06.11.2019

CH Media

«Mit dem Desk werden wir deutlich schneller»

Ein eigenes Nachrichtenteam wird ab 2020 alle CH-Media-Redaktionen mit News beliefern – auch die Radio- und TV-Sender. Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik, spricht im Interview über die Pläne. Und über «verschiedenen Szenarien» der Zusammenarbeit mit Keystone-SDA.
CH Media: «Mit dem Desk werden wir deutlich schneller»
«Denkbar ist, dass wir den Agendadienst weiterhin von Keystone-SDA beziehen» sagt Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik CH Media. (Bild: zVg.)
von Michèle Widmer

Herr Hollenstein, CH Media baut ein eigenes Nachrichtenteam auf. Was wird das Team konkret liefern?
Ein eigenes Nachrichtenteam wird News zu den Themen Inland, Wirtschaft und Kultur liefern. Es wird in enger Vernetzung mit den Lokalredaktionen, dem Bundeshausbüro und den Korrespondenten sicherstellen, dass die Zeitungen und Portale von CH Media über alle relevanten Nachrichten in der Schweiz jederzeit aktuell mit eigenen Quellen berichten können. Damit decken wir alle Geschwindigkeiten ab: Von der schnellen News-Meldung über den einordnenden Bericht bis zu Hintergrund und Kommentar.

Wie viele Mitarbeitende wird das Desk umfassen und wer wird es leiten?
Es handelt sich um fünf bis zehn Vollzeitstellen, die einen Dienst von frühmorgens bis spätabends während sieben Tagen die Woche sicherstellen. Die Nachrichtenkollegen ergänzen das Online-Desk sowie die 50-köpfige Zentralredaktion in Aarau und stellen die schnelle Berichterstattung schwergewichtig in den Ressorts Inland und Wirtschaft sicher. Die Leitung ist noch nicht definitiv bestimmt.

Wann wird das Team die Arbeit aufnehmen?
Per Anfang 2020.

Laut SRF spart CH Media durch die Einschränkung der SDA-Leistungen 1,5 Millionen Franken. Bei einem schlagkräftigen Newsteam dürften nur schon die Personalkosten rund eine Million im Jahr betragen. Wie gross ist das Sparpotenzial wirklich?
Wir sind derzeit im Gespräch mit Keystone-SDA über den künftigen Leistungsumfang, den wir von der Agentur beziehen werden. Es wäre deshalb nicht seriös, jetzt eine Zahl zu nennen. Wahr ist, dass wir uns auch einen gewissen Einspareffekt erhoffen. Wichtiger sind für uns aber strategische Überlegungen. Insbesondere unsere Bezahlmedien müssen sich am Markt differenzieren. Für Nachrichten, die man exakt so andernorts auch gratis lesen kann, will niemand bezahlen.

«Klar ist für uns derzeit, dass wir im Bild- und Sportbereich Kunde bleiben»

Auch das Inlandressort wird ohne SDA-Meldungen auskommen müssen. Werden Sie dort ausbauen oder wie wollen Sie den Mehraufwand personell auffangen?
Inlandressort und Newsteam werden Hand in Hand arbeiten, wobei das Desk im Wesentlichen die Funktion der Agentur übernehmen wird. Es sind deshalb wegen dieses Projekts derzeit keine Ausbauten im Inlandressort geplant.

Nebst den Texten verlassen sich die Redaktionen auch bezüglich der Terminplanung auf die SDA. Wie behält das Inlandressort von CH Media künftig den Überblick?
Das ist ein wichtiger Punkt, über den wir auch mit Keystone-SDA sprechen. Wir sind hier auf verschiedene Szenarien vorbereitet. 

Und welche sind das?
Denkbar ist, dass wir den Agendadienst weiterhin von Keystone-SDA beziehen und wir einen eigenen Dienst aufbauen.

Wenn CH Media den Inland-Basisdienst kündigt, welche Leistungen der SDA werden Sie weiterhin beziehen?
Wie erwähnt besprechen wir derzeit den Leistungsumfang mit Keystone-SDA. Klar ist für uns derzeit, dass wir im Bild- und Sportbereich Kunde bleibe werden.

Das Newsteam soll laut Stellenausschreibung «in allen Ressorts recherchieren». Gibt es Überlegungen, längerfristig auch die restlichen Leistungen der SDA aus eigener Kraft zu erbringen?
Wir haben derzeit keine fixfertigen Pläne für ein solches Szenario in der Schublade. Aber es gibt bei CH Media auch keine Denkverbote.

