24.03.2020

Kurzarbeit bei Tamedia

Mitarbeitende fordern Boni-Verzicht

Die Tamedia-Chefs müssten aufzeigen, wieviel weniger gearbeitet werden müsse, heisst es in einem offenen Brief des Personals. Am Montagabend antworten Marco Boselli und Andreas Schaffner. Auch für sie sei Kurzarbeit «komplett neu».
Kurzarbeit bei Tamedia: Mitarbeitende fordern Boni-Verzicht
Offene Fragen klären und selber ebenfalls verzichten: Die Tamedia-Mitarbeiter stellen Forderungen an Verwaltungsratspräsident Pietro Supino, hier vor rund einem Jahr im Gespräch mit Studierenden. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)
von Edith Hollenstein

Die Ankündigung der TX Group für alle ihre Einheiten Kurzarbeit einzuführen (persoenlich.com berichtete), stösst bei den Mitarbeitenden von Tamedia auf Unmut.

Tamedia sei bei der Information über Kurzarbeit am Freitag hastig vorgegangen. «Das hat vor allem für Verwirrung und Verunsicherung gesorgt», schreiben die Präsidenten der Personalkommissionen (Pekos) von Tages-Anzeiger, Mantel-Redaktion Tamedia, Zürcher Regionalzeitungen und Tamedia Editorial Services in einem offenen Brief, der persoenlich.com vorliegt. «Absolut unverständlich» sei ebenso, dass «in einem Moment, in dem es ja scheinbar um nichts weniger als die Zukunft von Tamedia geht, die Unternehmensleitung sich nicht vor die Belegschaft stellt». Zudem seien offene Fragen nicht zufriedenstellend beantwortet worden.

«Zuerst mit den Pekos diskutieren»

Trotz aller Unklarheiten seien am Wochenende bereits einzelne Mitarbeitende von ihren Vorgesetzten angerufen und mit der Erwartung konfrontiert worden, zu noch grösseren Zugeständnissen bezüglich ihrer Arbeitszeit bereit zu sein. «Wir verurteilen entschieden dieses Vorgehen, Mitarbeitende einer Situation auszusetzen, die sie mangels umfassender und korrekter Information nicht einschätzen können. Diese Fragen sind zuerst mit den Personalkommissionen zu diskutieren», so die Pekos in ihrem Schreiben. 

Nicht weniger Arbeit, im Gegenteil

«Wir sind uns bewusst, dass die Corona-Pandemie eine grosse Herausforderung für das Unternehmen darstellt. Sie bedeutet aber in besonderem Mass auch eine Herausforderung für die Mitarbeitenden an der Informationsfront», heisst es weiter. Anders als es Kurzarbeit voraussetzt, könne von weniger Arbeit keine Rede sein. Im Gegenteil: Auf den Redaktionen und in der Produktion gebe es derzeit nicht weniger zu tun – in manchen Bereichen gar mehr.

Das Tamedia-Personal fordert unter anderem, dass sich mindestens der Vorsitzende des VR und der Finanzchef möglichst umgehend den Fragen der Belegschaft stellen. Zudem müsse die Geschäftsleitung aufzeigen, wo und in welchem Ausmass weniger Arbeit anfällt. Zudem wird eine verbindliche Zusicherung erwartet, wonach die im Rahmen der Pandemie verordneten Pensenreduktionen mit dem Ende der Pandemie wieder rückgängig gemacht werden.

Auch die Geschäftsleitung müsse verzichten

Die Tamedia-Geschäftsleitung müsse darüber hinaus öffentlich erklären, welchen finanziellen Sparbeitrag sie persönlich in dieser Krise leisten wird, «etwa mit dem Verzicht auf Boni». «Wir erwarten zudem, dass auch die Aktionäre in Form einer massiv gekürzten Dividende 2020 zur finanziellen Stabilisierung des Unternehmens beitragen», so die Peko.

Der Brief liess die Tamedia-Co-Geschäftsleitung, also Marco Boselli und Andreas Schaffner, nicht kalt. Am Montagabend antworten sie in einer längeren E-Mail auf den offenen Brief. Im Schreiben an die Mitarbeiter, das Sprecherin Nicole Bänninger als Antwort auf eine Anfrage an persoenlich.com weitergeleitet hat, zeigen Boselli und Schaffner Verständnis für die Fragen und erklären die Gründe für den Entschluss, der ihnen «sehr schwer fiel». «Wie tausende andere Unternehmen in der Schweiz – und täglich werden es mehr – lässt uns die gegenwärtige Situation jedoch keine andere Wahl.»

«Jetzt handeln»

Einerseits gebe es Abteilungen innerhalb Tamedia, in denen der Aufwand stark zurückgegangen sei, beispielsweise bei Sport und Kultur, aber auch beim Verlag. Andererseits verzeichne Tamedia einen existenziellen Werbe-Einbruch, «der nicht mal annähernd mit dem Zuwachs auf Nutzerseite kompensiert werden kann». «Dies zwingt uns dazu, in allen Bereichen – auch in denen, die noch genügend zu tun haben – Kosten zu sparen, um den massiven wirtschaftlichen Schaden einigermassen eindämmen zu können. Wir befinden uns in einer Krise, von der niemand weiss, wie lange sie andauern wird. Nur wenn wir jetzt handeln, haben wir überhaupt eine Chance, diese Krise zu meistern», schreiben Boselli und Schaffner. 

