18.09.2013

FAZ

Marcel Reich-Ranicki ist tot

Schrieb noch lange für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung".

Der berühmte deutsche Literaturkritiker starb im Alter von 93 Jahren in Frankfurt. Dies twitterte der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, am Mittwoch. "Wir trauern alle. Noch vor 2 Stunden habe ich ihn besucht", twitterte er.

An Krebs erkrankt
Reich-Ranicki, der aus einer deutsch-polnischen Familie stammte und als Jude in Berlin aufwuchs, hatte das Warschauer Ghetto überlebt. 1958 kehrte er nach Deutschland zurück. Im März 2013 hatte Reich-Ranicki, der in Frankfurt lebte, seine Krebserkrankung öffentlich gemacht.

Einem grossen Publikum wurde der Kritiker mit der ZDF-Sendung "Das Literarische Quartett" bekannt. Neben zahlreichen anderen Büchern veröffentlichte er 1999 seine Autobiografie "Mein Leben", die zum Bestseller wurde. Das Buch wurde nach Verlagsangaben mehr als 1,2 Millionen Mal verkauft.

Bis ins hohe Alter gab der scharfzüngige Kritiker in der Literaturszene die Richtung vor. Er schrieb noch regelmässig für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Bis August 2006 trat Reich-Ranicki auch noch in Sondersendungen des "Literarischen Quartetts" auf. Reich-Ranicki wurde für seine Arbeit mit zahlreichen Preisen und Ehrendoktorwürden geehrt. Seine Frau Teofila starb im April 2011 im Alter von 91 Jahren.

Im Oktober 2008 entfachte Reich-Ranicki eine Debatte über das Niveau im deutschen Fernsehen, als er im ZDF vor laufenden Kameras den Deutschen Fernsehpreis ablehnte und den "täglichen Blödsinn" am Fernsehen kritisierte.

Streit ohne Versöhnung
1995 liess der Literaturkritiker in einem Verriss im "Spiegel" und im Fernsehen kein gutes Haar an Grass' neuem Buch "Ein weites Feld". Damit trat er eine hoch emotionale Debatte über die Frage los, wie weit Literaturkritik gehen darf.

Er teilte jedoch als Kritiker nicht nur aus: Reich-Ranicki musste auch viel einstecken. Mitte der 1990er Jahre sah er gezwungen, seine Rolle im kommunistischen Polen nach dem Zweiten Weltkrieg und seine Tätigkeit für den Geheimdienst zu verteidigen.

Martin Walser, den mit Reich-Ranicki eine in der Öffentlichkeit heftig ausgelebte Abneigung verband, veröffentlichte 2002 einen Roman unter dem Titel "Tod eines Kritikers" (2002). FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher wertete das als Abrechnung mit dem Literaturbetrieb gedachte Buch als "Exekution" Reich-Ranickis.

Trotz der Vorwürfe, das Buch bediene antisemitische Klischees, veröffentlichte der Suhrkamp Verlag den Roman. Eine Aussöhnung mit Walser kam nie zustande. Reich-Ranicki hatte an seinem 90. Geburtstag nochmals auf eine Entschuldigung des Schriftstellers bestanden. (dpa/sda) 


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen
Neue Podcast-Folge: Jetzt reinhören