06.01.2022

Dreikönigstagung 2022

Mit Qualitätsmedien gegen Fake News

Qualitätsvoller Journalismus ist gefragt wie nie zuvor, so der Tenor der Veranstaltung. Pascal Hollenstein, publizistischer Leiter von CH Media, fordert: «Journalisten müssen zugeben, wenn sie sich geirrt haben.»
Dreikönigstagung 2022: Mit Qualitätsmedien gegen Fake News
Diskutierten über die Macht der Desinformation (v.l.): Moderator Hugo Bigi, Bernhard Pörksen (Universität Tübingen), Juliane von Reppert-Bismarck (Lie Detectors), Pascal Hollenstein (CH Media). (Bild: Screenshot Live-Stream Dreikönigstagung)
von Maya Janik

Wie funktioniert die Meinungsbildung im digitalen Zeitalter und vor welche Herausforderungen stellt Desinformation die Qualitätsmedien? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Podiumsdiskussion im Rahmen der Dreikönigstagung am Mittwochmorgen. Die Veranstaltung wurde wie letztes Jahr live gestreamt. Die Referenten versammelten sich teils im Studio von TeleZüri, teils waren sie virtuell zugeschaltet. Moderiert wurde die Tagung von Hugo Bigi. 

Hugo Bigi fasste die heutige Lage mit Blick auf die Nachrichtenflut und Falschmeldungen mit einem Zitat von Aldous Huxley zusammen: «We are overnewsed, but underinformed», schrieb der britische Science-Fiction-Schriftsteller vor über 60 Jahren. Für heute gelte zudem, wie Bigi hinzufügte: «We are overdisinformed».

Zwischen Journalismus und Illusionismus

«Wir erleben eine immer schärfere und immer spürbarere Teilung zwischen der Wissenschaft und dem qualitätsvollen Journalismus einerseits, und dem populistischen Illusionismus andererseits», stellte der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Universität Tübingen in seinem einleitenden Referat fest. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute lautet: «Nie zuvor war qualitätsvoller Journalismus so gefragt wie heute. Denn: Fakten sind bedroht wie selten zuvor, aber auch so wichtig wie selten zuvor», so Pörksen.

Pörksen plädierte für eine engagierte Objektivität bei der Informationserstellung und gleichzeitig eine respektvolle Konfrontation im Umgang mit anderen Meinungen. «Gemeint ist damit, dass man sich nicht opportunistisch wegduckt, sondern sagt, was zu sagen ist, gleichzeitig aber nicht in die Abwertungsspirale einsteigt, die das Kommunikationsklima weiter ruiniert», sagte der Medienwissenschaftler.

Auch ein guter Journalist kann sich irren

Auf die Frage nach der grössten Herausforderung für den Qualitätsjournalismus sagte Pörksen: «Ein grosses Problem ist die Abwanderung ganzer Märkte und Werbeeinnahmen in Richtung einiger weniger digitaler Giganten wie Google, Facebook und YouTube, die auf intransparente Weise die Informationsströme für Milliarden von Menschen regulieren.»

Aus der Sicht von Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik bei CH Media, sind Transparenz und Haltung unter Journalistinnen und Journalisten von besonderer Bedeutung. Man müsse zugeben, wenn man sich geirrt habe, sagte er. «Das schafft Glaubwürdigkeit und Vertrauen.» Alle Referenten waren sich einig: Scheitern gehört dazu, oder wie es Bernhard Pörksen formulierte: «Wir scheitern uns voran.»

Juliane von Reppert-Bismarck, Gründerin und Geschäftsführerin von Lie Detectors, schloss sich ihren Vorrednern an und verwies auf einen wichtigen Punkt: den Zeit- und Platzdruck, dem Journalistinnen und Journalisten oftmals ausgesetzt seien.

Von Reppert-Bismarck betonte die Rolle der Bildung und Aufklärung. Ihre Organisation Lie Detectors, die sich mit der digitalen Desinformation beschäftigt, veranstaltet an Schulen Workshops, bei denen Journalistinnen und Journalisten Schülerinnen und Schüler sowie deren Lehrkräfte für Falschmeldungen im Internet sensibilisieren. Für junge Menschen, von denen die meisten sich im Internet informieren, sei es schwierig zwischen faktenbasierten Nachrichten und Fake News zu unterscheiden, so von Reppert-Bismarck.

