Die SRG steht derzeit unter Dauerbeschuss. Die Haupt-Vorwürfe: rote Zahlen in der Jahresrechnung, Auszahlung von "Luxusrenten", offensive Quoten-Publikation und zu viele Freiheiten im Internet. Im Interview mit persoenlich.com nimmt Kommunikationschef Iso Rechsteiner Stellung. Er erklärt unter anderem, wo die SRG künftig Live-Streaming einsetzen wird. Zudem zeigt sich die SRG bereit, mehr für die "Verbesserung der Situation von Frauen auf allen Kaderstufen" zu tun.
Herr Rechsteiner, nach der Konzessionsänderung sehen viele Beobachter weitere Vorteile für die SRG. Die Verleger sowie die privaten Radio- und TV-Sender befürchten sogar eine weitere Wettbewerbsverzerrung zu Ihren Gunsten. "Einmal mehr ist der Bundesrat auf die Salamitaktik der SRG hereingefallen", sagt etwa TVO-Senderchef André Mösch. Reibt sich die SRG nach dem Bundesratsentscheid die Hände?
Dieser Entscheid wird sowohl den Interessen unseres Publikums als auch der Situation der Verleger gerecht. Im September 2012 beschloss der Bundesrat, der SRG vorerst keine Online-Werbung zu erlauben. Hingegen kündigte er an, uns mehr publizistischen Freiraum im Online-Bereich zu eröffnen. Die angepasste Konzession konkretisiert den damaligen Beschluss des Bundesrats: Wir dürfen einerseits keine Internet-Werbung schalten, können vom 1. Juni 2013 an aber unsere Angebote den heutigen technischen Möglichkeiten und dem stark veränderten Verhalten Mediennutzer anpassen. So kann der audiovisuelle Service public den Bedürfnissen des Publikums besser entgegenkommen und die Gebührenzahlenden dort erreichen, wo sie sind, nämlich zusehends im Internet.
Sie sagen es: Auf den SRG-Webseiten bleibt Werbung weiterhin verboten. Weil aber Online-Verbreitung über Live-Streaming als Teil des konzessionierten Programms gilt, gibt es hier für die Werbung keine spezifischen Einschränkungen. Die Live-Streams können vermarktet werden als handle es sich um Fernsehprogramme. Welche Werbeformate planen Sie?
Die Vermarktung von Live-Streaming wurde bisher schon durch Publisuisse vorgenommen. Es gelten auch hier die üblichen Vorgaben für TV-Werbung aus Gesetz und Verordnung.
Wo werden Sie Live-Streaming einsetzen?
Wir entscheiden von Fall zu Fall, welche Anlässe wir mittels Live-Streaming übertragen. So, wie wir dies bereits bisher mit einer entsprechenden Genehmigung tun durften. So konnte unser Publikum beispielsweise während der Olympischen Spiele London 2012 neben den Live-Übertragungen auf unseren Programmen zusätzliche Wettkämpfe via unserem "London-Player" online verfolgen. Der Zuspruch mit über 5 Mio. Besuche von durchschnittlich mehr als 25 Minuten Dauer in 16 Tagen ist enorm. Es liegt auf der Hand, dass wir für die olympischen Winterspiele in Sotchi ein ähnliches Angebot vorsehen.
Sie dürfen Live-Streaming neu auch bei Kultur einsetzen.
Denkbar ist, dass beispielsweise die Verleihung des Schweizer Filmpreises per Live-Streaming in voller Länge gezeigt wird, während auf unseren Sendern nur Zusammenfassungen und entsprechende Rahmenprogramme laufen. Im Herbst werden wir eine erste Zwischenbilanz ziehen und informieren, wie wir die angepasste Konzession umsetzen.
Offenbar plant die SRG sogar reine Online-Formate, dies schreibt medienwoche.ch. Woran konkret wird gearbeitet?
Noch ist es zu früh, um konkrete Projekte zu kommunizieren. Wir werden in diesem Herbst eine erste Bilanz ziehen und dann darüber informieren.
In einem Interview mit der "Sonntagszeitung" sagte Roger de Weck, dass die SRG über 150 Millionen Franken für die Pensionskasse zurückstellen muss, was für 2012 in roten Zahlen resultiert. Ist diese Rückstellung nötig, weil SRG-Führungskräfte bereits mit 62 pensioniert werden?
