Warum sind 30 Jahre ein Grund zum Feiern (persoenlich.com berichtete)?
30 Jahre "Woz" sind ein guter Grund zum Feiern. Auch Menschen feiern, wenn sie dreissig werden.
25 oder 50 Jahre feiert man doch eher.
Das 25-Jahre-Jubiläum haben wir ebenfalls gefeiert, sogar richtig gross mit einer dicken Sondernummer, Veranstaltungen und Ausstellungen. 30 ist eine runde Zahl, daher feiern wir. Bei 40 und 50 Jahren werden wir dann ebenfalls wieder ein Fest machen.
Niklaus Meienberg, Res Strehle, Constantin Seibt: Bekannte Journalisten waren am Anfang ihrer Karriere bei der "Woz". Wer sonst noch?
Daniel Ryser wäre noch zu nennen. Zwar ist er noch jung und vielleicht erst am Anfang einer grossen Karriere. Ryser war ein paar Jahre bei der "Woz", schreibt jetzt beim "Magazin" und hat auch schon zwei Bücher herausgegeben (persoenlich.com berichtete). Dann gibt es etwa noch Urs Bruderer, den DRS-Brüssel-Korrespondeten, Judith Huber Produzentin beim "Echo der Zeit", Marc Badertscher bei der "Handelzeitung"
Ist die "Woz" eine Talentschmiede?
Das ist ein ambivalentes Verhältnis: Denn uns freut auf der einen Seite, dass unsere Leute gesucht sind auf dem Markt. Dies beweist, dass wir gute Arbeit leisten. Doch auf der anderen Seite hätten wir gerne - wie beim Fussball - eine Art Ausbildungsentschädigung. Denn die Journalisten können bei uns auf einem hohen Niveau die Sporen abverdienen. Dann, wenn Sie bewiesen haben, was sie können, gehen sie zu einem anderen Titel.
Wohl auch, weil man von einem "Woz"-Lohn nicht leben kann.
Die meisten, die hier arbeiten, können von diesem Lohn leben. Das hängt von der Einstellung ab.
Wie viel verdient ein Journalist pro Monat?
4600 Franken brutto. Aufgrund der stetig steigenden Abozahlen konnten wir in den letzten Jahren viermal Lohnerhöhungen machen. Der jetzige Lohn ist also schon etwas besser als früher. Man kann von diesem Lohn leben, auch wenn man in Zürich wohnt.
Auch wenn man eine Familie hat?
Mit einem "Woz"-Lohn eine Familie zu ernähren, wäre wohl schwierig. Und fast alle auf der "Woz" arbeiten Teilzeit.
Wie wirken Sie dem Know-How-Abfluss durch die vielen Wechsel entgegen?
Ich glabue nicht, dass die Fluktuation grösser ist als anderswo - und wie überall kann sie zu Problemen führen. Es ist ja nicht so, dass alle nach drei oder fünf Jahren wieder gehen. Daneben ist es auch gut, dass immer wieder neue Stimmen dazukommen, welche die Schweiz und die Welt anders sehen. Somit haben diese Wechsel auch einen positiven Aspekt. Doch eben; es kann schon schwierig werden, wenn mehrere Wechsel kurz aufeinanderfolgen.
Sind Ihre Redaktoren Journalisten oder vielmehr Ideologen?
Ganz klar: Unsere Leute sind Journalisten. Natürlich sind wir eine linke Zeitung. Doch unser primärer Anspruch ist es, eine handwerklich gute Zeitung zu machen, die sich journalistisch auf hohem Niveau bewegt. Wir haben z.B. auch immer noch ein Korrektorat, das alle Texte zweimal genau liest, nicht wie andere Zeitungen, die dieses im Zuge der Sparmassnahmen redimensioniert haben.
Sie bilden demnach ideologisch motivierte Schreibtalente zu Journalisten aus. Ist diese Ausbildung institutionalisiert?
Nein, eine institutionalisierte Ausbildung haben wir nicht. Denn mit unseren finanziellen Möglichkeiten können wir keine Journalisten von Grund auf ausbilden, sie müssen bereits Erfahrung haben, wenn sie zu uns kommen.
Sie klagen an, dass das Fög die "Woz" in ihrer Analyse nicht berücksichtigte. Was genau werfen Sie Kurt Imhof vor?
Imhof findet die "Woz" gut, das will ich vorausschicken. Doch für seine Untersuchung musste er die Auflage als Vergleichsgrösse nehmen, um sein Sample für die Untersuchung zusammenzustellen. Weil unsere Auflage nur rund 15'700 beträgt, konnte er uns nicht aufnehmen. Imhof ist nicht glücklich darüber.
Warum sollte er die "Woz" analysieren?
Unsere Auflage ist vielleicht nicht so hoch, doch die Reichweite liegt bei 114000. Das ist eine beträchtliche Zahl. Aussergewöhnlich ist auch, dass wir noch immer unabhängig sind, gerade wenn man die aktuelle Entwicklung der Zeitungsbranche betrachtet. Wir bieten schweizweite und internationale Hintergrundberichterstattung, Reportagen und Kommentare auf hohem Niveau. Da wäre es interessant zu analysieren, welche Bedeutung unsere Berichterstattung innerhalb der Schweizer Medienbranche hat.
Welche strategischen Schritte planen Sie in Zukunft?
Wir sind daran, unseren Internetauftritt aufzufrischen. Dieses Redesign ist nichts Gigantisches, eher eine Anpassung an heutige Standards. Und auch die Option, dass wir alle Texte gratis ins Internet stellen, wird diskutiert. Klar, wir wollen unsere Texte nicht im Internet verschenken. Aber wir werden vielleicht die Texte rund einen Monat nach der Printpublikation auch online zur Verfügung stellen und somit quasi ein kostenfreies Online-Archiv anbieten.
Auf www.woz.ch lesen Sie die Hauptgeschichte der aktuellen Jubliäumsausgabe über Geschichte und Gegenwart der "Woz".
Interview: Edith Hollenstein

