Herr Glogger, zur Freude vieler und zum Leid mancher auch einiger Adressaten - haben Sie im "Blick am Abend" mittlerweile 1'000 Mails versandt. Gratulation zum Jubiläum! Welches Fazit ziehen Sie?
Dass sich Qualität gepaart mit Quantität, Nachdenken statt Nachplappern, Meinung statt Mainstream lohnt. Dass es noch Chefredaktoren gibt, wie "Blick am Abend"-Chef Peter Röthlisberger, die nicht jedem Wind- und Weichei nachlaufen. Chefredaktoren, die wissen, dass zu einer Zeitung eben Köpfe mit kantigen Meinungen gehören. Wie mein brillanter Kolumnisten-Kollege und Musiker-Freund Jürg Ramspeck.
Konsequenterweise wird dieses Interview per Mail geführt. Ist Mailen Ihre bevorzugte Form der Kommunikation?
Nein. Ich schaue meinen Gesprächspartnern lieber in die Augen besonders, wenn es sich bei den Partnern um Damen handelt.
Ihre Mails sind das eine, die Geschichten danach das andere. Welches Mail hat Ihnen am meisten Scherereien verursacht?
Den meisten Spass hatte ich an der Schererei mit dem Tamedia-Blech-Trommler Daniel Binswanger. Da schrieb ich drei Tage vor Weihnachten 2009 über Binswanger den Satz: "Was ist der Unterschied zwischen Roger Federer und Daniel Binswanger? Bei Federer freut man sich auf den zweiten Satz."
Sie verteilen hartes Brot.
Hart? Für wen? Brav schrieb ich am 2. Februar 2010 an den Beau Brummel unseres Gewerbes: "Die Rüge, die der Presserat "Blick am Abend" wegen meiner Kolumne über Ihre Kolumne im "Magazin" erteilt hat, nehme ich dankbar zur Kenntnis. Was soll's. Ich danke Ihnen jedenfalls, dass ihr Brotherr, der Zürcher "Tages-Anzeiger", meine Kurz-Kolumne auf sage und schreibe 47 Zeilen aufbläst. Was Unsinn, Wahrheit, Entstellung, Berichtigung angeht darüber können ja Meinungen auseinandergehen. Ist ja auch blöd, sich weit aus dem Fenster zu lehnen um dann weinerlich den Presserat anzuflehen. Nebenbei: Diffamiert habe ich Sie nicht, überspitzt dargestellt sicher was Sinn einer Kolumne ist. In diesem Sinne: Unser Streit ruhe in Frieden." Merke: Jede Art zu schreiben ist erlaubt nur die langweilige nicht. Und eine Rüge vom Presserat ist heute ja eine besondere Auszeichnung.

Welches Mail hat beim Adressaten die grösste Freude ausgelöst?
Sorry, das müssten Sie alle fragen, denen ich einen Teil meiner Lebenszeit schreiberisch zugetan war.
Bekommen Sie viele Leserreaktionen?
Ja. Sehr viele. Ich versuche, auch alle zu beantworten. Mit manchen LeserInnen sind so faszinierende Diskussionen entstanden. Die harmloseren Reaktionen gehören zum täglichen Alltag wie "Arsch", "Analpabet", "Ringier-Sau". Einige Reaktionen waren dagegen so übel , dass ich Polizei und Anwalt bemühen musste. Wenn die Drohungen massiv sind: "Wissen, wo Du wohnst! Schlagen Dich ab!" Oder: "Ich habe den Mitgliedern meiner Gruppe jetzt freie Hand gegeben, wie die Dich endgültig mundtot machen." Und dann gibt es die, die eh alles besser wissen, mich mal als rechtspopulistischen SVP-Blocherianer beflegeln, mal als linksradikale Ratte, der man das Handwerk schon noch legen werde. Und dann gibt es die besondere Spezies von Politikern, Managern und anderen Möchtegerns, die natürlich meinen Verleger Michael Ringier kennen und der werde dann schon dafür sorgen, dass dieser Glogger entsorgt werde.
Mit der täglichen Kolumne haben Sie sich selbst ein Terrorsystem aufgehalst, jetzt stehen Sie täglich unter Schreib- und Originalitätszwang.
Schreiben ist - neben Begabung - Handwerk. Und lesen, lesen, lesen. Um täglich eine Kolumne zu schreiben, braucht der Mann nicht wie früher Feuer, Pfeife, Stanwell, sondern diese drei Dinge: 1. Absolute Disziplin: Du musst bis zehn Uhr vormittags liefern. Wo immer du auch sitzt! Daher empfehle ich für Kolumnisten Ferien in Asien da bist Du der europäischen Zeit um sieben Stunden voraus! 2. Absolute Zeilen-Treue: Du musst fast auf den Buchstaben genau schreiben. Ein Kolumnist kürzt sich selbst! Er schreibt sich selbst um! Das gehört zum handwerklichen Ehrenkodex. 3. Aktualität: Du musst den Menschen hinter der Geschichte finden. Und über den schreiben. Genau das, was über die oder den sich sonst eben keiner traut. Dazu gehört: Statt zu googlen Menschen treffen, zuhören können, viel telefonieren.
