09.01.2011

"Pioniere haben es in Japan heute schwer"

Japan, das Land der Zukunft: Jahrelang gab der Inselstaat in etlichen Bereichen den Ton an. Sei es auf dem Game-Sektor, sei es bei der mobilen Elektronik, sei es bei der schrägen Werbung, beim Design oder bei den futuristischen Fortbewegungsmitteln – die fleissigen Asiaten hatten die Nase vorn. Was ist passiert? Wie geht es Japan heute? Und wo ist das Land derzeit noch führend? – Fragen, die Christoph Neidhart, Japan-Korrespondent der "Süddeutschen" und des "Tagi" im Gespräch mit "persoenlich.com" beantwortet. Zum Interview:
"Pioniere haben es in Japan heute schwer"

Herr Neidhart, fangen wir ganz allgemein an: Wie geht es Japan zurzeit?

Auf hohem Niveau schlecht. Japan ist noch immer reich, sauber, die Züge fahren pünktlich, die Kriminalität ist gering, die Arbeitslosigkeit beträgt nur 5.1 Prozent. Aber Japan leidet unter einer Deflation, seine Wirtschaft stagniert, viele Junge haben nur schlecht bezahlte Temporärjobs. Der Staat ist enorm verschuldet, die Bevölkerung altert rasch, die Renten sind nicht gesichert. Fast zwanzig Jahre haben die Regierungen diese wachsenden Probleme ignoriert, jetzt ist man sich ihrer plötzlich bewusst. Die Stimmung ist deshalb ziemlich depressiv, vielleicht zu depressiv.

Lange Zeit war das Land führend in der Entwicklung von neuen Technologien im Elektronikbereich. Wie kam es dazu, dass das Land diese Stellung eingebüsst hat?

Manche machen die starren Hierarchie-Strukturen in den Unternehmen und den sozialen Zwang zum Konsens dafür verantwortlich, niemand weiss, wer eigentlich entscheidet. Andere glauben, die Geographie und die fehlenden Englischkenntnisse seien schuld. Pioniere haben es in Japan heute schwer. Sie verstummen oder gehen weg. Oft nach Amerika, weil sie sich dort besser entfalten können. Denken Sie an Shuji Nakamura, den Erfinder des blauen Lasers. Andererseits begann Toyota den Hybrid-Antrieb zu entwickeln, als der Sprit in den USA billiger war als Mineralwasser, und ist damit der Konkurrenz zehn Jahre voraus. Das darf man nicht vergessen. Ausserdem bringt Nissan mit dem Leaf das erste massenproduzierte Elektroauto auf den Markt.

Bis vor wenigen Jahren schaute man nach Japan, wenn man wissen wollte, welches Gadget in den kommenden zwei, drei Jahren auf den europäischen Markt kommen wird. Dieser Vorsprung ist in vieler Hinsicht futsch. Worin sind die Japaner noch führend?

Sicher im Werkzeugmaschinenbau und in der Komponenten-Industrie. Die Japaner dominieren den Magnetköpfe-Markt für Computer-Festplatten; die heikelsten Teile in den Mobiltelefonen werden von japanischen Firmen hergestellt, unabhängig von der Marke, die auf dem Handy steht. Zudem ist es in den japanischen Städten längst normal, dass man für den Telefon- und Internet-Anschluss ein Glasfaserkabel bis ins Haus hat. Da sind sie zusammen mit Korea allen andern Ländern weit voraus. Aber Sie haben Recht, es gibt kaum mehr grossartigen Ideen, oder keine Top-Manager, die solche Ideen durchsetzen wie einst Morita von Sony den Walkman.

Hat sich Japan selber ein Bein gestellt? Sprich: Tut der Inselstaat zu wenig für seine Öffnung?

Das spielt sicher eine Rolle. Und nicht nur nach aussen, die Gesellschaft ist auch nach innen verschlossen. Dazu ist sie alt geworden. Auch konsummüde. Der Markt für Gadgets ist deshalb geschrumpft, zumal viele junge Japaner sich teures Spielzeug gar nicht leisten können. Im Gegensatz zu Korea: Dort werden Innovationen sofort zu Hits, wer cool ist, muss das neueste Handy haben.

Der 56-jährige Schweizer Journalist und Schriftsteller Christoph Neidhart lebt seit acht Jahren mit seiner Familie in Tokio. Von dort berichtet er regelmässig für die "Süddeutschen Zeitung" und den "Tages-Anzeiger". Zuvor war er jahrelang als Russland-Korrespondent für die "Weltwoche" tätig.

Wie sieht die Entwicklung in Bezug auf den Medienkonsum aus? Wie weit sind die Japaner im Internet?

Das Internet gehört zum Alltag wie das Telefon und das Fernsehen, man kauft zum Beispiel viel übers Internet ein. Japan hat ja ein hervorragendes Netz an Hauslieferern. Wichtiger ist freilich das mobile Internet, für soziale Netzwerke. Junge Japaner schickten sich Videos von Handy zu Handy, als man in der Schweiz noch nie von einem Telefon mit Kamera gehört hatte. Junge Frauen schreiben Fortsetzungs-Romane auf ihren Handys, von denen einige als Buch zum Bestseller geworden sind. Es ist auch üblich, dass Leute in der U-Bahn auf dem Handy fernsehen, und das schon seit Jahren. Die Tageszeitungen haben mit bis zu zehn Millionen die höchsten Auflagen der Welt. Allerdings haben sie sich in den letzten Jahrzehnten kaum entwickelt. Sie haben bisher kaum Konzepte, wie sie auf die IT-Revolution reagieren wollen. Stattdessen drucken sie ihre Zeitungen immer mehr für die ältere Generation. Dazu gibt es die Manga-Industrie, die Dutzende von Periodika herausgibt.

