24.04.2013

Publisuisse

Mediavision thematisiert Wertewandel

Philosoph Precht meint: "Marktnormen kommen vor sozialen Normen."
Publisuisse: Mediavision thematisiert Wertewandel

Am Dienstag fand die Mediavision der Publisuisse statt. Zum Thema "Wertewandel in der Medien- und Marketingcommunity" referierte Richard David Precht und sagte:  "Massenmedien verbrauchen die Moral und das ist genuin unmoralisch." Eine Zusammenfassung der Ereignisse.

Martin Schneider, Direktor der Publisuisse, begrüsste die rund 400 Besucher und wurde von Urs Gredig, Tagesschau-Moderator des SRF gleich auf die Diskussion um die TV-Einschaltquoten angesprochen. Wie am gleichen Tag publik wurde, hat das Nidwaldner Obergericht die superprovisorische Verfügung von Privatsender 3+ gutgeheissen. Schneider bezeichnete diesen Entscheid und die Situation um die Veröffentlichung der Zahlen als "frustrierende Situation", meinte, dass man die Zahlen gerne liefern würde, aber nun mal nicht könne. "Ich bin genervt, aber kann es leider nicht ändern!"

Als weitere Einführung auf die anstehenden Referate und die anschliessende Podiumsdiskussion fragte Gredig ins Publikum, ob es Zeit sei, sich auf Werte wie Qualität zurück zu besinnen. Dies insbesondere in Hinblick auf die Schlagzeilen der vergangenen Wochen, in denen es um "leicht erhaltene Dissertationen" oder um den jüngst aufgedeckten Steuerskandal um Uli Hoeness ging.

Der deutsche Philosoph Richard David Precht begrüsste das Publikum zum Höhepunkt des Abends mit einer Warnung, dass es die nächsten 40 Minuten von einem philosophischen Vortrag berieselt werde. Gleich zu Beginn seiner Abhandlung meinte er: "Es gibt keinen Wertewandel in der Gesellschaft. Es gibt nur ein neues strukturelles Konstrukt, das wie ein Wertewandel aussieht."

In seinem Referat sprach Precht einerseits von der Funktion der Massenmedien in der Gesellschaft und andererseits von deren Lage heutzutage. "Die Massenmedien halten das für die Realität, was sie aus der Realität herausgepickt haben. Es handelt sich dabei um ein selbstreferentielles System. Diesem System kann man nicht trauen, aber das macht nichts, denn alle reden darüber."

 So entsteht gemäss dem Philosophen Öffentlichkeit. Die Massenmedien strukturieren das Bild der Welt vor, denn sie hätten das Ziel verschiedene Segmente mit vermeintlich relevantem und wichtigem zu füllen. Diesen Mechanismus bezeichnet Precht als Getriebe der Massenmedien. Der Unterschied zwischen der heutigen Lage der Massenmedien zu jener von früher sei ein gradueller und kein substanzieller, denn heute werden Marktnormen den sozialen Normen vorgezogen.  Die Causa Hoeness zeige: Freunde fallen ihm in den Rücken um Kasse zu machen. Personen spielen heute eine grössere Rolle – Marktnormen haben die sozialen kanibalisiert.

Genau dies sei der grosse Unterschied unserer Gesellschaft zu allen früheren Gesellschaften. Heute müsse alles berechenbar sein, alles werde nach dem Prinzip der Kosten-/Nutzenrechnung entschieden. Das öffentliche Fernsehen befinde sich denn auch in einem Dilemma, "in einer Situation zwischen Pest und Cholera": Sollen sie sich den Mechanismen des Marktes unterordnen, damit jedoch den Staatsauftrag nicht erfüllen, oder diesen erfüllen und damit Zuschauer verlieren? Dies zeige, dass sich die "rationale Kalkulation" durchgesetzt habe. Primär geht es darum, das Optimum abzuschöpfen, der Marktführer zu sein und überhaupt werde Qualität heute an Quantität gemessen.

Dann stellt er die Frage in den Raum: Könnte das öffentlich Fernsehen eigentlich nicht als Hort gesellschaftlicher Normen fungieren?

Auch zum Internet hat Precht eine Meinung. Es sei "unbestritten, dass eine neue Art von Bildung durch das Internet dazugekommen ist", gleichzeitig "ist eine andere Art weggefallen. Denn wenn man sich mit der einen Sache beschäftige, beschäftige man sich nicht mit der anderen."  Der Querdenker meinte des Weiteren, dass durch das Internet unsere Gegenwart die stärkste aller Zeiten sei: "Wir sind heute eine sehr empathische Gesellschaft, dafür ist alles sehr schnelllebig."

Zum Schluss kritisierte Precht das heutige Schaffen vieler Journalisten: "Journalismus folgt heute einem perversen Mechanismus. Journalisten fühlen sich moralisch legitimiert Gift und Galle über andere Leute (Anm. d. Red.: Hoeness, Wulff, Steinbrück, etc.) zu schütten. Es kann von einem regelrechten Gesinnungsterror gesprochen werden. Es kommt zu anonymen Treibjagden, sogenannten Shitstorms – die Guillotine des 21. Jahrhunderts. Massenmedien verbrauchen die Moral und das ist genuin unmoralisch."

Manfred Tautscher, Geschäftsleiter des Sinus-Instituts, erklärte im Anschluss die Hintergründe des gesellschaftlichen Wandels und die Entwicklung neuer Werte in der Schweiz. Dazu stellte er die zehn verschiedenen Sinus-Milieus vor, welche als nicht demografische Beschreibung von Zielgruppen zu verstehen sind. Der gesellschaftliche Wandel gründet gemäss Tautscher auf strukturellen Veränderungen, Wertekonvergenz und –divergenz sowie auf soziale und kulturelle Folgen.

Zum Abschluss der diesjährigen Mediavision stiessen Patrick Warnking, Geschäftsleiter Google Schweiz, sowie Thomas Truttmann, Direktor Marketing & Kommunikation und Head of Sports Europe bei Mc Donald’s Schweiz, dazu. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion, die ebenfalls von Urs Gredig geleitet wurde, sinnierten die fünf Medienexperten über Gesellschaftswerte, Swissness, den Umgang mit Social Media sowie die Herausforderungen in der Werbung. Hier betonte Precht abermals, dass nicht die Rede von einem Wertewandel sein könne, sondern heute schlicht mehr Transparenz bestehe und die Gesellschaft immer kritischer mit den Massenmedien umgehe. Er ist überzeugt, dass „höhere ethische Forderungen“ seitens der Konsumenten kommen werden.

Text: Lea Friberg


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