Was machen Sie, wenn Sie kein inspirierendes Thema haben?
Das gibt es nicht. Nicht bei mir. Menschen sind immer spannend. Im Ernst: Ich könnte jeden Tag auch zwei, drei Kolumnen schreiben. Material oder gar Ideen sind mir noch nie ausgegangen.
Liest man Ihre Kolumne seit dem Anfang, entsteht nicht der Eindruck, dass sich bei Ihnen Altersmilde eingestellt hätte, im Gegenteil haben sich Ihre Mails radikalisiert. Wie erklären Sie diese Entwicklung?
Das Geheimnis jeder guten Kolumne, die auch gelesen wird, ist: Nimm keine Rücksicht! Woher willst und kannst und sollst du auch wissen, mit wem der Verlag, der CEO, der Chefredaktor bei welcher Party gerade Duzis gemacht hat. Die selbstgefällige Eitelkeit mit der manche Mächtigen sich heute inszenieren und uns schamlos ohne jedes Gewissen grinsend aus dem Fernseher her anlügen denen muss man doch mal zurufen können: Ganz so blöd, wie ihr uns verkauft, sind wir nicht!
Sie wissen, wo Sie den Hebel ansetzen müssen, um Leser und Adressaten zu ärgern. Mit welchen Personen oder Themen sind Sie stets auf der sicheren Seite?
Echo garantieren grundsätzlich beleidigte Deutsche, nervende Jungsozialisten, Hooligans plus deren Fan-Beauftragte, der Basler an sich, Fussball-Verhirnte und natürlich Kollegen. Die "den Glogger zwar nie lesen", komischerweise aber genau wissen: "Also das, was Sie über den Moritz Leuenberger geschrieben haben! Das mit dem Schlussatz 'Herr Leuenberger, Setzen Sie sich Ihr Implenia-Hütchen auf, ziehen Sie ihre engen Tom-Ford-Höschen an und halten Sie den Bauch flach', war widerlich." Sorry. Genau das habe ich so nicht geschrieben!
Sie sagen, eine Kolumne zu schreiben lohnt sich nur, wenn man freie Hand hat. Haben Sie die tatsächlich bei Ringier?
Eine Kolumne wie meine ist nur möglich, wenn einem der Verleger freie Hand lässt und der Chefredaktor den Mut hat, kontroverse Meinungen in seinem Blatt zu dulden. Mainstream wäre der Untergang. Mainstream-Gequacke überlasse ich anderen. Die bekommen dafür ja auch immer Journalisten-Preise.
Sie äussern sich in Ihren Kolumnen zu allen denkbaren Themen, von Celebritys, Royals bis zu Literatur, Politik, ja sogar zu Umweltthemen. Ist Ihre Kolumne mehr als ein unqualifizierter Stammtischkommentar?
Nichts gegen einen Stammtisch! Nur: Ich bin kein Stammtischbruder, eher das Gegenteil: Ich bin gerne nach einem Tag in einem Grossraumbüro wie dem Newsroom allein, lese, zappe, schreibe an meinem neuen Buch. Sorry, ich bin Journalist. Dazu ein sehr neugieriger Mensch plus ein ständig lesender Bücher-Narr. Ich versuche täglich hinter einer Sache den Menschen zu finden. Denn Sachen gibt es nicht es gibt nur Menschen, die Sachen machen, hintertreiben etc.
Worum geht es in Ihrem neuen Buch?
Man soll ja nie den Inhalt verraten, das scheint Unglück zu bringen. Na, ich hatte in meinem Leben schon mehr als ein Unglück. Bin also abgehärtet und verrate Ihnen als Autor der Bücher "Die Windsors" und "Diana": Es geht um einen englischen König, der als "Bordellkönig" in die Geschichte einging die allerdings nie geschrieben wurde. Und so sitze ich seit Jahren dran, musste bereits ein kleines Lager für Recherche-Bücher mieten. Um vielleicht zu beweisen, dass Englands Ex-Premier Sir Winston Churchill nicht der Sohn eines cholerisch-neurotischen Parlamentariers (und Syphilitikers) war sondern Sohn genau dieses royalen Weiberhelden. Der nur ordinären Tripper hatte.
Kritiker von Ihnen stören sich an der Tatsache, dass Sie Ihre Mails nicht abschicken, sondern nur in der Zeitung abdrucken lassen. Wieso eigentlich?
Das hat einen höchst trivialen Grund. Ich muss meine Kolumne täglich bis spätestens 10 Uhr liefern. Dann wird die erst von meinem Kollegen Frank Hubrath, dann von den Blattmachern Thomas Benkö oder Urs Helbling plus Chefredaktor Röthlisberger gegengelesen. Dann könnte die Kolumne ja de facto via Mail an den Adressaten geschickt werden. Nur: Der Adressat würde sich in manchen Fällen sofort seine Anwälte ins Gefecht schicken und könnte via Einstweiliger Verfügung alles, ja selbst die Auslieferung der Gesamtausgabe, blockieren. Wobei es auf den Wahrheitsgehalt der Adressaten überhaupt nicht ankommt.
