Fabian Sangines, Sie verlassen die Tamedia-Redaktion, werden Profi-Fussballtrainer auf den Cayman Islands und übernehmen dort das Frauenteam des Academy Sports Club. Wird für Sie ein Traum wahr?
Dass ich vom Fussball leben kann und dann noch in der Karibik, kann man schon als Traum oder als Märchen bezeichnen. Es ist irgendwie auch surreal. Gestern habe ich endlich den Flug gebucht. Erst in Gesprächen mit Kollegen und Fussballspielerinnen wurde mir langsam bewusst, was da auf mich zukommt.
Sie arbeiten dort, wo andere Ferien machen. Was wissen Sie schon von Ihrer künftigen Tätigkeit auf den Cayman Islands?
Ich werde das Frauenteam des Academy Sports Club trainieren, das in der höchsten Liga des Landes spielt. Mit ihnen werde ich dreimal pro Woche trainieren. Dann betreue ich noch zwei Nachwuchsteams. Mein Trainingstag beginnt jeweils um 15 Uhr, danach folgen zwei oder drei Trainings bis spätestens halb neun. Vorher mache ich jeweils die Planung. Einen Teil davon werde ich von zu Hause aus erledigen und den Rest im Büro des Vereins.
«Ich habe einen Superjob beim Tages-Anzeiger»
Wie kamen Sie zu dieser ungewöhnlichen Stelle?
Im vergangenen März war ich bei der Akademie von PSV Eindhoven in den Niederlanden zu Besuch. Einer der Trainer erzählte mir dort, dass er in der Karibik gearbeitet habe. Er fragte mich, ob ich Interesse hätte, weil ich ja schon im Frauenfussball tätig bin und sie jemanden brauchen, der Erfahrung hat. Mitte Dezember haben sich die Verantwortlichen des Vereins von den Cayman Islands bei mir gemeldet. Am Anfang nahm ich das nicht allzu ernst. Ich dachte zuerst, ich kann doch nicht alles kündigen hier in der Schweiz. Ich habe einen Superjob beim Tages-Anzeiger. Bei den Berner Young Boys habe ich erst im letzten Sommer als Assistenztrainer des Frauenteams und der U-19 angefangen. Dort hat es mir auch sehr gut gefallen.
Was gab dann den Ausschlag, dass Sie zusagten?
Nachdem es konkreter wurde, habe ich begonnen, mir Gedanken zu machen. Dann fand ich: Warum eigentlich nicht? Man erhält nicht jeden Tag einen Job angeboten in der Karibik und die Möglichkeit, vom Fussball zu leben. Meine Vorgänger dort sind alle mindestens zwei Jahre geblieben. So gesehen können die Bedingungen nicht allzu schlecht sein. Darum fand ich, es wäre dumm, diesen Schritt nicht zu wagen.
Fällt es Ihnen leicht, nach zehn Jahren den Journalismus zu verlassen?
Nein, gar nicht. Ich habe den Job megagerne gemacht. Als es nun darum ging, ob ich den Trainerjob annehmen soll, merkte ich nochmals, wie gerne ich Sportjournalist bin.
«Irgendwann habe ich fast täglich trainiert am Abend. Das waren schon lange Tage»
Während Ihrer Zeit als Sportjournalist, zuerst bei der Aargauer Zeitung, danach bei Tamedia, waren Sie schon immer aktiv im Sport, zuerst als Futsal-Spieler, unter anderem als Torhüter und Captain der Schweizer Nati, dann als Trainer von Frauenfussball-Teams. Wie haben Sie das alles unter einen Hut gebracht?
Das war nicht ganz einfach. Was ich schon sagen muss: Ueli Kägi, der Ressortleiter beim Tagi, zeigte immer grosses Verständnis für meine Situation. Das hat mir sehr viel ermöglicht. Es war aber immer ein Jonglieren zwischen Journalismus und Sport. Irgendwann habe ich fast täglich trainiert am Abend. Das waren schon lange Tage. Meine Freunde haben mich jeweils damit aufgezogen, dass ich jener sei, der am wenigsten Zeit hat.
