06.12.2011

"Mein Wissen dient am besten dem lokalen Markt"

Nachdem sie mitgeholfen hat den Schweizer Ableger der MTV-Senderfamilie zum erfolgreichsten Jahr seiner Geschichte zu führen, verlässt Jubaira Bachmann das Unternehmen auf Ende Dezember. In Zukunft will sich die 33-Jährige, die zuletzt als Senderchefin von MTV & Comedy Central Schweiz amtete, im Bereich Lifestyle Consulting selbstständig machen. Was das genau bedeutet und wieso sie eine internationale Karriere ausgeschlagen hat, erklärt sie im Gespräch mit persoenlich.com. Zum Interview:
"Mein Wissen dient am besten dem lokalen Markt"

Frau Bachmann, Sie beenden nach elf Jahren Ihre Karriere beim Musikfernsehen. Was hat Sie zu dem Schritt bewogen?

Jubaira Bachmann: Elf Jahre sind eine sehr lange Zeit, ich habe mit Anfang 20 bei dem Sender gestartet. Schon seit einer Weile spiele ich mit dem Gedanken mein Wissen und meine Erfahrungen für ein eigenes Unternehmen einzusetzen. Im Zuge einer Umstrukturierung bei MTV North war es demnach für mich ein naheliegender Schritt. Sozusagen, der Wink mit dem Zaunpfahl...

Haben Sie bei MTV das Fernsehen machen können, das Sie machen wollten?

Nun, auch ich gehöre zu der Generation, die mit MTV aufgewachsen ist. Der Sender hat sich über die Jahre natürlich verändert, so wie sich die Zuschauer, ihre Sehgewohnheiten, ihre Bedürfnisse verändert haben. Ich habe immer versucht eine gesunde Mischung auf Sendung zu bringen und glaube dieses erreicht zu haben. Rückblickend bin ich sehr zufrieden und überzeugt, dass diese Mischung den Puls der Zeit und das Interesse der Zuschauer getroffen hat.

Angeblich gab es lukrative Angebote von Seiten MTV zur Fortführung ihres Engagements. Ein toller Management-Job im Ausland - keine Option?

Während in der Schweiz die kommerziell orientierten Abteilungen verstärkt werden, werden die Bereiche, welche für den Inhalt verantwortlich sind, in die Hauptbüros der jeweiligen Marke verlegt. Comedy Central nach Amsterdam, Nickelodeon nach Berlin und MTV nach Stockholm. Es klingt verlockend, ins Ausland zu ziehen, aber mein Platz ist nun mal einfach in der Schweiz, in meiner Heimat. Mein Wissen und meine Erfahrungen dienen am besten dem lokalen Markt. Abgesehen davon, dass ich ein riesen "Gfröhrli" bin und es mich sicher nicht lange im hohen Norden gehalten hätte.

Werden Sie in Zukunft noch vor der Kamera zu sehen sein oder war’s das endgültig mit Fernsehen?

Mein Moderationsvertrag läuft sicher noch bis Sommer 2012 weiter.

Wenn Sie auf die elf Jahre zurückschauen: Was bleibt Ihnen in Erinnerung? Was werden Sie vermissen?

Die Abwechslung. Mein Job war so vielfältig wie kein anderer. Und sicherlich auf die Rock’n’Roll-Zeiten mit meinen geliebten Teams. Wir haben es immer geschafft, in kürzester Zeit mit wenig Mitteln viel und qualitativ Hochwertiges zu erreichen. Das hat stets "gfägt".

Was war Ihr verrücktester Moment vor laufender Kamera?

Während den Interviews mit 50 Cent und Jay-Z haben uns die Fans beinahe die Türen und Fenster eingerannt. Man konnte die Interviews kaum zu Ende führen, da das Pochen so laut war.

Wie zu hören war, werden Sie in Zukunft als selbstständige Beraterin tätig sein. Was bedeutet das konkret?

