Herr Kreutter, die deutsche Moderatorin Katrin Wilde hatte in Zürich einen schweren Stand und kehrte schnell nach Deutschland zurück. Wie haben die Hörer in Berlin auf Sie als Schweizer reagiert?
Ich wurde von Anfang an sehr gut aufgenommen, es gab keinerlei negative Reaktionen. Das überraschte mich selbst. Ich rechnete damit, dass es nicht allen Berlinern gefällt, wenn sie am Morgen von einem Schweizer geweckt werden.
Was haben die Schweizer in Berlin für ein Image?
Hier versucht jeder schnell zu sein und hat wenig Zeit. Vielleicht kommt der Schweizer wegen seiner Gemütlichkeit so gut an, weil er einen Gegenpol zur stressigen Atmosphäre in der deutschen Hauptstadt darstellt. Allerdings könnte es auch nur am Schweizer Akzent liegen. Mir wurde oft gesagt, dass unsere Aussprache bei den Deutschen grosse Sympathien weckt.
Sollten also Schweizer Moderatoren in Deutschland gar nicht erst versuchen, akzentfrei zu sprechen?
Jörg Kachelmann versucht das ja seit langem und kriegt es nicht wirklich hin. Man sollte sich nicht deutscher machen, als man ist.
Sie treten am Radio als "Der Schweizer" auf. Spielen Sie eine Figur?
"Der Schweizer" ist keine Rolle, das bin ich selber. Anders würde es nicht gehen. Die Authentizität muss On Air rüberkommen Zu Beginn meiner Zeit bei Spreeradio habe ich auch unter meinem richtigen Namen -- Nicolas Kreutter -- moderiert. "Der Schweizer" war nur mein Spitzname. Dieser ist bei den Hörern aber hängengeblieben. Heute werde ich von allen nur noch als "Der Schweizer" angesprochen.
Welche Unterschiede zur Radiolandschaft in der Schweiz haben Sie in Berlin festgestellt?
Das sind zwei verschiedene Welten. In der Schweiz werden die Radiostationen aufgrund der fehlenden Konkurrenzsituation nicht gefordert. Ein Sender kann jahrelang ein langweiliges Programm ausstrahlen und trotzdem überleben, weil es keine Alternative gibt. In Berlin gibt es allein in der Stadt 30 verschiedene Radios. Das zwingt jeden Sender dazu, kreativ zu sein und die anderen mit einem noch besseren Programm zu überbieten. Zudem ist die Moderationsqualität in Deutschland wesentlich höher. Im Gegensatz zur Schweiz sorgt in Berlin der Wettbewerb dafür, dass sich die Sender stetig weiterentwickeln.
Nimmt das Radio in Deutschland einen höheren Stellenwert ein als in der Schweiz?
Nein, der bewegt sich in beiden Ländern auf gleichem Niveau. Allerdings wird Radio beim Publikum weiter an Stellenwert verlieren, wenn sich das Medium nicht bewegt. Wenn die Sender die Möglichkeiten des Internet und die digitale Entwicklung verschlafen, wird Radio in 20 Jahren am Boden sein. In Berlin richten sich die Stationen auf die Zukunft aus und überlegen sich, wie sie ihre Programme auf neuen Wegen verbreiten können.
Sie sind im Konzessionsgesuch von Roger Schawinski für Radio AG als Moderationsleiter vorgesehen. Ist der Kontakt in Berlin entstanden?
Ja, wir waren beide zu einem Essen mit dem Schweizer Botschafter eingeladen und haben uns bei diesem Anlass kennengelernt. Der Kontakt ist danach nie ganz abgebrochen und für das Konzessionsgesuch von Radio AG hat mich Roger Schawinski dann angefragt.
Brechen Sie ihre Zelte in Berlin ab, wenn Radio AG die Konzession bekommt?
Ich würde gerne das Monopol der AZ-Medien knacken und mit kreativen Ideen etwas Schwung in die Schweizer Radiolandschaft bringen.
Wären die Karrieremöglichkeiten in Deutschland nicht grösser?
Auch in Berlin ist nicht alles Gold was glänzt. Die Radioszene ist auch hier klein. Es gibt nur wenige Leute, die wirklich gut verdienen. Eine solche Position zu erreichen, ist sehr schwierig.
Und der Weg zum Fernsehen?
Der liegt in Berlin sicher nah, da man die wichtigen Protagonisten schnell kennenlernt. Aber beim Fernsehen kann man momentan eine Umbruchphase beobachten. Es werden eher Stellen abgebaut als neu geschaffen. Viele Leute versuchen sich mit Sendungen und verschwinden nach ein paar Ausgaben wieder sang und klanglos. Mir ist eine gefestigte Radiokarriere lieber als eine kurze Laufbahn beim Fernsehen.
(Interview: Stefan Wyss)