Wie sorgten Sie dafür, die unterschiedlichen Rollen auseinanderzuhalten?
Als Futsal-Spieler war das noch einfacher. Darüber wird generell wenig berichtet und ich selbst habe mit ein paar Ausnahmen auch nicht darüber geschrieben. Als ich dann Trainer bei den Frauen des FC St. Gallen wurde, war klar, dass ich nicht über das Team berichte und auch nicht über die Herrenmannschaft. Der Wechsel zum FC Zürich war unproblematisch, weil ich damals im Sportressort für die Berner Young Boys zuständig war. Das wurde dann aber zu einem Problem, als ich selbst nach Bern wechselte als Trainer der YB-Frauen. Genau die zwei Dossiers, die ich damals betreute, YB und das Frauen-Nationalteam, kamen für mich nicht mehr in Frage wegen möglicher Interessenkonflikte.
Wie habt ihr das dann gelöst?
Es war das erste Mal, dass ich mich damit auseinandersetzen musste, vielleicht nicht mehr bei Tamedia arbeiten zu können, weil sie eigentlich einen Ersatz suchen mussten für die beiden Dossiers, die ich nicht mehr betreuen konnte. Da konnte ich mir keine Illusionen machen. Ueli Kägi fand dann eine interne Lösung, sodass er mich behalten und ich über andere Themen schreiben konnte.
Sie schrieben regelmässig über Frauenfussball. Mussten Sie da auch gegen interne Widerstände kämpfen?
Da hat sich schon etwas getan. Heute ist Frauenfussball viel präsenter. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass ich für ein wichtiges Qualifikationsspiel der Frauen-Nati nach Italien fahren konnte, um darüber zu berichten. Zwar musste ich das selbst vorschlagen, aber dann war klar, dass ich das machen kann.
«Der Journalismus hat dazu beigetragen, das Bewusstsein zu stärken für mehr Chancengleichheit im Sport»
Welche Veränderungen in Medien und Sportjournalismus haben Sie wahrgenommen oder selbst erlebt?
Positiv ist sicher, dass der Journalismus dazu beigetragen hat, das Bewusstsein zu stärken für mehr Chancengleichheit im Sport. Auch deshalb hat der Frauenfussball in den letzten Jahren eine grössere Sichtbarkeit erhalten. Wenn nun gewisse Kreise der Leserschaft kritisieren, dass einem da etwas aufgezwungen werde, sehe ich das ganz anders. Es musste ja niemand meine Artikel lesen oder den Fernseher einschalten, wenn Frauenfussball läuft. Aber es sollte die Möglichkeit dazu geboten werden.
Was sind die negativen Veränderungen im Journalismus?
Da ist sicher der Spardruck, wie er in vielen Verlagen besteht. Das war schon ein Thema, als ich angefangen habe. Was sich auch verändert hat, ist das Ansehen der Journalisten. Es ist ähnlich wie bei den Bankern. Früher waren sie hoch angesehen und jetzt gelten sie als Gauner. Darum ist es schon wichtig, die Leute darauf zu sensibilisieren, wie wichtig der Job weiterhin ist.
Haben Sie nun definitiv die Weichen gestellt für eine Karriere als Fussballtrainer oder können Sie sich eine Rückkehr in den Journalismus vorstellen?
Man soll niemals nie sagen. Als ich vor zehn Jahren im Journalismus angefangen hatte, dachte ich, das ist jetzt mein Job bis zur Pensionierung. Nun ist es Fussballtrainer. Mit dem Job auf den Cayman Islands ist das Tor zur Welt aufgestossen. Ich habe zwar vor, dort längerfristig zu arbeiten, aber sollte das nicht klappen, habe ich eine Basis gelegt, damit ich irgendwo auf der Welt als Trainer arbeiten kann.

