Im Hause Tamedia soll es Bestrebungen geben, mit 20 Minuten in die Romandie vorzustossen. Hat es in der Westschweiz Platz für 20 Minuten?
Alle Berechnungen, die ich kenne, kommen zum Schluss, dass der Pendlerstrom in der Romandie zu klein ist, um ein Abenteuer zu wagen. Hinzu kommt, dass es sehr kostspielig ist, eine französischsprachige Redaktion auf die Beine zu stellen. Die Deutschschweizer Texte zu übersetzen macht dabei kaum Sinn, weil dies zu teuer wäre. Vorstellbar ist allenfalls, dass es für Tamedia von Interesse ist, eine Schweizweite Abdeckung zu erreichen. Für diesen Fall jedoch haben wir vorgesorgt: Wenn ein Angreifer kommt, dann sind wir bereit. Wir sind fest entschlossen, den Markt niemandem zu überlassen.
Welche Abwehrstrategien haben Sie in der Schublade?
Wir haben uns gut vorbereitet. Eine Arbeitsgruppe hat während eines Jahres untersucht, wie wir auf solch einen Markteintritt reagieren müssten. Es wurden drei verschiedene Abwehrvarianten ausgearbeitet, die nun schubladenfertig sind. Wie diese aussehen, kann ich Ihnen natürlich nicht sagen.(lacht)
Stehen Sie in Kontakt mit Tamedia?
Wir pflegen sehr gute Beziehungen zu Tamedia und 20 Minuten. Wenn das Zürcher Verlagshaus in der Westschweiz vorstossen würde, dann aller Wahrscheinlichkeit nach in Kombination mit Le Matin.
Haben konkrete Gespräche mit Tamedia stattgefunden?
Nein. Wir haben aber schon kleinere Sachen gemeinsam gemacht, so etwa Geschenkratgeber auf Weihnachten akquiriert.
Weshalb sollte Tamedia gerade mit Ihrer Zeitung kooperieren?
20 Minuten und Le Matin visieren eine sehr ähnliche Zielgruppe an. Unsere Leser sind jünger als jene der Konkurrenz, zudem weisen beide Zeitungen nahezu eine vollständige Marktpenetration auf.
Ist man in der Romandie also auf 20 Minuten besser vorbereitet als in der Deutschschweiz?
Edipresse hat schon vor rund zwanzig Jahren gemerkt, dass Zeitungen kleinformatig und stark illustriert zu sein haben und sich an die junge Leserschaft wenden müssen. Le Matin produziert täglich mehrere Seiten für junge, und im speziellen für junge weibliche Leser. Die Zeit der Machoboulevard-Zeitungen wie der Blick ist vorbei. 20 Minuten dagegen gefällt den Menschen hierzulande nicht weil es gratis ist, sondern weil es die Jungen von heute versteht, ganzheitlich informiert und sich um die Ausgehprobleme der Jungen kümmert.
Ist es wahrscheinlich, dass kostenpflichtige Tageszeitungen gratis erscheinen würden, wenn 20 Minuten in die Westschweiz vorstösst.
Nein, das ist ausgeschlossen. Wenn Leute bereit sind, für ein Produkt zu bezahlen, bedeutet dies zugleich, dass es ein Marktenartikel ist. Im Ausland gibt es zwar Zeitungen, die abgespeckte Gratisvarianten vertreiben, aber solche Pläne verfolgen wir nicht. Zumal mit den Westschweizer Pendlern eben kein Geschäft zu machen ist.
Peter Uebersax hat kürzlich in einem Interview mit persönlich rot propagiert, der Blick solle künftig gratis, oder zu einem stark reduzierten Preis verteilt werden.
Ich habe Uebersax gleich angerufen, nachdem ich seine Aussage gelesen hatte. So intelligent ich seine anderen Antworten im Interview finde diese war dumm und hatte vor allem die Absicht, zu provozieren. Der Blick ist sein Geld nicht mehr Wert, dies sollte die böswillige Kernaussage von Uebersax sein. Doch Uebersax ist auch kein Verlagsstratege. Viel interessanter für Ringier wäre es meines Erachtens, eine Gratiszeitung zu lancieren, die sich unterhalb des Blicks positioniert. Aus dem Blick ist ja inzwischen eine Politzeitung für den linken Mittelstand geworden, die sich kaum noch um die junge Leserschaft kümmert. Mit einer neuen, jungen und populären Gratiszeitung könnte Ringier insofern ein grosses Potential ausnützen. Man hört auch, dass in diese Richtung schon geheime Projekte lanciert wurden.
Zum Schluss bitten wir Sie um einen Tipp für die Konkurrenz: Wie müsste 20 Minuten vorgehen, damit es in der Westschweiz eine Chance hat?
Es müsste besser sein als Le Matin. Dies allerdings ist eine schwierige Aufgabe, wenn man nicht 120 Personen beschäftigen will. Wir stehen Gewehr bei Fuss. Dem Angreifer würden wir mit der sofortigen Lancierung einer neue Gratiszeitung antworten, für welche das gesamte Verteilernetz schon steht. Doch Martin Kall kennt unsere Spoiler-Strategie. Ich glaube deshalb nicht, dass 20 Minuten kommen wird. Es gibt bessere Arten für Tamedia, ihr Geld zu investieren.