Der Teufel steckt im Detail

Bei der Antwort auf die Frage, was der Qualitätsjournalismus konkret tun kann, um gegen Desinformation zu kämpfen, blieben die Referenten vage. Klar aber ist: Es gehe darum, aufzuklären und Informationen richtigzustellen.

«Den Falschbehauptungen müssen Fakten entgegengestellt werden», meinte Pascal Hollenstein. Im Hinblick auf die Coronapandemie sagte er: Den Leserinnen und Lesern müsse man zudem erklären, wie man zu den Einschätzungen kommt. Es müsse zudem klar gemacht werden, dass sich Einschätzungen auch ändern können, wenn sich die Lage ändert, so Hollenstein. Ein direkter Austausch mit dem Lesepublikum sei dabei von besonderer Bedeutung.

Bernhard Pörksen merkte an: Aufklärung ist wichtig, aber nicht ausreichend. Was sonst konkret getan werden könnte, sagte er allerdings nicht. Er liess jedoch durchblicken, dass die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger aktiv werden müssen: «Desinformation ist ein systemisches Problem, das eine systemische Lösung braucht. Es braucht die Politik, die die notwendigen Rahmenbedingungen dafür setzt.» Anders ausgedrückt: Journalismus, der seiner demokratischen Funktion nachkommen soll, braucht Ressourcen.

Bei so viel Einigkeit wäre eine Diskussion mit dem Publikum spannend gewesen. Die Möglichkeit, Fragen zu stellen, gab es nicht.

Den Auftakt zur 23. Dreikönigstagung machte die Ansprache von Pietro Supino, Präsident des Verlegerverbandes Schweizer Medien und Verleger der TX Group. Supino betonte, dass das Medienpaket für die Branche von existenzieller Bedeutung sei (persoenlich.com berichtete).

Traditionell wird an der Verlegertagung eine Königin oder ein König gekürt – so auch bei der virtuellen Austragung. Unter allen Anmeldungen wurde Rebecca Muntwyler ausgewählt. Sie ist Mitglied der Geschäftsleitung bei den Freiburger Nachrichten.



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Kommentare

  • Raphael Weber, 06.01.2022 21:48 Uhr
    Der, die, das, wer, wie, was, wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm! Wer bitte definiert denn Qualität? Etwa die Medien-Eigentümer? Der Bundesrat? Google? Reuters? Wikipedie? Oder gar Facebook? Wenn Journalismus darin besteht, dass Konzernmedien als PR Agentur fungieren und unreflektiert Agentur- und Pressemitteilungen abtippen, wenn Faktencheck ohne Angabe von Quelle als «die Wahrheit» verkauft wird, wenn die eigene Meinung des Journalisten gegenüber einer neutralen Berichterstattung überhandnimmt, wenn der Übergang von Nachrichten und Sponsored Content fliessend ist, wenn der rosa Elefant im Raum die geringere Berichterstattung wert ist wie das denunzieren jener Person, welche diesen sichtbar machte, wenn Journalismus nicht die Obrigkeit kritisiert, sondern im Kollektiv nach unten tritt, muss man sich auch nicht wundern wenn sich die Kundschaft davon abwendet. Zeit für einen Neuanfang! staatsmedien-nein.ch
  • Rainer Schumacher. Prof. Dr. iur., parteilos und konfessionslos, 06.01.2022 08:57 Uhr
    Alle Menschen (inkl. Journalisten) müssen nicht nur zugeben, dass sie sich allenfalls geirrt haben. Alle müssen auch die Gründe nennen, welcher sie zur Meinungsänderung veranlasst haben. Ich persönlich suche den Dialog. Jeder Widerspruch veranlasst mich, meine Meinung zu überdenken, um sie entweder zu ändern (inkl. widerrufen) oder sie noch besser zu begründen.

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