30.11.2009

Medienprofis über 20 Minuten

Am 13. Dezember 1999 lancierte das norwegische Verlagshaus Schibsted die Pendlerzeitung "20 Minuten" in Zürich. Zehn Jahre später ist klar: "20 Minuten" gehört heute zum erfolgreichsten Printprodukt der Schweiz. Im Leser- und Anzeigenmarkt führt heute kein Weg am Newsgiganten vorbei. Am Montag feierte die Zeitung ihr grosses Jubiläum. "persoenlich.com" nahm die Party zum Anlass, Schweizer Medienprofis zum Erfolgsrezept "20 Minuten" zu befragen. Lesen Sie, was Ueli Haldimann, Sacha Wigdorovits, Carolina Müller-Möhl, Andy Lehmann, Peter Wälty und viele andere über das erfolgreiche Pendlerblatt zu berichten wissen. Zur Umfrage:
Medienprofis über 20 Minuten

Ueli Haldimann

Herbst 99 – was, das ist schon 10 Jahre her? Ich bereitete damals für die schwedische Metro-Gruppe die Lancierung der ersten nicht-schwedischen Ausgabe von Metro vor (die wir dann aus rechtlichen Gründen auf Metropol umbenennen mussten). Wir glaubten, gut unterwegs zu sein – bis die Crew von 20 Minuten, von der wir nicht viel wussten, anfangs Dezember kurzfristig zu einer Pressekonferenz einlud. Zwei Tage später war "20 Minuten" auf dem Markt; Metropol konnte erst am 30. Januar 2000 starten. "20 Minuten" hatte die Chance, eine neue Art von Zeitung für ein urbanes, junges Publikum zu erfinden. Das haben die Kollegen gut und konsequent gemacht. Als Metropol endlich auch starten konnte, zeigte sich, dass "20 Minuten" das frischere Konzept, die freundlicheren Verträger, die bessere Druckqualität hatte. Bei Metropol passten Aufpasser aus Schweden auf, dass wir keinen Millimeter vom Vorbild aus Stockholm abwichen. Damals glaubten wenig Leute, dass Gratiszeitungen überhaupt eine Chance haben. Es freut mich, dass eine der beiden Zeitungen von damals es geschafft hat und heute die meistgelesene Zeitung der Schweiz ist.

Ueli Haldimann war von Januar bis Dezember 2000 Chefredaktor von Metropol, dem grossen Kontrahenten von "20 Minuten". Heute ist er Interimsdirektor des Schweizer Fernsehens.

Rolf Bollmann

"20 Minuten" hat alle überrascht - auch mich. Als ich vor zehn Jahren als Geschäftsführer das erste Büro von "20 Minuten" in Oerlikon bezog, war ich überzeugt, dass unsere Zeitung ein Erfolg werden würde. Am ersten Tag wurden die Zeitungen aber erst mal mit zwei Stunden Verspätung aus Österreich geliefert, zu spät für die meisten Pendler in Zürich. Wir glaubten an "20 Minuten" und kämpften weiter um jeden Leser und jeden Werbekunden. Mit Erfolg. Auch wenn ich mittlerweile innerhalb von Tamedia andere Aufgaben übernommen habe: "20 Minuten" ist und bleibt ein Phänomen und ich bin stolz, daran mitgearbeitet zu haben.

Rolf Bollmann war erster Geschäftsführer von "20 Minuten". Heute ist er Leiter Bereich Medien Zürich & Nordostschweiz von Tamedia.

Sacha Wigdorovits

"20 Minuten" hat die Schweizer Zeitungslandschaft nachhaltig verändert und wird sie auch weiterhin prägen. Nachdenklich muss stimmen, dass die grossen Schweizer Verleger wie Ringier, tamedia und NZZ damals die Chance von "20 Minuten" verkannten und sich beim Start nicht beteiligten, obschon sie dazu eingeladen worden waren. Dass "20 Minuten" existiert und sich zur grössten und erfolgreichsten Tageszeitung der Schweiz entwickeln konnte, ist einem Nicht-Medienmann zu verdanken: dem Unternehmer und Financier Ernst Müller-Möhl, der die Zeichen der Zeit („news for free“) erkannt hat und ohne dessen Mitwirkung das norwegische Verlagshaus Schibsted "20 Minuten" in der Schweiz nie lanciert hätte. Darin manifestiert sich ein Grundübel der Schweizer Medienszene: Es fehlt an Weitblick, Innovationsfreude und Mut.

