16.12.2021

Keystone-SDA

Newsfotograf darf nicht fotografieren

In den Tamedia-Zeitungen ist am Donnerstag ein Artikel bewusst ohne Bild erschienen – weil es gar keine zum Thema gab. Bei einem Pressetermin in Italien musste die Kamera von Keystone-Fotograf Alessandro della Valle draussen bleiben.
Keystone-SDA: Newsfotograf darf nicht fotografieren
Der Artikel über den Kampfjet F-35 ist auch auf allen Tamedia-Newsportalen erschienen – mit einem entsprechenden Hinweis auf das fehlende Bildmaterial. (Bild: Screenshot tagesanzeiger.ch)

Der amerikanische Rüstungskonzern Lockheed Martin lud Schweizer Journalisten und einen Fotografen zum Pressetermin nach Italien ein. Alessandro della Valle, Newsfotograf von Keystone-SDA, kehrte jedoch ohne Bilder wieder zurück, wie es in einem Artikel vom Donnerstag heisst.

Der Bericht befasst sich mit dem Kampfjet F-35, zeigt aber statt einem Bild nur eine weisse Fläche. Darin steht: «Dieser Artikel erscheint ohne Bild. Der Fotograf der Agentur Keystone durfte den Pressetermin nicht mit seiner eigenen Kamera dokumentieren. Die Verwendung von Bildern, die er mit einer ihm zur Verfügung gestellten Kamera gemacht hatte, wurde ihm bis heute von Lockheed Martin nicht autorisiert.»

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Dass della Valle im Werk in Cameri nicht fotografieren durfte, liege an der amerikanischen Regierung, wie es im Artikel der Tamedia-Journalistin Eva Novak heisst. «Lockheed-Leute» hätten «kleinlaut» gesagt, die US-Regierung wolle sich nicht in die Karten schauen lassen.

«Nicht mal ansatzweise» Ähnliches erlebt

Keystone-SDA hat nach dem Vorfall beim PR-Büro Weber Shandwick, welches zum Pressetermin eingeladen hatte, reklamiert. Dieses entschuldigte sich und erstattete die Reisespesen zurück. Weitere Konsequenzen hat der Vorfall nicht und wird bei Keystone-SDA zähneknirschend ad acta gelegt. «Zähneknirschen ist leider in unserem Metier eine häufige Tätigkeit», sagt Alessandro della Valle auf Anfrage von persoenlich.com. «Es passiert auch hierzulande immer wieder, dass wir als Fotografierende zwar zugelassen werden, aber dann die Bilder autorisiert werden sollen. Dieser Prozess wird dann in die Länge gezogen, was häufig sicher Strategie ist.»

Neuland war das Erlebte für die Autorin des Artikels, Eva Novak, Wirtschafsredaktorin Redaktion Tamedia: «Etwas Ähnliches habe ich in meiner fast 40-jährigen journalistischen Tätigkeit nicht mal ansatzweise erlebt», sagt sie auf Anfrage. «Selbstverständlich darf man bei Produktionsprozessen von Rüstungsmaterial nicht alles fotografieren, selbstverständlich gilt es, gewisse Geheimhaltungsvorschriften zu beachten. Aber das gar nichts geht? Nein.»

Deshalb war auch klar, dass dieser Vorfall Teil der Berichterstattung wird und der Artikel ohne Bild mit einem entsprechenden Hinweis erscheint. «Der Entscheid fiel in Absprache mit der Chefredaktion», so Arthur Rutishauser, Chefredaktor Redaktion Tamedia und SonntagsZeitung, zu persoenlich.com. «Für uns ist es wichtig, dass wir frei berichten dürfen, insbesondere wenn es um die freie Meinungsbildung vor Abstimmungen geht.»


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