Herr Walder, Gratulation zum guten Ergebnis. Ringier Schweiz glänzt mit einem Gewinn von CHF 61.8 Mio ("persoenlich.com" berichtete). Sprechen wir zuerst aber über Ihre journalistischen Produkte. Welche entwickelten sich besonders gut?
Ich möchte vier Bereiche nennen: Erstens die gesamte Blick-Gruppe. Sie entwickelte sich sehr gut. Alle vier Publikationen Blick, SonntagsBlick, Blick am Abend und Blick.ch - sind sehr gut positioniert. Mit den vier Titeln sind wir heute 24 Stunden auf verschiedenen Kanälen präsent. Der Blick am Abend konnte seine Leserschaft um 22 Prozent erhöhen und der "Blick" hat den Turnaround auf eindrückliche Art und Weise geschafft. Zweitens: die Glückspost. Sie feiert sozusagen ein Comeback, hat 2010 30 Prozent mehr Leser gewonnen. Die alt-ehrwürdige "Dame" hat bewiesen, dass man mit einem guten Print-Magazin die Auflage nicht nur halten, sondern massiv steigern kann. Drittens entwickelte sich "SI-Style" sehr gut. Das Lifestyle- und Mode-Magazin ist die erfolgreichste Neulancierung der Schweiz seit der "NZZ am Sonntag" und ist heute die grösste Schweizer Frauenzeitschrift. Und schliesslich freut mich auch die sehr gute Entwicklung von Ringier Romandie.
Strikte Kostendisziplin hat einen wichtigen Teil zum positiven Ergebnis beigetragen. Welche Sparmassnahmen haben sich überdurchschnittlich bewährt?
Wir haben keinen einzigen Bereich vor dem Thema Kosteneffizienz bewahrt. Alle Bereiche von Ringier Schweiz waren von Sparmassnahmen betroffen. Mit "Cash" und "Gesundheit-Sprechstunde" haben wir zwei Titel gar eingestellt. Die Ausgaben, welche wir vor allem 2009 reduzierten, konnten 2010 weiterhin tief gehalten werden. Das war sehr wichtig.
Ringier will sich zunehmend von der Anzeigenkonjunktur unabhängig machen.
Ja. Dabei muss man sagen: Ringier will neben den Verkaufseinnahmen und den Anzeigenerlösen zusätzliche Einnahmequellen in der Wertschöpfungskette erschliessen. Deshalb engagieren wir uns im Eventbereich zum Beispiel mit Good News und Ticketcorner. Wir sind im Radio- und Fernsehbereich tätig und immer mehr auch im E-Commerce. 2010 neu dazu gekommen ist der Sportvermarktungs-Bereich: Mit Infront haben wir ein Joint Venture gegründet, InfrontRingier. Wir haben so also nochmals einen neuen Erlösstrom erschlossen. Durch diese Strategie ist Ringier zu einem der diversifiziertesten Verlagshäuser in Europa geworden. Die Tatsache, dass wir diese verschiedenen Erlösströme haben, lässt mich ruhiger schlafen. Wären wir nur auf zwei Einnahmequellen angewiesen, wie dies bei den klassischen Medienhäusern der Fall ist, müsste ich mich dauernd fragen: Und was ist in 10 oder 15 Jahren?
Sie haben TV angesprochen. Was plant Ringier?
Fernsehen würde sehr gut in unser Konzept passen. Denn alle unsere Publikationen etwa "Blick", "Sonntagsblick", "Illustrée", usw. - berichten regelmässig über das Fernsehen und über Fernsehformate. In der Künstler Management-Agentur Pool Position Switzerland haben wir neu immer mehr Stars unter Vertrag, wir organisieren Events und Shows. Deshalb macht es für uns Sinn, uns grundsätzlich Gedanken über einen eigenen Fernsehsender zu machen.
Inwiefern prüfen Sie eine Übernahme von 3+?
Es ist kein Geheimnis, dass wir uns mit 3+ beschäftigen. Das heisst aber nicht, dass wir den Sender kaufen.
Und Tele Züri?
Das ist momentan ein Regionalsender, darum war Tele Züri bis anhin nicht zuoberst auf unserer Liste.
Wann können wir in dieser Hinsicht konkrete Informationen erwarten? Allenfalls schon bei der Bilanz-Medienkonferenz der Tamedia nächste Woche?
Ein solcher Schritt muss genau überlegt sein, denn mit Fernsehen kann man zwar Geld verdienen, man kann aber auch sehr viel Geld verlieren. Ich kann Ihnen momentan nicht mehr dazu sagen.
Zu einem anderen Thema: Was haben Sie vor mit cash.ch?
Cash ist nach wie vor eine sehr starke Marke. Wir haben aber das Problem, dass cash.ch heute eine rein journalistisch betriebene Internetseite ist. Wir alle wissen, dass solche Seiten sehr schwierig zu monetarisieren sind.
Werden Sie cash.ch verkaufen?
Nein. Wir wollen cash.ch zu einem transaktionsbasierten Internetportal machen.
Sie haben bis anhin für die Schweiz 34 Apps realisiert - was einen grossen finanziellen Aufwand bedeutet. Wie wollen Sie mit Apps Geld verdienen?
Ja, wir haben eine "digitale Offensive" gestartet. Nächstes Jahr werden nochmals rund 10 bis 15 Apps dazukommen. Wir sind überzeugt, dass Apps heute und künftig zu einer Marke - wie "Blick" oder "Betty Bossi" - dazugehören.
Doch wann rentieren Ihre Apps?
Man sollte nicht den Fehler begehen und nur jenes tun, was sofort rentiert. Die Menschen erwarten, dass sie Marken wie "SI", "Blick" und "Betty Bossi" jederzeit verfügbar haben. Diese Dienstleistung müssen und wollen wir anbieten. Deshalb machen wir diese Apps. Man darf nicht vergessen: durch die Applikationen erreicht die Marke "Blick" 2,5 Millionen Menschen pro Woche. Noch vor wenigen Jahren hätte man sich nie vorstellen können, dass "Blick" eine solche Reichweite erlangen könnte.
Bestimmt sehen Sie in Apps doch aber Potential, um Geld zu verdienen.
Ja natürlich, sonst würden wir das nicht machen. Es geht uns hier aber vor allem auch um Markenbindung. Mit gebührenpflichtigen Applikationen muss man sehr vorsichtig sein. Unsere GaultMillau-Applikation zum Beispiel kostet 15 Franken - und sie hat sich bis heute bereits 7'000 Mal verkauft.
Welche neuen Akquisitionen planen Sie?
Wir beobachten den Bereich E-Commerce ganz genau. Ausserdem haben wir ja mit der 15-Prozent-Beteiligung bei jobs.ch signalisiert, dass uns auch der Bereich Stellenmarkt interessiert.
Wollen Sie diese Beteiligung ausbauen?
Niemand steigt mit 15 Prozent ein, wenn er nicht die Vision eines Ausbaus der Beteiligung hat.
Interview: Edith Hollenstein