Sacha Wigdorovits war Projektleiter und Mitbegründer von "20 Minuten". Später versuchte er als Verleger von ".ch" das Pendlerblatt von Tamedia zu konkurrenzieren. Ohne Erfolg. 2009 wurde ".ch" eingestellt.

Carolina Müller-Möhl

"20 Minuten" ist ein hervorragendes Beispiel, wie mit einem neuen redaktionellen Konzept und einer innovativen Distribution junge Zielgruppen als Leser gewonnen werden können. "20 Minuten" hat die Entwicklung der Schweizer Medienlandschaft in den letzten Jahren wesentlich mitgeprägt und hat auch mit der Website und der Friday-Ausgabe weitere Meilensteine gesetzt. Als Investorin der ersten Stunde freut mich der Erfolg ausserordentlich und ich bin auf weitere Überraschungen gespannt.

Carolina Müller-Möhl ist seit 2000 Verwaltungsratspräsidentin der Müller-Möhl-Group, die bis 2003 an "20 Minuten" beteiligt war. Dann verkaufte die Investorengruppe ihre Anteile an Tamedia.

Wolfram Meister

"20 Minuten" wurde lange diskreditiert. Von oberschlauen Besserwissern in den grossen Verlagen. Mit dummen, ausgedienten Sätzen wie: Was gratis ist, kann nichts wert sein. Die Macher von "20 Minuten" haben sich davon nicht beirren lassen. Sind ihren Weg gegangen, von der ersten Stunde bis heute. Haben für junge und junggebliebene Menschen eine moderne, interessante Zeitung gemacht, mit der ihr eigenen Qualität. Haben sich ihre Leser und Anzeigenkunden geholt, mit professioneller Arbeit und gehörig viel Fleiss. Dafür gebührt den Machern von "20 Minuten" – Redaktion wie Verlag – ein dickes Lob.

Wolfram Meister war zwischen 1997 und 2001 Chefredaktor des "Blicks". Er trat 2001 die Nachfolge von Ueli Haldimann an, der von "Metropol" zur "Rundschau" wechselte.

Peter Hartmeier

Gratulation mit Irrtum

Vor 10 Jahren - ich war damals Geschäftsführer des Verbandes Schweizer Presse - wurde ich immer wieder gebeten, mich über "20minuten" zu äussern: Aus jener Zeit gibt es deshalb Zeitungsartikel und Diskussionsbeiträge aus Radio- - und Fernsehdiskussionen von mir. Aus ihnen geht hervor, dass ich sowohl Zeitung wie ihr Distributionsmodell unterschätzte. Irgendwann lernten meine Kinder lesen, und sie beschafften sich auf dem Schulweg "20minuten". Natürlich befragte ich sie: "Warum lest ihr diese gratis verteilte Zeitung?" Meine damals vorpubertäre Tochter entwaffnete mich mit dem Argument, dass hier eine Zeitung verteilt würde, in der "die Journalisten nicht immer ihren Senf, sprich: ihre eigene Meinung, dazu geben." Gleichzeitig stellte ich als Pendler auf der Strecke Schaffhausen - Zürich fest, dass der Anteil der 20minuten-Leser wuchs. Ich begann zu ahnen, dass ich meine abgegeben Kommentare über die Zukunftsfähigkeit eines solchen publizistischen Business-Modells entweder zerstören oder verschweigen sollte. Irrtümer muss man aber eingestehen: So gratuliere ich den auf hohem professionellem Standard arbeitenden "20minuten"-Machern - auch wenn ich mich ärgere, dass ich mich geirrt habe. Selbstverständlich bin ich heute noch der Meinung, dass Journalismus nicht einfach grundsätzlich gratis sein kann: Es wird immer publizistische Formen geben, für die Leser und User bezahlen werden. Zudem freue ich mich an meinen mittlerweile erwachsenen Kindern, die begonnen haben NZZ und Tages-Anzeiger on line und auf Papier zu lesen - neben den Schaffhauser Nachrichten. Es besteht also kein Grund am 10. Geburtstag von "20minuten" in Panik zu verfallen - nicht zuletzt seit "20minuten" sogar über einen "Wissen"-Teil verfügt. Die Welt wird gescheiter - auch dank "20minuten"

Peter Hartmeier war bei der Lancierung von "20 Minuten" Geschäftsführer des Verbandes Schweizer Presse. Später Chefredaktor des "Tages-Anzeigers", der den Siegeszug des Pendlerblattes heute noch in den Leserzahlen zu spüren bekommt. Hartmeier ist seit 2009 Präsident des Verwaltungsrates Huber & Co. AG/Verleger der "Thurgauer Zeitung".