Wie sieht es eigentlich mit den TV- und Radiosendern aus? Werden auch diese künftig auf SDA-Meldungen verzichten müssen?
Im Umfang der Bezugsreduktionen von Keystone-SDA: Ja.

Woher beziehen beispielsweise die Redaktionen von Radio24 oder FM1 die Informationen?
Im Überregionalen vom Newsdesk CH Media. Was regionale Informationen betrifft, setzen wir bei Radio und TV stark auf die Leistungen unserer regionalen Newsredaktionen.

Wäre es denkbar, dass CH Media als Joint Venture von NZZ und AZ auch diese Verlage mit hauseigenen News beliefert – konkret also «Watson», die NZZ oder «NZZ am Sonntag»?
Denkbar ist vieles. Konkrete Pläne haben wir in dieser Hinsicht aber nicht.

Tamedia hat 2015 die eigenen Nachrichtenagentur Newsexpress eingeführt und später wieder eingestellt. Unter anderem deshalb, weil die Bedürfnisse der Redaktionen zu unterschiedlich waren. Wie beugen Sie diesbezüglich vor – gerade im Hinblick auf die verschiedenen Regionen?
Wir haben in unseren Tageszeitungen einen einheitlichen Mantel. Unterschiedliche Bedürfnisse kann es da im Überregionalen nicht geben. Was das Regionale betrifft: CH Media ist in der Ost-, Zentral- und Nordwestschweiz das regional bestverankerte Medienhaus mit der grössten redaktionellen Kraft. Im Lokal- und Regionaljournalismus dürfen wir nicht auf eine Agentur angewiesen sein, sonst machen wir etwas fundamental falsch.

Die SDA hat gerade im Newsjournalismus auch die Verifikationsaufgabe. Woher beziehen Ihre Newsjournalisten die Nachrichten?
Das ist nicht auf Keystone-SDA beschränkt: Faktentreue ist ein Gebot für alle Redaktionen. Wir halten uns hier schon heute an hohe Standards und werden davon nicht abweichen. Im Übrigen werden wir die gleichen Quellen nutzen, welche auch Keystone-SDA verwendet.

«Es gibt auch im Inlandbereich eine Reihe von SDA-Dienstleistungen, die für uns interessant sind»

Gerade im Newsjournalismus geht es auch ums Tempo. Müssen die Journalisten alles selbst recherchieren, dauert das doch länger. Nehmen Sie dies bewusst in Kauf?
Wir verzichten nicht vollständig auf Agenturen, sondern nur in den Bereichen Inland und Wirtschaft. Auch eine grosse Agentur bietet keine Gewähr, dass wirklich keine wichtige Nachricht verpasst wird. Vollständigkeit ist eine Illusion. Klar ist, dass wir die für unsere Leser relevanten Nachrichten rasch und vor allem zuverlässig verbreiten wollen und werden. Dass wir das können, beweisen wir online schon heute. Und mit dem Desk werden wir deutlich schneller werden.

CH Media will künftig flächendeckend auf Bezahlmedien setzen. Die Regionalmedien haben bereits eine Paywall eingeführt. Was für Änderungen gibt es diesbezüglich?
Eine Paywall gibt es derzeit erst in der Ost- und in der Zentralschweiz. Wir werden nicht nur unsere Portale grundlegend überarbeiten, sondern auch unsere redaktionellen Prozesse. Ein entsprechendes Projekt ist gestartet.

Der Start des neuen Newsteams ist fix, die Verträge mit Keystone-SDA laufen Ende Jahr aus. Was gibt es da überhaupt noch zu verhandeln mit der Nachrichtenagentur?
Wir bleiben ja Kunde der SDA. Und es gibt auch im Inlandbereich eine Reihe von Dienstleistungen, die für uns interessant sind und über die wir mit der Agentur sprechen. Wir sind uns bewusst, dass unser Projekt Keystone-SDA nicht erfreut. Umso mehr sind wir an für beide Seiten sinnvollen Lösungen interessiert und bieten dazu Hand.

Pascal Hollenstein hat die Fragen schriftlich beantwortet.



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Kommentare

  • Victor Brunner, 07.11.2019 08:17 Uhr
    CH Media ist weder pesrsonell, noch finanziell in der Lage ein kompetentes und flächendeckendes Newsnetz in hoher Qualität aufzubauen. Es wird News produzieren wie wie sie schon bei den Regionalsendern, zasammengefasst in Tele Mittelland, zu sehen und hören sind, Fastfood!

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