11.02.2011

"Mich stört, wenn es nur noch Mainstream gibt."

Im September 2010 gründete Ex-Tagesschau-Chef Heiner Hug mit 80 Vollblut-Journalisten die Internetzeitung "Journal21". Er wollte ein Gegengewicht setzen zu den immer kürzer werdenden Artikeln der grossen Medienhäuser. Im Gespräch mit "persoenlich.com" zieht Heiner Hug eine positive erste Zwischenbilanz: Seine Zeitung komme gut an und sogar Bundesräte würden gerne Gastkommentare schreiben. Das Interview:
"Mich stört, wenn es nur noch Mainstream gibt."

Herr Hug, im letzten September haben Sie "Journal21" initiiert. Weshalb? War es Ihnen langweilig, nachdem Sie nach fast 38 Jahren das Schweizer Fernsehen verlassen hatten?

Langweilig war es mir nie im Leben. Wenn man neugierig ist, wenn man das journalistische Feuer in sich hat, erlischt das eben nicht, wenn man mit 60, 62 oder 64 in Pension geht. Man kann die Neugier nicht einfach an den Nagel hängen. Wir waren Chefredaktoren, Redaktionsleiter, Ressortleiter, Korrespondenten in Ost und West, langjährige, erfahrene Journalisten. Wir wissen so viel, wir haben grosse Erfahrung, ein grosses Beziehungsnetz. Da liegt ein riesiges Potential brach. Das wollen wir ausschöpfen und es einem wissensbegierigen, anspruchsvollen Publikum weitergeben.

Warum der Name "Journal21"?

Die "21" bezieht sich auf unser Jahrhundert. Bei uns publizieren auch Autoren auf Französisch. Der Ausdruck "Journal" wird in beiden Landesteilen verstanden.

Sie wollen nicht Konkurrenz sondern Ergänzung zu den übrigen Medien sein. Können Sie das erläutern.

Wir wollen und können die grossen Medien nicht konkurrenzieren, aber wir wollen als wichtige Stimme wahrgenommen werden. Die Berichte in den Zeitungen werden immer kürzer. Man traut den Lesern offenbar nicht mehr zu, einen ausführlichen Artikel bis zum Schluss zu lesen. Auch vertiefte Hintergrundberichte und Kommentare findet man immer seltener. Da wollen wir ein Gegengewicht schaffen. Bei uns finden Sie keine Top-News, aber ausführliche Analysen.

Sie wenden sich ausdrücklich gegen Mainstream. Was bedeutet für Sie genau Mainstream und was stört Sie daran?

Mich stört gar nichts am Mainstream. Mich stört nur, wenn es nur noch den Mainstream gibt.

Die Internetzeitung ist kostenlos. Andere Medienhäuser diskutieren derzeit intensiv darüber Inhalte kostenpflichtig zu machen oder sind es bereits. Damit werden Sie vielleicht doch zu einer grösseren Konkurrenz?

Wir wollen jenen, die sich dafür interessieren, einen journalistischen Mehrwert bieten. Aber wir sind ein Nischenprodukt, eine Ergänzung. Niemand wird wegen uns eine grosse Tageszeitung abbestellen.

Wie wird die Zeitung finanziert?

Ich habe am Anfang für das Portal Geld zur Verfügung gestellt. Jetzt sind wir dabei, Werbung zu akquirieren und uns weiter zu entwickeln. Wir sind jetzt seit erst fünf Monaten im Netz. Wir haben viele Pläne.

Wie kommt ihr Angebot an? Messen Sie eigentlich die Klickzahlen?

Das Echo war überraschend und erfreulich gross. Ich kriege fast tägliche positive Reaktionen. Wir werden zu Veranstaltungen eingeladen, um über das "Journal 21" zu referieren. Immer wieder geben wir Interviews. Die Klickzahlen messen wir erst rudimentär. Wir haben ja noch keine Eigenwerbung betrieben. Und zwar bewusst nicht. Jedes neue Produkt hat am Anfang Kinderkrankheiten. Jetzt, nach fünf Monaten, kann sich unser Produkt sehen lassen. Jetzt werden wir dann Eigenwerbung betreiben.

Wer sind die Leser von "Journal21"?

Es sind jene, die wir anpeilen: anspruchsvolle, wissensbegierige Leute, die sich nicht mit Kurzfutter zufrieden geben. Leute, die nicht die Illusion haben, informiert zu sein, wenn sie eine Gratiszeitung durchgeblättert haben. Wir werden vor allem in politischen Kreisen sehr gelesen. Viele Politiker, Nationalräte, sogar Bundesräte schreiben für uns Gastkommentare.

Insgesamt wirken 80 etablierte Journalisten beim "Journal21" mit. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Wir schliessen uns wöchentlich zu einer Telefonkonferenz zusammen. Da werden Themen besprochen, Vorschläge und Anregungen gemacht, die wir dann diskutieren. Wir haben auch ein eigenes Intranet aufgebaut; wir können also via Computer miteinander kommunizieren. Wir bewirtschaften eine Agenda-Liste mit den anstehenden wichtigen Themen, wir verfügen über ein Message-Board und über Adresslisten. Es hat sich innerhalb weniger Monate ein wunderbarer Corps-Geist entwickelt. Bei uns arbeiten Leute, die freiwillig aus Freude arbeiten.

Gibt es eine Art Koordinations- und Kontrollstelle? Werden die Inhalte vor der Publizierung jeweils noch von einer verantwortlichen Person überprüft?

Nichts geht aufs Netz, ohne geprüft zu werden. Wir haben eine Kerngruppe gebildet, der erfahrene Journalisten angehören. Jeden Tag ist einer oder eine der Kerngruppe tagesverantwortlicher Dienstredaktor.

Vorbild ist die "Huffington Post". Der Internet-Provider AOL will für die erfolgreiche Online-Zeitung nun 315 Mio. Dollar hinblättern. Damit ist einem online-basierten Medium ein lukratives Geschäft gelungen. "NZZ" befürchtet eine spekulative Aktion ("persoenlich.com" berichtete). Ihre Einschätzung?

Der Vergleich mit der "Huffpost" ehrt uns, ist aber natürlich überzogen. Doch die Grundidee von Arianne Huffington ist bestechend: ein Forum schaffen, auf dem wichtige Leute des öffentlichen Lebens ihre Meinung sagen. Ihr Slogan "Wenn sie etwas zu sagen haben, sagen sie es in der Huffington Post" funktioniert.

Ich kann mir vorstellen, dass sich die "Huffington Post" publizistisch in absehbarer Zeit wenig ändern wird - trotz der Übernahme durch AOL. Der 315 Millionen-Deal zeigt, wie wichtig der Internet-Journalismus heute genommen wird. Vielen Zeitungen geht es immer schlechter; die Leute fischen sich die Informationen immer mehr aus dem Netz.

Was würden Sie zu einem Kaufangebot sagen?

Wir sind ein junges Pflänzchen. Offen gesagt: Niemand von uns hat über dieses Thema nachgedacht.

Interview: Corinne Bauer.


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