Und so musste der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät eben über sich lesen: "Als Berner Stapi unterstützen Sie durstig die Aktion 'Abbau einheimisch vergorenen Beerensaftes'. Sozusagen als Ein-Mann-Konjunktur-Turbo. Nun haben Sie sich - leider - die sogenannte 'Endorphin-Falle' ertrunken. Und intonierten von einer Berner Beizenbühne den Refrain 'Christoph Blocher Motherfucker'. Natürlich! Sie haben sich nüchtern nicht wirklich entschuldigt: 'Falls sich jemand angegriffen fühlt, dann tut mir das leid.' Der jemand ist Christoph Blocher. Der das Gemeinste macht: Er nimmt Sie in Schutz, ja entschuldigt Sie mit den Worten: 'Wenn er in den Alkohol gerät, hat er sich nicht im Griff'. Wie sang schon Elton John: 'Sorry Seems To Be The Hardest Word'."
Wie hätte wohl vorsorglich Anwalt und Grünen-Politiker Daniel Vischer reagiert? Dem ich schrieb: "Sie sind Anwalt, grüner Nationalrat, Präsident VPOD Luftverkehr, also Dreifachverdiener - und haben eine städtische 4-Zimmer-Wohnung gemietet: für läppische 1500 Franken im Monat. Schlechtes Gewissen? Haben Sie deswegen keines. Im Gegenteil. Sie sagen: 'Es gibt keine gesellschaftliche Verpflichtung, in einer teuren Wohnung zu sitzen.' Und wenn Sie schon umziehen, dann sollte Ihnen die Stadt Zürich eine Alternative bieten! Wie bitte? Mehrköpfige Familien sollen zahlen, bis sie grün werden? Nur, weil eine Person wie Sie es sich erlauben kann, über ihre eigene Moral hinweg zu argumentieren? Bewahren Sie uns fortan vor Platitüden zu sozialer Gerechtigkeit." Genau dieser Zensur durch willfährige Juristen will ich keinen Vorschub bieten.
Sie sind auch als Ghostwriter tätig, verletzt diese Tätigkeit nicht Ihre Eitelkeit bis zum Wahnsinn? Sie sehen Bücher in den Auslagen, Bestseller vielleicht, aber nirgends ist Ihr Gesicht, nirgends steht Ihr Name.
Ich bin eben auch "ein Neger", wie in der Branche "Ghostwriter" genannt werden. Dass ich auch das Buch von Urs Althaus "Ich der Neger" schrieb ist reiner Zufall. Tja, ich habe Udo Jürgens, dem krebskranken Serienstar Michael Lesch, einer landesbekannten Prostituierten, Dirigenten-Witwe Eliette von Karajan und anderen die Sprache verliehen. Das ist ein Handwerk, das ist Knochenarbeit. Du darfst Dir dabei nicht das eigene Rückgrat brechen lassen. Und Du lernst hier eine in unseren Berufen nicht gerade ausgeprägte Bescheidenheit. Mein Name muss nun wirklich nicht auf irgendwelchen Buchcovern erscheinen. Das gehört sich nicht für einen ernsthaften Ghostwriter. Was anderes ist es, wenn du eine Biografie unter deinem Namen über jemanden schreibst.
Matthias Ackeret beschreibt in seinem Roman "Elvis" eine Figur, die stark an Sie mahnt. Marcel du Chèvre poliert die Wahrheit bis sie Wirklichkeit wird, Frauenheld, Einstellung: "Mir gehört die Welt". Wie viel Glogger erkennen Sie in dieser Figur?
Matthias Ackeret und ich sind seit Jahren Freunde. Ich kenne also nicht nur die letzte, sondern auch die vorangegangenen Versionen seines Schelmenromans "Elvis". Als Matthias das Manuskript löschen, ganz im Stile der ganz Grossen gar verbrennen wollte wusch ich ihm seinen, vom Schaffhauser Meister-Coiffeur Fischli getunten Kopf. Es gehört eben zur Freiheit eines Autors und eines Kolumnisten, die Personen, die man besonders schätzt, besonders zu beschreiben. In diesem Sinne ist selbst die Karikatur eines Boulevard-Journalisten eher Lob und Anerkennung. Sollen die Leute doch "Elvis" kaufen und lesen und selbst entscheiden.
Zum Schluss: 1'000 Mails wie weiter?
Mit Lust, Laune, Leiden, Leidenschaft. Die täglich neue Lese- und Schreib-Diät hält dich fit, um ja kein journalistisches Fett anzusetzen. Und sehe ich mir so manch müdes Haupt in unserem Beruf an, kann ich meines nur schütteln: Wir haben den schönsten Beruf der Welt. Wenn Mann/Frau uns unseren eigenen Kopf lässt.
Interview: Benedict Neff