Die Co-Geschäftsleiter hoffen, dass sie die Dauer der Kurzarbeit auf ein Minimum beschränken können. Alle Mitarbeitenden, die Kurzarbeit erhalten, seien angehalten, ihr Arbeitspensum in dieser Zeit entsprechend zu reduzieren. Die Arbeitszeit müsse exakt erfasst werden in einem Zeiterfassungssystem.

Auch für die Chefs «komplett neu»

Darüber hinaus appellieren Boselli und Schaffner an ihre Teams: «Bitte habt Verständnis, dass wir noch nicht auf alle Fragen eine Antwort haben – auch für uns ist dieses Vorgehen komplett neu».

Auf die weiteren Fragen von persoenlich.com an Tamedia zum Anrecht auf das aktuelle Pensum nach der Pandemie, dem Sparbeitrag der Geschäftsleitung und zu einer möglichen Dividendenkürzung, machte Bänninger keine Angaben.

Pensum um mindestens 10 Prozent gekürzt

TX Group hatte am Freitag ihren Mitarbeitenden mitgeteilt, dass per sofort Kurzarbeit gilt. Es war die Rede davon, dass allen Angestellten der Bezahlmedien das Pensum um mindestens 10 Prozent gekürzt wird. Wo möglich, könne auch mehr gekürzt werden, hiess es.

Als Begründung gab Tamedia an, dass die ökonomischen Auswirkungen Krise enorm seien und weiter zunehmen werden. «Dieser Schritt ist jedoch unabdingbar, um unsere Zukunft zu sichern und zu verhindern, dass die Corona-Krise nicht noch zu viel drastischeren Massnahmen führt.» Das Unternehmen sei sich bewusst, dass dies für die Mitarbeitenden in der ohnehin schon sehr anspruchsvollen Situation eine zusätzliche Belastung sei und man tue das Bestmögliche, sie in diesem Prozess zu begleiten und ihre Fragen zu beantworten.



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Kommentare

  • Victor Brunner, 25.03.2020 08:12 Uhr
    An dieser Stelle einmal ein Kompliment an Ackeret und sein Team. Kein einziges Presseorgan das ich gelesen habe, Print oder Digital, hat über den interessanten Vorgang berichtet ausser PERSÖNLICH. Ein Armutszeugnis für die Presse, die scheinbar alle vor Supino zittern. Mir graust es dass diese Duckmäuser noch an die Honigtöpfe der Steuerzahler wollen. PERSÖNLICH zeigt was frei und unabhängig ist!
  • Rolf Boppeler, 24.03.2020 12:00 Uhr
    Was in der Teppichetage möglicherweise vergessen ging: Gratis-Überstunden a discretion (wie bei Tamedia und auch sonst im Journalismus üblich) sind im Kurzarbeitsregime meines Wissens nicht zulässig. Auf den Redaktionen dürfte der Schuss somit gewaltig in den Ofen gehen, weil realistischerweise sehr viel mehr Arbeit als 10 Prozent wegfallen werden. Also entweder massiver Leistungsabbau oder kaum Einsparungen durch die Massnahmen.
  • Victor Brunner, 24.03.2020 11:49 Uhr
    Im TA Print und online wird diese Forderung natürlich nicht thematisiert! Erinnert an letztes Jahr, Brief der 128 MA wegen Werbung, auch kein Thema. Supino tut alles für seinen Ruf, sogar Zensur ist da ein Mittel. Verlegerische Verantwortung ist etwas anderes!
  • Max Röthlisberger, 23.03.2020 21:05 Uhr
    Zuwachs auf Nutzerseite ?? Tamedia machte die letzten 15 - 20 Monate alles, um einen Zuwachs bei der Nutzerbasis zu verhindern. Angefangen hat es bei den beiden Märkten, wo der Nutzer mit "Schweinetricks" dazu genötigt wird, viel mehr Zeit als notwendig für den Zweck zu verbringen. Das Masterpiece ist der heutige Re-Launch vom Tagesanzeiger. Mir tun die Leute da leid, die sich nicht rechtzeitig nach was anderem umgeschaut haben.
  • Rudolf Penzinger, 23.03.2020 15:00 Uhr
    Ich habe das Abonnement für den "Tages-Anzeiger" im voraus bezahlt. Wenn nun bei TX "allen Angestellten der Bezahlmedien das Pensum um mindestens 10 Prozent gekürzt wird", gehe ich davon aus, dass auch die redaktionelle Leistung um mindestens diesen Prozentsatz sinkt, ich also nicht jenen Gegenwert erhalte, der mir mit dem Abonnement versprochen wurde. Ich erwarte daher von Herrn Supino die Rückvergütung von im Minimu 10 Pozent des eingezahlten Abonnementsbetrags. Auf eine Verlängerung des Abos verzichte ich, wenn Unternehmensleitung und Aktionärsfamilie nicht ihrerseits deutlich Federn lassen.

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