22.09.2014

Plappern gehört zum Handwerk

Die Chefredaktorin des "SonntagsBlick" betrat letzten Sonntag journalistisches Neuland. "Unsere Recherchen zeigten, wie eine Flüchtlingsfamilie die Zürcher Gemeinde Hagenbuch mehr als 60'000 Franken im Monat kostet", fabulierte sie, bezugnehmend auf die Titelstory des vorletzten SoBli. Das musste wohl vom ins Zeitungsarchiv entsandten Sonderkorrespondenten stammen. Der recherchierte dort die vorher erschienen Artikel in der "NZZamSonntag" und im "Tages-Anzeiger" knallhart nach, die ihrerseits einen Bericht des "Zürcher Unterländer" von 2012 aufgriffen.

Der "SonntagsBlick" wärmt also die Story auf, ergänzt sie um investigativ herausgearbeitete Details ("eine Kindersocke liegt auf dem Boden"), hat es aber leider unterlassen, dem Leser mitzugeben, ob es sich um die linke oder die rechte handelt. Zudem stellt der SoBli eine bedenkliche Schwäche in der Beherrschung der Grundrechenarten unter Beweis. Obwohl er richtig abschreibt, dass für eine Flüchtlingsfamilie 60'000 Franken ausgegeben werden, ergeben bei ihm "vier Kinder im Heim, rund 9000 Fr. pro Platz", hoppla, insgesamt "ca. 6000 Fr." Nun ja, cirka muss doch nicht genau stimmen. Auch Orthografie ist nicht so die Sache des Sobli, aber Fremdwörter sind meistens Glücksache, und der Leser versteht schon, was in der nächsten Zeile nach dieser Fehlkalkulation "ozialpädagogische Betreuung" sein soll.

Nun, gut, "ca. 6000" plus "mind. 20’000" plus 1500 plus 2600 ergibt dann "mind. 60’000". Höchstens, muss man korrigieren. Aber wer nicht multiplizieren kann, hat auch mit Addieren seine Probleme. In der jüngsten Ausgabe besinnt sich der SoBli immerhin wieder auf seine Kernkompetenz und titelt "Auch Prominente suchen ihre Liebe im Netz". Somit könnte man eigentlich Entwarnung geben, würde sich nicht im Hinterkopf ein furchtbarer Verdacht einnisten. Könnte es nicht sein, dass diverse staatliche Ämter hier dringenden Handlungsbedarf wittern? Rechnerische und orthografische Probleme bei ausgewachsenen Journalisten, dazu, nun ja, ein zwar branchenüblicher, aber doch sehr lockerer Umgang mit der Wahrheit. Ruft das nicht nach Sozialbegleitung, Coaching, pädagogischen Stützungsmassnahmen, vielleicht Mediation, um das Verhältnis zwischen Realität und Wahrnehmung zu verbessern, plus Integration durch einen Deutschkurs?

Und wenn man schon dabei ist, die Arbeitsbedingungen in der Käfighaltung des Newsroom der "Blick"-Familie wären schon auch Analyse, Intervention und Massnahmen wert. Also wenn wir den Einsatz der guten Hilfskräfte nur auf den Hauptproduktionstag Samstag konzentrieren wollen, da aber mindestens sechs Fachkräfte zum Einsatz kämen, die natürlich mit Sonderzuschlägen pro Stunde mindestens 145 Franken verrechnen, dann wären das bei sechs Stunden pro Nase ca. 5220 Franken. Das wären dann im Monat, Moment, wir sourcen die Berechnung an den SoBli aus, also mindestens 6000 Franken. Wenn nicht mehr. Wer stoppt diesen Sozial-Irrsinn?


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