31.01.2012

"Bottled Life"

Kritischer Dokfilm über Nestlé

Interview mit SF-Journalist Res Gehriger.
"Bottled Life": Kritischer Dokfilm über Nestlé

Der Dokfilm "Bottled Life", der derzeit in den Kinos läuft, setzt sich kritisch mit der Rolle von Nestlé im Geschäft mit abgepacktem Wasser auseinander. SF-Journalist Res Gehriger, dessen Recherchen dem Film zugrunde liegen, äussert sich im Gespräch mit persoenlich.com zur Kommunikationsstrategie des grössten Lebensmittelkonzerns, zu Dokfilmen à la Michael Moore und zu den aufwändigen Dreharbeiten.

Herr Gehriger, dem Nestlé kritischen Film "Bottled Life" liegen Ihre Recherchen zugrunde. Wie sind Sie vorgegangen?

So, wie das die meisten Journalisten tun würden: Informationen beschaffen und prüfen, Personen kontaktieren, Gespräche führen, hinterfragen. So ist ein umfangreiches Dossier entstanden, das die Auswahl der Drehorte erleichtert hat.

Wenn man den Informationen aus dem Film glauben darf, dann stellt sich Nestlé in punkto Kommunikation ziemlich stümperhaft an. Sogar vermeintliche Prestige-Sozialprojekte wie jenes in Äthiopien entpuppten sich als nicht besonders herzeigenswert. Was glauben Sie, wieso geht der grösste Lebensmittelkonzern der Welt da nicht professioneller vor? Ist er mittlerweile so mächtig, dass er schlicht nichts zu befürchten hat?

Ich denke nicht, dass Nestlés PR-Arbeit stümperhaft ist, im Gegenteil. Bei unserem Projekt hatten wir früh Kontakt zu Nestlé. Als ich den Konzernsprecher fragte, ob wir in Pakistan drehen dürften, war seine spontane Antwort: "Mein Masochismus geht nicht soweit, dass ich der Betroffenheitsstupidität des Publikums noch Vorschub leisten will". Nestlé dachte, mit der Absage sterbe das Filmprojekt. Was die Brunnen in Äthiopien betrifft, war ich erstaunt. Zwei Jahre nachdem sich Nestlé aus dem Projekt verabschiedet hat, stellt die Firma einen Imagefilm ins Netz, in dem Peter Brabeck von einem langfristigem Engagement spricht. Nestlé tut wohl so viel Gutes, dass es zuweilen an Übersicht fehlt. Und kritische Fragen zu humanitären Projekten sind selten.

Was meinen Sie, wieso leistet sich Nestlé nicht wie jedes andere Grossunternehmen ein paar Ökoprojekte, mit denen man sich wirklich brüsten kann? Finanziell wäre das doch ein Leichtes.

Das müssen Sie Nestlé fragen. "Unternehmerische Sozialverantwortung" kann eine Firmenphilosphie sein. Oder ein Marketinginstrument.

Wissen Sie, ob sich die Situation in Äthiopien verbessert hat?

Als wir im Flüchtlingslager filmten, klagten viele Familien über Wasserknappheit, manchmal gebe es mehrere Tage überhaupt keins. Ich weiss, dass das UNHCR die Anlagen in der Zwischenzeit elektrifiziert hat. Zur aktuellen Versorgungslage sind die Angaben widersprüchlich.

Mit den Worten: "Der falsche Film zur falschen Zeit", schmettert die Kommunikationsabteilung von Nestlé jeglichen Kommentar zum Film ab. Statt Interviewsequenzen sind im Film deshalb nur Ausschnitte aus öffentlichen Auftritten von Konzernchef Peter Brabeck zu sehen. War es Ihnen auch an diesen Auftritten nicht möglich ihm mal eine Frage zu stellen?

Doch. Wir haben ihn an diesen Veranstaltungen gezielt befragt, jeweils wenn das Podium Fragen aus dem Publikum entgegenahm. Urs und ich wechselten uns ab, so konnten wir zu mehreren spezifischen Themen des Films Stellungnahmen von Peter Brabeck einholen. Ich habe Peter Brabeck im Nachgang eines Anlasses um ein Interview gebeten. Er verwies mich an seinen CEO Paul Bulcke und an die Presseabteilung. Die sagten dann ab. Bewusst verzichtet haben wir auf erzwungene Interviews vor laufender Kamera.