31.01.2012

"Das Magazin"

Plötzlich wird gebloggt

Zeitgeist-Heft ändert Webstrategie.

Binswanger, Roten, Küng und wie sie alle heissen: Die Kolumnisten des "Magazin" haben eine neue Spielwiese erhalten. Auf dasmagazin.ch, wo früher noch Inhalte der aktuellen Ausgabe zu finden waren, wird nun gebloggt. Was hat das Zeitgeist-Heft zu dem Strategiewechsel bewogen? Und wie verkauft sich die iPad App? Chefredaktor Finn Canonica gibt die Antworten.

Herr Canonica, seit kurzem hat das Tagi Magi seine Online Aktivitäten wieder verstärkt. Neu schreiben einige Autoren regelmässig Blogeinträge. Welche Online-Strategie verfolgt man heute beim Magazin?

Es sind immer wieder Magazin-Autoren an mich herangetreten, mit dem Wunsch zu bloggen. Wir sehen den Blog als wertvolle Ergänzung zum Heft und haben uns ganz einfach entschieden, diesem Anliegen entgegenzukommen. Nach dem Start des Blogs haben sich bei mir weitere Schreiber gemeldet, die auch mitmachen wollen. Darüber hinaus bieten wir Gastbeiträge aus aller Welt.

Das Ganze gleicht einem Schlangenkurs: Erst waren viele Inhalte frei abrufbar und die Seite war sehr interaktiv aufgebaut, dann wurde erst die Kommentarfunktion gekappt und schliesslich ganz auf freien Online Content verzichtet. Jetzt fährt man das wieder hoch. Was ist die Erklärung für diese Strategiewechsel?

Das ist ein Missverständnis. Mit dem Blog bieten wir neue, ergänzende Inhalte. Online bieten wir das Heft weiterhin exklusiv auf dem iPad und dem iPhone zum Kauf an - angereichert mit Zusatzinhalten. Die Kommentarfunktion haben wir für den Blog wieder eingeführt, da diese Interaktivität für einen Blog sehr wichtig ist. Neu stehen die Kommentatoren mit ihrem Facebook-Account hinter ihren Voten, auf anonyme Kommentare wollen wir bewusst verzichten.

Ziel war es ja scheinbar die iPad App anzuschieben. Hat das funktioniert? Wie viele Apps wurden bislang abgesetzt?

Wir geben nie Verkaufszahlen bekannt. Aber wir sind sogar sehr zufrieden.

Die iPad App des "Magazin" ist mit dem Preis von einem Franken derzeit sehr günstig. Allerdings handelt es sich dabei streng gesehen nicht um eine App, sondern mehr um ein für das iPad adaptiertes E-Paper. Ist da irgendwann mehr geplant, vielleicht eine Multimedia-App?

Das stimmt nun überhaupt nicht - da müssen Sie sich kundig machen. Das ist alles andere als ein E-Paper, die App wird jede Woche für nicht wenig Geld zusammengebaut. Schauen Sie doch nur mal wie bei uns der Text gesetzt ist auf der App - ganz anders als im Heft.

Das mag sein. Trotzdem ist die Funktionalität beschränkt. Eine iPad App kann ja auch Filme, 3D-Modelle, besondere Werbeformen enthalten. Zurück zur Website: Ist nun ein weiterer Ausbau geplant?

Die Heftinhalte bleiben offline. Man kann sie weiterhin über unsere Apps günstig downloaden. Der Blog wird wöchentlich ausgebaut und erfreut sich bereits grosser Beliebtheit. Mir scheint, unsere Leser haben darauf gewartet.

Wieso steckt man die redaktionellen Ressourcen nicht noch mehr ins Heft, sondern verpflichtet "Magazin"-Autoren zum Schreiben von Kurzfutter im Netz? Man hört immer wieder den Vorwurf, der Inhalt des Hefts habe in letzter Zeit gelitten, das Heft kommt vielen ausgedünnt vor.

Gerne erkläre ich das anhand dieses Beispiels: Zurzeit bloggt bei uns die junge Russin Alya Kirillova, sie berichtet im Vorfeld der grossen Demonstration vom 4. Februar aus Moskau. Gleichzeitig ist Alya im aktuellen Heft vertreten. Unsere Redaktoren haben sie in Moskau kennengelernt, durch unser Spezialheft über Russland ist also die Verbindung zum Blog entstanden. Genauso sind bereits schon Ideen aus Blogbeiträgen entstanden, kleine und grosse Projektideen, die wir weiterverfolgen. Heft und Blog, Print und Online, das darf man heute nicht mehr getrennt sehen. Es sind zwei Medien mit verschiedenen Geschwindigkeiten, die sich gegenseitig anspornen. Die Ressourcen werden dabei sorgfältig eingesetzt. Und beim Umfang gilt die Grundregel: Je mehr Anzeigen, desto dicker das Heft.

Sie haben mehrfach betont, dass Sie kaum Webinhalte konsumieren, sondern Bücher und Zeitschriften bevorzugen. Hat sich Ihr persönliches Mediennutzungsverhalten in letzter Zeit geändert?

Ich konsumiere nach wie vor hauptsächlich Bücher und Zeitschriften - allerdings immer mehr in digitaler Form. Blogs lese ich die von "Spiegel", "New Yorker", "Atlantic Monthly".

Interview: Adrian Schräder


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