eine Medienseite.

Dies ist eine lobenswerte Ausnahme.

Oft behandeln Zeitungen oder Radiosendungen Medienthemen auch innerhalb anderer Ressorts z.B. in Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft.

Mag sein, aber das ist punktuell. Wenn Moritz Suter die "Basler Zeitung" kauft oder wenn Roger Schawinski eine SF-Talkshow bekommt, dann rennen alle wie die aufgescheuchten Hühner herum. Dann ist für vier Wochen wieder Schweigen im Walde. Dann rennen die Hühner wieder. Von Kontinuität ist keine Spur.

Ist das aussergewöhnlich?

Ganz sicher, wenn man etwa die Situation mit Deutschland vergleicht: Alle wichtigen deutschen Zeitungen haben eine bis zwei Medienseiten pro Tag. Medien sind ein absolut treibender Faktor in der Gesellschaft. Daher ist es mehr als zwingend im gesellschaftlichen und politischen Diskurs, ein solch dominierendes Thema kritisch zu behandeln.

Sie sagten, dass Rainer Stadler neben Ihnen als einziger regelmässig Printmedienkritik macht. Wie sieht die Situation im Internet aus?

Als Auftritte sind persoenlich.com und kleinreport.ch bemerkenswert gut gemacht. Sie können sich durchaus messen mit kressreport.de, der wohl besten deutschsprachige Medien-Informationsplattform. Daher sind wir News-mässig im Internet komfortabel ausgerüstet, finde ich. Dann gibt es medienspiegel.ch. Das ist auch im internationalen Vergleich eine hübsche Medien-Webseite. Sie überzeugt nicht durch permanente Polemisierung, wie es andere Webseiten tun, sondern ist wohltuend nüchtern. Ich glaube, auch die neue medienwoche.ch hat Potenzial.

Eine professionelle Regel sagt: "Eine Krähe hackt einer anderen Krähe kein Auge aus." Trotzdem tun Sie es: Sie sind Journalist und kritisieren andere Journalisten. Was legitimiert Sie dazu?

Ob ich legitimiert bin, muss die Leserschaft entscheiden. Die einzige Legitimation im Journalismus ist die öffentliche Resonanz.

Resonanz ist offenbar vorhanden. Bei permanent negativem Feedback hätte Ihnen Roger Köppel die Kolumne bestimmt weggenommen.

Offenbar gibt es wirklich ein paar Leute, die meine Kolumne lesen. Ich bin tatsächlich oft vom Feedback überrascht. Wenn man in den Medien arbeitet, neigt man dazu, die eigene öffentliche Wirkung zu unterschätzen. Medienthemen sind für Journalisten einfach nur alltäglich. Aber für Leute, die ausserhalb der Medien arbeiten, sind Medien nicht einfach daily Business, sondern sie greifen oft sehr direkt in ihren Lebens- und Berufsalltag ein. Medien sind für viele Konsumenten eine Blackbox, das Informationsbedürfnis ist hier enorm hoch. Ich bin zu meinem Erstaunen für viele eine Art Gebrauchsanleitung für Medien geworden.

Nochmals: Was legitimiert Sie zu Medienkritik?

Ich habe keinen missionarischen Anspruch. Wichtig ist, dass ich sozusagen ein Freigeist bleibe. Ich kann nicht dauernd den "Tagi" kritisieren und den "Blick" verschonen, oder umgekehrt. Ich glaube, meine Feinde sind in den Verlagshäusern gleichmässig verteilt. Peinlich wäre auch, wenn ich in dümmlicher SVP-Manier immer nur auf der SRG herumhacken würde. Ich darf nicht vorhersehbar sein. Ein Kolumnist ist tot, wenn er nur noch die Erwartungen erfüllt.

Also Unparteilichkeit.

Natürlich. Das fällt einfacher, wenn man wie ich ein ziemlich altes Schlachtross ist. Ich war Journalist, Chefredaktor, Herausgeber, ich habe bei Radios und Fernsehen gearbeitet. Dadurch habe ich einen relativ breiten Erfahrungs- und Fehlerschatz, denke ich. Ich würde mich nicht trauen, mitunter dermassen besserwisserisch über Medien zu schreiben, wenn ich das Gefühl hätte, ich würde nichts davon verstehen.

Mehr Informationen zum Buch von Kurt W. Zimmermann: ofv.ch.

Interview: Edith Hollenstein


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