27.10.2012

Schweizer Medien

"Online bleibt Zuschuss-Projekt"

Neue Resultate von "Qualtität der Medien Schweiz".

Zum dritten Mal veröffentlicht der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (fög) das Jahrbuch "Qualität der Medien". Über die Hauptbefunde der Medienstudie 2012 informieren die drei fög-Leiter Oswald Sigg, Mark Eisenegger und Kurt Imhof anlässlich der Pressekonferenz vom 26. Oktober 2012 in Bern. Die Präsentation eröffnet Oswald Sigg mit einem düsteren Bild: Er spricht über den Qualitätszerfall bei US-amerikanischen Medien, über die Verleger, denen es um Rentabilität und nicht um Qualität gehe sowie über die dramatischen Folgen dieser Entwicklung. "Ganz so schlimm ist es in der Schweiz zum Glück noch nicht", fügt er zwar abschwächend hinzu, ein alarmierender Unterton schwingt aber während der ganzen Präsentation bei allen drei Referenten mit.

Hintergrund weicht harten Fakten

Bevor Mark Eisenegger die Grundbefunde präsentiert, geht er auf das Qualitätsverständnis der Studie ein. "Für das fög ist Qualität kein Puddingbegriff", erklärt er. Klar messbare Kriterien definieren die Untersuchung – Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität seien die Qualitätsindikatoren. Eisenegger steigt im Gegenzug zu seinem Kollegen mit einer erfreulichen Nachricht ein: Der Hardnews-Anteil in sämtlichen Mediengattungen sei im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Themen haben im Jahr 2011 in den Medien mehr Relevanz gehabt, als 2010. Grund dafür waren brisante Grossereignisse wie Fukushima, der Arabische Frühling, die Weltwirtschaftskrise und die Wahlen in der Schweiz.

Die Kehrseite dieser Relevanzzunahme sei hingegen die verminderte Hintergrund-Berichterstattung. Die Medien haben ihre Pflicht der Einordnung zu wenig wahrgenommen, kritisiert Eisenegger. Journalismus bedeute auch, den Lesern - vor allem bei komplexen Themen - Orientierungshilfe und Basisinformationen zu geben. Am stärksten abgenommen habe diese Einordnung bei den Abonnementszeitungen. Das sei beunruhigend, denn gerade von dieser Mediengattung erwarte der Leser Hintergrundinformationen. "Diese Entwicklung zeigt, dass der Schweizer Journalismus personell und finanziell an seine Grenzen stösst", warnt Eisenegger.

Boulevardanteil hat sich verdoppelt

Zum ersten Mal hat der fög im Rahmen seiner Studie ein Qualitätsscoring durchgeführt, "um alle Medientitel hierarchisieren zu können." Diese Ordnung zeige, dass die qualitätsniedrigeren Medien an Reichweite gewonnen haben, erklärt Eisenegger. Zu diesen Gewinnern gehören insbesondere die Gratiszeitungen und die Online-Newstitel. Diese Zunahme sei in der Romandie am stärksten. Insgesamt haben die Gratiszeitungen in den letzten zehn Jahren dazu geführt, dass sich der Boulevardanteil im Schweizer Journalismus verdoppelt habe.

Zu denken gibt Eisenegger auch die hohe Medienkonzentration in der Schweiz. Insbesondere die dominante Stellung von Tamedia ist Eisenegger, wie es scheint, ein Dorn im Auge. Gesamtschweizerisch besitze das Zürcher Medienhaus 41 Prozent Marktanteil – in der Romandie, seit der Übernahme von Edipresse, gar 68 Prozent. "Hier stellt sich die Frage, wie dies die Vielfalt und die Qualität der Schweizer Medien beeinflusst", gibt er zu bedenken.

Weniger Qualität und Werbung im Online

Weiter erläutert Eisenegger die Grunderkenntnisse aus den verschiedenen Vertiefungsstudien. Ein positives Resultat dieser seien die leicht gestiegenen Qualitätswerte der Newssites der Gratiszeitungen. Als Grund vermutet Eisenegger mehr finanzielle Mittel dank der Querfinanzierung durch die Printausgaben. Insgesamt gesehen liegen die Online-Titel in Sachen Qualität deutlich hinter den gedruckten. So betreiben denn die Online-Redaktionen auch viel häufiger "Copy-Paste"-Journalismus als ihre Kollegen der Printausgaben, die eine höhere Eigenleistung vollbringen. Auch in Bezug auf die Werbeerträge liege der Online-Bereich – obschon eine Zunahme verzeichnet werde – noch massiv hinter den Printmedien. "Die Erwartungen dort haben sich nicht erfüllt", so Eisenegger. "Die Online-Titel bleiben Zuschussunternehmen."

