12.05.2013

Richard David Precht

"Medien betreiben moralische Skandalisierung"

An der 12. Goldbach Mediarena vom Mittwoch, 15. Mai werden namhafte internationale Referenten über "gesellschaftliche Megatrends" diskutieren. Darunter auch der deutsche Philosoph Richard David Precht. Bereits an der diesjährigen Mediavision der Publisuisse trat Precht auf und sinnierte über Wertewandel und Moral in Werbung und Medien. Im Anschluss daran hat sich persoenlich.com mit ihm über seinen persönlichen Umgang mit Werbung, Fernsehen und Medienbespitzelung unterhalten.
Richard David Precht: "Medien betreiben moralische Skandalisierung"

Herr Precht, in Ihrem Referat haben Sie gesagt, dass das öffentliche Fernsehen zum Hort gesellschaftlicher Normen werden könnte. Was würden Sie dem öffentlichen Fernsehen raten?
Ich würde spasseshalber mal zwei Jahre keine Quoten messen! Das wäre insofern interessant, als dass ich herausfinden würde, ob die Programmmacher noch wüssten, wonach sie zu entscheiden hätten, wenn sie die Bedeutung von Qualität automatisch höher schätzen MÜSSEN, weil sie ja dann gar keinen anderen Vergleichsmassstab haben. Ich glaube, das würde bewusstseinsmässig zu einer Gesundung führen.

Schauen Sie persönlich auch fern?
Ja, aber nicht sehr viel. Jedoch nicht aus Abneigung gegen das Fernsehen, sondern wegen meines Lebenswandels.

Das obwohl Sie mit "Precht" im ZDF eine eigene Fernsehsendung haben?
Ja, aber die schaue ich selber nicht, weil die zu spät ist.

Und was haben Sie in letzter Zeit im Fernsehen gesehen, was Sie beeindruckt hat?
Fussball! (lacht) Ich gucke mit meinem Sohn zusammen Champions-League-Spiele. Aber wie gesagt, schaue ich selten fern. Das war früher anders, als ich zehn Jahre in der Jury des Adolf-Grimme-Preises sass. In dieser Zeit habe ich natürlich deutlich mehr ferngesehen. Aber in den letzten zwei Jahren komme ich nicht mehr oft dazu.

Darf Ihr Sohn fernsehen?
Nein, der darf DVD’s gucken. Fernsehen guckt der nicht  - wegen der Werbung (lacht).

Lassen Sie sich persönlich von Werbung beeinflussen?
Nee. Dafür gibt es einen ganz simplen Grund und der ist sehr merkwürdig: Ich wüsste keine Werbung, die mich beeinflussen könnte. Für was? Für viele Dinge, die beworben werden, bin ich gar nicht empfänglich und im Alltag muss ich nicht aufs Geld schauen. Wenn ich mir ein Shampoo kaufe, dann kaufe ich mir jenes, das ich schon immer gekauft habe und gucke auf gar nix dabei. Ich wüsste jetzt keine Produkte, die mir durch die Werbung bekannt geworden sind, die ich deswegen gekauft hätte. Die Dinge, für die ich Geld ausgebe, werden nicht beworben. Das sind antiquarische Bücher und das sind präparierte Vögel, also ausgestopfte Greifvögel – für beides gibt es keine Werbung, aber dafür gebe ich unverhältnismässig viel Geld aus.

Sie haben in Ihrem Referat gesagt, dass die Massenmedien eine Realität darstellen, die sie quasi selber herauspicken. Ist das gut oder schlecht?
Das geht nicht anders. Wie wollen Sie Realität abbilden? Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beschreibung dessen, wie die Massenmedien funktionieren. Es ist ein grosses Problem, weil der Aktualitätsdruck so hoch geworden ist. Dann werden Dinge wichtig, weil sie neu sind, aber nicht, weil sie wichtig sind. Jetzt kann man sagen "das ist ja nicht schlimm, die Privaten machen das auch". Schade ist nur, dass sich die Yellow-Press-Berichterstattung mittlerweile auf die politische Berichterstattung ausgeweitet hat.



Was meinen Sie damit konkret?
Zum Beispiel die Geschichte um Horst Seehofer und sein uneheliches Kind, das Privatleben oder die Vorgeschichte von Bettina Wulff. Über solche Dinge hätten Medien früher nicht berichtet. Darin sehe ich ein sehr, sehr grosses Problem, weil die moralische Skandalisierung dadurch erleichtert wird. Man wusste früher zum Beispiel, dass Willy Brand eine grosse Schwäche für Frauen hatte und diese auch auslebte, aber die Medien haben darüber nicht berichtet – da wurde nichts skandalisiert und das halte ich für richtig, denn Politiker sind keine besseren Menschen. Es gibt im Leben jedes Menschen etwas, dass man skandalisieren könnte. Die Folge ist, dass wir für Politiker einen Massstab anwenden, den wir nicht mal für uns selber anwenden und das ist schlimm. Wer soll denn da noch Politiker werden?

Die Medien gehen also mehr als einen Schritt zu weit?
Ja, einige schon. "Bild" beschäftigt beispielsweise hunderte von Handyfotografen, die auf Events gehen, um da irgendwie zu gucken, ob ein Promi mit der Nase zu nahe an einer Frau ist. Das ging früher gar nicht. Da musste man Blitz und Apparat herausholen. Heute ist das möglich und keiner merkt was. Das ist Spitzelei. Damit übernehmen Boulevardmedien die Rolle der Stasi und ich finde, dass man sich viel mehr darüber aufregen sollte.

Ist das nicht ein etwas radikaler Vergleich?
Ich finde ihn völlig legitim. In der DDR wurde man tabuisiert, wenn man bekannt war und etwas nicht Systemkonformes machte. Hier ist es noch schlimmer: Hier werden sie moralisch so skandalisiert, dass sie kein Bein mehr auf die Erde kriegen. Ich finde den Vergleich mit der Stasi in Bezug auf Bespitzelung legitim.

Haben Sie damit auch bereits persönlich Erfahrungen gemacht?
Das weiss ich nicht, aber ich würde nie ausschliessen, dass jemand sowas macht. Und wenn es nicht gemacht worden ist, liegt es einzig und allein daran, dass ich nicht bekannt genug bin. (lf)

Interview: Lea Friberg, Bilder: Keystone


Richard David Precht promovierte 1994 an der Universität Köln und arbeitet seitdem für eine Vielzahl deutscher Zeitungen und Medienhäuser, schreibt Sachbücher und Romane und erhielt im Jahr 2000 den Publizistik-Preis für Biomedizin. Sein bekanntestes Werk trägt den Titel "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" und ist auf der Sachbuch-Bestsellerliste. Precht ist Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg sowie der Musikhochschule Hanns Eisler Berlin und moderiert seit September 2012 die ZDF-Philosophiesendung "Precht".



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