15.07.2002

Affäre Borer-Ringier

Nicht nur negative Auswirkungen

Imhof schlägt Institutionen zur journalistischen Qualitätskontrolle vor.

Die Affäre Borer-Riniger hat negative Auswirkungen für die gesamten Medien in der Schweiz, glauben Experten. Sie könnte ihrer Ansicht nach aber auch positive Folgen haben. Für Dennis Barrelet ist das Ansehen der Medien "dauerhaft angeschlagen", erklärte er am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur sda. "Die Affäre Borer wird ihnen noch jahrelang immer wieder vorgehalten." Der Westschweizer Medienrechts-Spezialist glaubt, dass in der Rechtssprechung die Praxis verschärft wird. Vor allem bei Berufungsverfahren werde schon seit einiger Zeit strenger gegenüber Medien entschieden.

Barrelet erwartet aber auch einen wohltuenden Effekt durch die Affäre. Verleger Michael Ringier werde von nun an in seinen Medien auf einen aggressiven Boulevard-Journalismus nach deutschem Muster verzichten. Er werde den Journalismus auch zurückführen zu"«schweizerischeren Methoden" und dafür sorgen, dass die Privatsphäre der Einzelnen stärker geachtet wird, glaubt Barrelet.

Verlust an Glaubwürdigkeit

Andere Medien würden durch die Erfahrungen aus der Affäre davor abgeschreckt, Methoden im Journalismus anzuwenden, die nicht zur Schweiz passten, erklärte François Gross, Ombudsmann bei der Tageszeitung 24 Heures, gegenüber dem Westschweizer Radio. Aber die gesamte Schweizer Presse werde einen Verlust an Glaubwürdigkeit erleiden, die eigentlich deren "wirtschaftliche Basis" sei. Was das Verlagshaus Ringier betrifft, glaubt Gross, dass die wirklich Verantwortlichen der Kampagne gegen Thomas Borer nie zur Rechenschaft gezogen würden. Die gütliche Einigung erlaube es nicht, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Es bleibe die Frage, wer Ringier dazu gebracht habe, die Abrechnung mit Borer vorzunehmen.

Mit dem SonntagsBlick-Chefredaktor Mathias Nolte und der Berlin-Korrespondentin Alexandra Würzbach, beides Deutsche, seien bloss zwei Mitbeteiligte geopfert worden, meint auch Barrelet. Er findet es vor allem "erstaunlich", dass Blick-Chefredaktor Jürg Lehmann auf seinem Posten bleibe, da dieser sechs Tage lang eine Kampagne gegen Borer geführt habe. Gerüchten zu Folge habe er vom Schutz durch Verleger Michael Ringier profitiert, meinte Barrelet.

Beiräte für Medienunternemen nötig

Der Zürcher Soziologe Kurt Imhof weist auf die Einmischung von Michael Ringier hin. Er glaubt, es sei für andere Verleger ein Warnsignal. Mit der Entschuldigung für handwerklichen Fehler in der Affäre Borer habe Michael Ringier erst "die Hälfte des Weges" beschritten, findet Imhof. Es fehle noch die Einsicht, dass eine solche Geschichte darüber, "mit wem ein Botschafter herumfummelt", nicht in die Medien gehört -- auch nicht in eine Boulevard-Zeitung. Dies gehöre nicht zur Kontrollfunktion der Medien.


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