Ich finde "Lifestyle Consulting" die schönere Beschreibung. In den Bereichen Musik, Lifestyle und Entertainment konnte ich mir viel Wissen aneignen. Mein Network, welches ich in den letzten Jahren dank MTV aufbauen konnte, ist fantastisch. Auf eine zielgruppenaffine Marketing- und Kommunikationsstrategie kann heutzutage keine Marke verzichten. Ich denke, dass ich mit meinem Know-how Label, Personen oder Firmen dabei unterstützen kann, die relevante Zielgruppe (14-39 Jahre) anzusprechen und zu motivieren.

Wer braucht Ihre Hilfe?

Unternehmen, die sich ihrer Stärke bewusst sind, denen aber die nötigen Kontakte zu meinungsbildenden Personen oder die Nähe zu der jungen Zielgruppe fehlt. Aber auch junge Talente, die noch ganz am Anfang stehen. Musik-, Mode- und Lifestyle-Brands. Ausschliessen möchte ich von vornherein keine Branche. Vielleicht bieten sich ja ungeahnte Möglichkeiten in der Pharmaindustrie?!

Was können Schweizer Marken von Jubaira lernen?

Wie man mit viel Herz, Engagement und Fachkompetenz die richtigen Leute an einen Tisch setzt, um eine Marke oder ein Projekt auf den richtigen Weg zu bringen und dabei auch noch Spass hat! Denn genau die relevante Zielgruppe muss die Energie, die Lebensfreude, die Liebe und das Herzblut spüren.

Viele denken ja heutzutage: Mit einer fetzigen Social-Media-Kampagne ist es getan. Ist dem so?

Natürlich nicht – es geht mittlerweile nur nicht mehr ohne! Es ist quasi so, dass noch ein weiteres, virtuelles Spielfeld hinzugekommen ist, welches kalkuliert und kontrolliert werden muss. Ich glaube nach wie vor an eine echte Kommunikation von Mensch zu Mensch und nehme immer noch gerne das Telefon zum telefonieren in die Hand und nicht nur um "I like" zu klicken. Aber wir sind uns alle der Reichweite und des Einflusses von Facebook und Co. bewusst, deshalb muss Social Media eine Rolle in der Kommunikation spielen.

Kurz nachdem Ihr Weggang publik wurde, war in der Boulevardpresse von verbalen Entgleisungen Ihrerseits zu lesen. Hat Sie die ganze Sache so mitgenommen?

Das Eine hatte mit dem Anderen gar nichts zu tun. Da ich selber aus dem Journalismus komme, gibt es mir zu denken, dass keine richtige Recherche mehr betrieben wird, bevor eine Story gedruckt wird. Für eine dicke Schlagzeile wird Halbwissen niedergeschrieben. Dabei gäbe es ja weiss Gott Wichtigeres zu berichten aus unserer Welt! Sollte ich mich mal im Ton vergriffen haben, tut es mir leid. Aber auch bei mir gibt es gute und schlechte Zeiten; ich bin ja auch nur Mensch. Jeder in meinem Umfeld hat dafür Verständnis und die Boulevardpresse hatte immerhin für einen Tag eine weitere Schlagzeile.

Sie sind und bleiben ein Musikfan: Welchem Schweizer Act prophezeien Sie eine goldene Zukunft?

Meine Liebe zur Musik war schon vor MTV da. Und wurde damals nur noch verstärkt durch meine Arbeit als Chefredaktorin von diversen urbanen Zeitschriften. Musik wird immer ein grosser Teil meines Lebens bleiben, da habe ich sozusagen einen Vertrag auf Lebenszeit unterschrieben. Vor 15 Jahren habe ich Double Pact beziehungsweise Stress eine goldene Zukunft vorhergesagt. Seitdem ist mir noch kein weiterer Künstler über den Weg gelaufen, der dieselbe Kombination von Ehrgeiz, Talent, Willen und Durchhaltevermögen mitbringt. Eigentlich wäre es wieder an der Zeit für einen neuen Stern am Schweizer Musikhimmel.

Zu guter Letzt: Ein aktueller Musiktipp für die kalte Jahreszeit?

Da hab ich gleich mehrere: Teddy Pendergrass mit "Believe In Love", Stevie Wonder mit "All I Do", Notorious BIG mit "Miss U" und - nicht zu vergessen - Wham!

Interview: Adrian Schräder/Bilder: Tobias Bühler