Zuerst eine Klarstellung: Die Pensionskasse der SRG muss nicht saniert werden. Der aktuelle Deckungsgrad liegt bei 104 Prozent. Und: Wir reden vom Wechsel vom Leistungs- ins Beitragsprimat und der Senkung des technischen Zins‘ – die beiden Schritte erfolgen zeitgleich, was zu kumulierten Kosten führt. Dann zur Frage der Rückstellung: Bei der SRG geht niemand ohne Rentenkürzungen frühzeitig in Pension – leider wurden diesbezüglich in Medien falsche Fakten veröffentlicht. Personen, die mit 62 pensioniert werden, erhalten eine um 4,5 Prozent tiefere Rente als Mitarbeitende, die mit 65 in den Ruhestand treten (pro Jahr eine Rentenkürzung um 1,5 Prozent). Mit dem vom Stiftungsrat der Pensionskasse geplanten Wechsel zum Beitragsprimat und mit der gleichzeitig notwendigen, kostenintensiven Senkung des technischen Zinses soll die SRG-Pensionskasse modernisiert werden, damit sie gesund, sicher und für alle Versicherten nachhaltig bleibt.
Sie wollen diesen Systemwechsel selber finanzieren.
Ja genau. Die Pensionskassen anderer bundesnaher Unternehmen wurden mit Steuergeldern saniert bzw. neu aufgestellt. Die nötigen Anpassungen der SRG-Pensionskasse in Höhe von 160 Millionen Franken bezahlen wir aus den Eigenmitteln. Die Rückstellung wirkt sich also weder auf die Programme noch auf die Gebührenzahlenden aus.
Nun fordern Politiker ein "Ende der Luxusrenten" (vgl. Blick.ch). Generaldirektor Roger de Weck hat Bereitschaft signalisiert, die Pensionierungspolitik zu überprüfen. Inwiefern gibt es bereits Anpassungen?
Die SRG will eine gute Arbeitgeberin bleiben, dazu gehört auch ein vernünftiges Rentenreglement. Luxusrenten gibt es bei der SRG allerdings nicht. Nur wer 45 Jahre bei der SRG angestellt war und mit 65 Jahren in Rente geht, kann vom maximalen Rentenansatz von 67,5 Prozent profitieren. Dies erreichen höchstens eine Handvoll Mitarbeitende. Die Benchmark-Studie "Swiss Pension Fund Survey2011/12" weist für die Hälfte der Pensionskassen bei einer Pensionierung der Versicherten im Alter von 65 eine kumulierte Altersleistung (PK und AHV) auf, die zwischen 72 und 83 Prozent des letzten Lohnes liegt. Vom Durchschnittseinkommen eines Mitarbeitenden ausgehend liegt dieser Wert bei der SRG bei 71 Prozent.
Doch mit 62 Jahren in Pension zu gehen liegt nicht gerade am Puls der Zeit und bedeutet für die SRG einen grossen Know-how-Verlust. Zudem würden einige SRG-Kader gerne länger weiter arbeiten, wenn man sie denn liesse.
Deshalb überprüft die SRG zur Zeit ihre Pensionierungspolitik der Kader. Die Geschäftsleitung hat Ende 2012 einen entsprechenden Auftrag erteilt. Geprüft wird vor allem, wie die Handhabung der Pensionierungsalter flexibler gestaltet werden könnte.
Die Frauenquote in der SRG-Geschäftsleitung ist gleich null. Nun will Roger de Weck laut SoZ die Frauen fördern, insbesondere im mittleren Management. Wird eine Frauenquote eingeführt und wie konkret wird diese ausgestaltet sein?
Die SRG prüft derzeit verschiedene Massnahmen zur Verbesserung der Situation von Frauen auf allen Kaderstufen. Fakt ist: In der Geschäftsleitung der SRG sind bislang nur Männer vertreten. Im Verwaltungsrat SRG haben zwei Frauen Einsitz und in den Geschäftsleitungen der SRG-Radio und -Fernsehen sind mehrere Frauen vertreten. 129 von insgesamt 476 Kaderstellen nehmen Frauen ein.
Sie sprechen von "Verbesserung der Situation von Frauen auf allen Kaderstufen". Durch welche Massnahmen wollen Sie dieses Ziel erreichen?
Noch prüft die SRG, wie die Förderung der Situation von Frauen auf Kaderstufen verbessert werden kann. Konkrete Massnahmen kommunizieren wir, wenn solche beschlossen sind.
Wie gut lässt sich bei der SRG Teilzeit arbeiten? Jobs unter 80 Prozent findet man keine auf dem Stellenportal.