Peter Wälty

Eine Zeitung wie Rocky Balboa

Es war der 14. Februar 2002. Am Vortag war die Gratiszeitung Metropol zum letzten Mal erschienen. Für "20 Minuten" hätte es eigentlich ein Freudentag sein können, aber es kam anders. In der NZZ stand nämlich zu lesen:

"Wolfgang Mecklenburg von der M + M Media Agentur AG, die pro Jahr in der Schweiz Werbemillionen in dreistelliger Höhe placiert, begründet das Desinteresse der Werber an den Gratiszeitungen wie folgt: "In Produkten, für die sich kein Leser ernsthaft interessiert, will auch niemand werben." ... Mecklenburg glaubt darum auch nicht, dass Konkurrent "20 Minuten" vom Ende von "Metropol" profitieren kann. Er rechne vielmehr mit dem baldigen Ende auch von "20 Minuten"."

Wir wissen heute: Mecklenburg irrte sich gewaltig - und mit ihm die meisten Verleger, Planer, Agenturen und vor allem Journalisten. Die Pendlerzeitung hat sich trotz dutzenden von Unkenrufe wie demjenigen von Mecklenburg behauptet, durchgesetzt und zum Mega-Erfolg katapultiert - eine Story fast wie in "Rocky – die Chance seines Lebens". Das hat natürlich mit dem Konzept an sich zu tun, aber ohne die kreative Aufbruchstimmung, die ein Rolf Bollmann auf Redaktion und im Verlag verbreitete, hätte das alles nicht funktioniert. Nie zuvor habe ich eine derart vibrierende, heterogene Truppe erlebt, nie zuvor hat Arbeiten so viel Spass gemacht. Dies konnte weder die kalte, mit stümperhaften Graffitis verzierte Industriehalle in Zürich-Oerlikon verhindern, noch später der Glaspalast der Tamedia – ganz im Gegenteil. Und genau jener Spirit ist auch zehn Jahre nach der Lancierung noch präsent, davon könnten sich viele Redaktionen ein Stück abschneiden. "20 Minuten" – egal ob Print oder online – macht einen hervorragenden Job und hat mit Marcel Kohler wohl einen der besten Chefs der Medienbranche.

Peter Wälty war zwischen 2000 bis 2007 Leiter 20minuten.ch. Heute ist Wälty Chefredaktor des Newsnetz, eine gemeinsame Online-Newsplattform der Tageszeitungen "Basler Zeitung", "Berner Zeitung", "Bund", "Tages-Anzeiger" und "Thurgauer Zeitung".

Daniel Krieg

Herzliche Gratulation zum Jubiläum. "20 Minuten" hat in den letzten 10 Jahren viele Branchenkrusten aufgebrochen. Das würde anderen Schweizer Wirtschaftszweigen auch gut tun. Denn mittlerweile profitieren alle: Leser, Macher, Werbetreibende. Gerade auch, weil nicht die gesamte Konkurrenz die gesamte Entwicklung verschlafen hat, im Gegenteil. Und insgesamt ist man ganz einfach nur froh, dass es für Zeitungen und Portale keine Konzessionen braucht.

Daniel Krieg ist Geschäftsführer der Werbeagentur Krieg, Schlupp, Bürge / Springer & Jacoby.

Kurt W. Zimmermann

Ich habe mal geschrieben, die wichtigste Figur in der Schweizer Mediengeschichte der letzten 20 Jahre sei der Norweger Kjell Aamot, der langjährige Chef von Schibsted in Oslo. Das gilt immer noch. Als Schibsted Ende 1999 mit "20 Minuten" auf den Markt kam, wusste man noch nicht, dass Aamot ein Erdbeben auslösen würde. Zehn Jahre später weiss man es. Die Gratiswelle, die mit "20 Minuten" ihren Anfang nahm und die online weiterging, stürzte die Tageszeitungen in die grösste Krise ihrer Geschichte.