Zunehmende Personalisierung

Der fög hat auch die Wahlberichterstattung unter die Lupe genommen und auf längere Zeit betrachtet festgestellt, dass die Parlamentswahlen seit den 1960er Jahren zunehmend an Relevanz eingebüsst haben, während die Bundesratswahlen in den Medien populärer geworden sind. "Wenn der Kern der Demokratie, das Parlament, an Bedeutung verliert, ist das beunruhigend“, meint Eisenegger. Der Journalismus personalisiere zunehmend, weshalb der Bundesrat mehr im Fokus stehe als früher. Eine gute Entwicklung sei jedoch, dass die SVP in den Medien weniger vorkomme, als noch 2007. Die Parteivielfalt und die politischen Themen seien ebenfalls breiter geworden – dafür fehlen auch hier zunehmend Hintergrundinformationen.

Ebenfalls analysierte der fög die Kriminalitätsberichterstattung. Fest stehe, dass die Kriminalität gegenüber der Polizeistatistik in den Medien überrepräsentiert sei. Das transportierte Bild sei massiv überzeichnet, insbesondere wenn es um sexuelle Delikte gehe, erklärt Eisenegger. Eine weitere Tatsache sei, dass politische Kampagnen die Kriminalitätsberichterstattung beeinflussen. Als Beispiel nennt er den Vergewaltigungsfall in Seebach im Jahr 2006. Auf diesen folgte eine hohe mediale Antwortbereitschaft der Medien. Politische Kampagnen fördern ausserdem die Bedrohungswahrnehmung der Bevölkerung.

Eigenwerbung via Twitter

Auch das Social-Media-Instrument Twitter ist im Jahrbuch 2012 ein Thema. Die Studie zeige, dass die Redaktionen Twitter vor allem dafür nutzen, eigene Beiträge zu promoten. 96 Prozent der Redaktionen sehen in Twitter einen "Werbekanal", und nicht ein Instrument, um mit Rezipienten in Diskurs zu treten, sagt Eisenegger. Der einzelne Journalist veröffentliche hingegen deutlich öfters medienkritische Aussagen via Twitter. Eisenegger freut’s: "Medienkritik ist in den Medien nämlich eine aussterbende Spezies. Dank Social-Media entsteht so eine Gegenöffentlichkeit." Schade nur, meint er, dass die Medien solch kritische Twittermeldungen nicht aufnehmen und diese somit im Social-Media-Ghetto bleiben würden.

Die Präsentation der vorwiegend als negativ gewerteten Studienergebnisse zeigt: Die Sorge um die Qualität der Schweizer Medien bei den Forschern ist gross. Und auf die wenigen erfreulichen Nachrichten folgt jeweils ein "Aber".

Schüler für Medien sensibilisieren

Vielleicht um die Stimmung etwas zu heben, schliesst Kurt Imhof die Konferenz dafür in beschwingter Manier. Er erklärt, dass heute bereits einiges für bessere Medienqualität getan werde, dass aber weitere Massnahmen nötig seien. So empfehle der fög unter anderem, den Informationssjournalismus durch eine staatsferne Stiftung zu fördern oder Anreize für Bezahlmodelle zu schaffen. Er ruft auch dazu auf, Medienkompetenz an den Grundschulen zu vermitteln, um die Schüler für die Unterschiede der Medien zu sensibilisieren.

"Wir müssen aus dieser Gratissituation herauskommen. Das schwächt den Journalismus und das Preisbewusstsein“, sagt er. Die ’Gratis-Generationen’ seien verloren, diese würden kein Geld für Journalismus ausgeben. Im Bereich der Werbung fordert er die Medien auf, kreative Lösungen zu suchen. Das nächste Jahrbuch bewirbt er mit schelmischem Lächeln: "Wir werden die Resonanz von Parteien in unterschiedlichen Medientypen betrachten und dabei den ’Zotteljournalismus’ untersuchen."

Informationen zum Jahrbuch 2012 "Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera“ sind im Internet abrufbar. (ct)


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