Diese Wahrnehmung stimmt nicht. Genau die Hälfte aller SRG-Mitarbeitenden arbeitet Teilzeit. Und: Knapp 20 Prozent der insgesamt 6077 Mitarbeitenden arbeiten mit einem Pensum von 60 Prozent oder weniger.
Kürzlich wurde bekannt, dass die SRG das Urteil der UBI im Fall "Frauenmangel in der Arena" ans Bundesgericht weiterziehen wird. Warum rechnen Sie sich Chancen aus, Recht zu bekommen in diesem Fall?
Die SRG ist der Ansicht, dass es sich um keine Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots handelt.
Trotz Superprovisorischer Verfügung veröffentlichte SRF die aktuellen TV-Quoten. Warum entschied sich die SRG bewusst zu diesem widerrechtlichen Schritt?
Die erste Verfügung richtete sich an Mediapulse und nicht an die Radio- und Fernsehveranstalter. Deshalb haben sich SRF und die anderen Anbieter, die die Zahlen publik machten, nicht widerrechtlich verhalten. Erst in einer zweiten Verfügung weitete der Richter die superprovisorische Verfügung auf die Veranstalter aus. SRF hat daraufhin die bereits publizierten Zahlen unverzüglich vom Netz genommen.
Die SRG betreibt 18 Radio- und 7 Fernsehstationen: Nun verkaufen Sie World Radio Switzerland an die private Gesellschaft Anglo Media. Was bringt dieser Schritt?
Dies ist ein strategischer Entscheid. Bei der regelmässigen Überprüfung des Angebots hat die SRG das englischsprachige Radioprogramm World Radio Switzerland (WRS), das in Genf produziert wird, analysiert und ist zum Schluss gekommen, dass die Verbreitung eines englischsprachigen Radio-Programms nicht zu den Kernaufgaben unseres Service public gehört. Einerseits stellt die SRG mit ihrer Internet-Plattform swissinfo.ch, deren englischsprachige Redaktion ausgebaut wurde, schon ein erfolgreiches Angebot auf Englisch bereit. Anderseits hat WRS in fünf Betriebsjahren das in der Konzession definierte Zielpublikum nur teilweise erreicht. Die Erwartungen, die beim Ausbau des früheren Genfer Lokalradios zu einem nationalen Programm gehegt wurden, haben sich nicht erfüllt.
Wie hoch ist der Erlös aus diesem Verkauf?
Über den Verkaufspreis haben die Parteien Stillschweigen vereinbart. Der Verkauf von WRS ist weder aus Spargründen noch mit dem Ziel erfolgt, möglichst viel Geld in die Kasse zu bekommen. Es war wie gesagt ein strategischer Entscheid.
Wie in der Zeitschrift "Link" zu lesen war, will sich die SRG eine neue Vereinsstrategie erarbeiten. Damit will man Probleme – etwa den Mitgliedermangel, den hohen Altersdurchschnitt, oder die ungenügende Vernetzung – beheben. Inwiefern hat die Strategiegruppe bereits vorweisbare Lösungsvorschläge erarbeitet?
Der Verein SRG SSR mit seinen vier sprachregionalen Gesellschaften und seinen rund 21'000 Mitgliedern mit der Erarbeitung einer Vereinsstrategie den gesellschaftsbezogenen Teil seiner Aufgaben noch besser erfüllen: Brücke zwischen dem Unternehmen und dem Publikum zu sein und die Diskussion zum audiovisuellen Service public zu führen und zu fördern. Mit der Vereinsstrategie soll die Zusammenarbeit zwischen den Regionalgesellschaften gefördert und gemeinsame Lösungen entwickelt werden. Das Projekt ist jetzt in Vorbereitung und wird in der zweiten Jahreshälfte starten.
Angenommen, die Schweizer Verlage würden sich geschlossen für die Paywall entscheiden und diese per Anfang 2014 einführen. Inwiefern würde die SRG Hand bieten und die Inhalte auf srf.ch ebenfalls nur noch kostenpflichtig zugänglich machen
Eine Paywall ist für die SRG keine Option, denn unser Angebot wird ja bereits über Gebühren finanziert. Es wäre unverständlich, wenn man die Konsumenten gleich zweimal zur Kasse bitten würde. Um die Verlage zu schützen werden der SRG im Online-Bereich unter anderem durch die Konzession Einschränkungen auferlegt.
Interview: Edith Hollenstein