Die Gratulation an "20 Minuten" ist also süss-sauer. Das Blatt wurde nach der Übernahme durch Tamedia die erfolgreichste Gratiszeitung der Welt. Aber die Tageszeitungen, allen voran der Tages-Anzeiger, erlitten weit höhere Verluste als "20 Minuten" jemals Gewinn machen kann.

Kurt W. Zimmermann war 1999 VR-Präsident des Tagblatt der Stadt Zürich (Zürich Express). Heute ist Zimmermann Kolumnist bei der "Weltwoche", Inhaber der Unternehmensberatung Consist Consulting und Mitglied der Geschäftsleitung des deutschen Sparkassen-Verlags in Stuttgart. Seit 2007 ist er zudem Inhaber des "FF"-Zeitschriftenverlags in Bolzano, Italien.

Res Strehle

Ich gratuliere den Kollegen von "20 Minuten". Sie machen täglich einen sehr guten Job und haben sowohl im Print wie im Online frischen Wind in unser Haus gebracht. Ausserdem ermöglichen sie uns von der bezahlten Tageszeitung, etwas weniger Protokollführer der Zeitgeschichte sein zu müssen als früher. Und natürlich hoffen wir, dass die jungen Leserinnen und Leser, die mit "20 Minuten" in die Lektüre einer Tageszeitung einstiegen, ihre Lust am Lesen irgendwann auch noch vertiefter ausleben.

Res Strehle ist heute Chefredaktor des "Tages-Anzeigers".

Geri Aebi

"20 Minuten" hat keine 10 Jahre gebraucht, um den Schweizer Printmarkt mehr aufzumischen und durcheinander zu wirbeln als manchen lieb war und ist. Und dabei nicht nur vielen klassischen Tageszeitungen unliebsame Konkurrenz gemacht, sondern auch ganze neue und junge Lesergruppen erschlossen - ein Blick in eine morgendliche Strassenbahn oder S-Bahn genügt. Dazu kann man als Werber nur gratulieren!

Geri Aebi ist CEO der Wirz Gruppe.

Reini Weber

Gratis kriegt von mir niemand Glückwünsche. Ausser 20 Minuten natürlich.

Reini Weber ist der meist ausgezeichnete Werber der Schweiz. Für die Lancierung von Rivella Gelb färbte er "20 Minuten" im August 2007 gelb ein.

Andy Lehmann

Es ist einfach, sich in die Schlange der Gratulanten einzuordnen, mit dem Hinweis: "Ich war von Anfang an vom Erfolg von 20 Minuten überzeugt". Der Erfolg hat ja bekanntlich viele Väter. Ich weiss aber auch aus meiner CASH-Erfahrung, dass die Schulterklopfer erst dann auftauchen, wenn sich der Unsicherheits-Lancierungs-Nebel verzogen hat. Darum möchte ich allen gratulieren, die beim Start und in den ersten Jahren dabei waren und an "20 Minuten" geglaubt haben. Rolf Bollmann mit seinem unbändigen Durchhaltewillen gehört ein ganz besonderes Lob. Und natürlich auch an Hans-Heinrich Coninx, der den Kauf von "20 Minuten" in einem persönlich-Interview als "eines seiner beruflichen Highlights" bezeichnet hat und Tamedia damit die heute so erfolgreiche und aus meiner Sicht die nicht mehr wegdenkbare Plattform "20 Minuten" gesichert hat. Happy birthday!

Andy Lehmann ist CEO Aegis Media Group Switzerland.

Caroline Thoma

Ich gratuliere "20 Minuten" zum Erfolg und dazu wo sie heute stehen. Die Gratiszeitungen haben in der Schweizer Medienszene viel ausgelöst, bewegt und insbesondere eine neue Konkurrenz zu den Bezahltiteln geschaffen. Ich freue mich auf den weiteren herausfordernden Wettbewerb, von dem insbesondere die Leserinnen und Leser profitieren sollten.

Caroline Thoma war bis 2009 Geschäftsführerin von Konkurrent ".ch". Heute leitet sie die Blick-Gruppe.

(Umfrage: Christian Lüscher)



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