Wenn man sich die enorme Anzahl von Printpublikationen anschaut, die Japan hervorbringt, ist man erstmal baff. Hat der Markt gar nicht gelitten in den letzten Jahren?

Doch, der Printsektor leidet auch in Japan, von den politischen Wochen- und Monatsblätter sind einige eingestellt worden. Dabei waren sie frecher als die Tageszeitungen und publizierten Geschichten, die diese mieden. Japan hat den zweitgrössten Werbemarkt der Welt, das hilft den Printmedien. Aber so viel mehr Publikationen als in andern Ländern sind es wahrscheinlich trotzdem nicht. Bedenken Sie, wir sprechen von einem einheitlichen Markt von 125 Millionen relativ gut ausgebildeten Leuten. Was in Sapporo am Kiosk erhältlich ist, das gibt es auch in Tokio. In Japan ist die Fluktuation grösser, es wird schnell etwas Neues gestartet, oft für Spezialinteressen – und eingestellt, wenn es nicht laufen.

Sie sind Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" und des "Tages-Anzeiger" .Woher beziehen Sie ihre Informationen?

Über gute Kontakte, von Pressekonferenzen, aus Tageszeitungen – vor allem aus den englischsprachigen – aus dem schlechten Fernsehen und aus dem Alltag. Für einen Auslandskorrespondenten, gerade in einem dem Leser wenig vertrauten Land, ist die Kenntnis des Landes wichtiger als die Recherche: Man muss Schuhe kaufen in einem Land, zum Zahnarzt gehen und, noch besser, ein Kind hier in der normalen Schule haben, um kompetent darüber berichten zu können.

Kürzlich traten die Auslandkorrespondenten der deutschen Tageszeitung "taz" in einen Streik. Ihnen wurden die Bezüge gekürzt. Wie gross ist der Druck auf einem Posten wie dem Ihrigen?

Der Druck hat für alle Auslandskorrespondenten zugenommen, wie für die andern Leute in den Zeitungen auch. Gespart wird auch bei den grossen Zeitungen. Inzwischen schreiben alle deutschsprachigen Korrespondenten in Tokio für mehr als eine Zeitung. Und unsere Zahl hat massiv abgenommen, nicht nur bei den Deutschsprachigen. Wir sind sogar eine der aktivsten Gruppen. Jener Zeit, als sich manche Korrespondenten als Paralleldiplomatie der Schweiz gebärdeten, trauere ich freilich nicht nach.

Wie sieht Ihr Alltag in Tokio aus?

Wichtiger ist der All-Abend. Wegen der Zeitverschiebung erfahre ich, was meine Redaktionen von mir wollen, oft erst zu einer Zeit, wenn andere Leute längst Feierabend haben. Und schreibe dann bis Mitternacht.

Stehen Sie eigentlich in ständigem Kontakt mit anderen Korrespondenten in Tokio?

Sicher, da habe ich gute Freunde. Aber wir vermeiden es, wie Auswanderer zu leben, die sich nur mit anderen Auswanderern umgeben.

Werbung aus Japan kommt uns Europäern sehr schrill, überdreht und kindisch vor. Haben Sie herausgefunden, wie sie funktioniert?

Ist Werbung nicht überall schrill? Das ist ihre Natur. Gescheite Werbung ist nicht nur in Japan selten. Ihnen mag die japanische Schrille kindisch vorkommen, die Japaner finden das Slapstick-artige lustig. Mir scheint, sie benutze weniger direkt sexuelle Signale.

Der Werbemarkt wird kontrolliert von einem riesigen Konglomerat namens Dentsu, das über 80 Prozent Marktanteil verfügt und dem auch einige Medienhäuser angehören. Wird dadurch die Kreativität erstickt?

Das kann ich nicht beurteilen. Dentsu ist vielleicht die mächtigste Werbeagentur der Welt, aber 80 Prozent sind es nicht. Im Fernsehen hat das Unternehmen etwa 37 Prozent, im Print knapp 20 Prozent Marktanteil. Selbst wenn man den indirekten Einfluss durch die Anteile an den Medienhäusern berücksichtigt, ergibt dies kein Monopol. Dentsus Grösse könnte die Kreativität der Konkurrenz ja auch anspornen. Ausserdem betreut diese Riesenagentur oft Konten von direkten Konkurrenten, Honda und Nissan zum Beispiel. Dazu werden die Abteilungen räumlich strikt getrennt.

Hand aufs Herz: Essen sie zum Frühstück glibberigen Fisch und Miso-Suppe wie die Japaner oder greifen sie zu Croissant und Brötchen?

Lieber ein guter Fisch als ein matschiges Croissant, mir schmeckt beides, auch zum Frühstück.

Was schätzen Sie persönlich an Japan?

Unter anderem zum Beispiel eben das Essen, den Fisch und die japanischen Suppen.


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