29.09.2016

SRF

«Plötzlich war mein Roaming-Paket aufgebraucht»

Marcel Anderwert gilt beim Schweizer Fernsehen als Pionier des «Mobile Journalism». Der 43-Jährige filmt für die «Tagesschau» oft nur mit einem Smartphone. Ein Gespräch über Tücken der Technik und Ängste der Interviewpartner.
SRF: «Plötzlich war mein Roaming-Paket aufgebraucht»
Der «smarte» Reporter: Marcel Anderwert realisiert seit zwei Jahren immer wieder «Tagesschau»-Beiträge mit dem iPhone statt einer professionellen TV-Kamera. Es sei «wie das Schweizer Sackmesser des digitalen Journalismus». (Bild: zVg.)
von Christian Beck

Herr Anderwert, lachen Ihre Interviewpartner nicht, wenn Sie das Smartphone auspacken?
Im Englischen gibt es dafür den schönen Ausdruck «underwhelmed» – statt «overwhelmed». Statt begeistert sind Interviewpartner tatsächlich ab und zu enttäuscht. Manche fühlen sich nicht ernst genommen, wenn ich mit meiner kleinen Smartphone-Ausrüstung auftauche. Oder sie haben Angst, dass sie am Fernsehen schlecht aussehen.

Wie lösen Sie das?
Ich versuche, das Smartphone möglichst gezielt einzusetzen. Bei Ausland-Einsätzen beispielsweise, wo manchmal diskretes Filmen von Vorteil ist. Oder wo einem das Smartphone sogar näher zu den Interview-Partnern bringt, wie bei den Einsätzen auf der Balkanroute vor einem Jahr. Gute Erfahrungen habe ich mit dem Smartphone auch bei Reportagen gemacht, bei denen ich jemanden über längere Zeit begleitet habe. Es ist dann alles etwas persönlicher und unaufgeregter.

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Sie verzichten also punktuell auf eine grosse Kamera oder gar einen Kameramann. Was sind die Vorteile?
Als Reporter der «Tagesschau» habe ich von Anfang an immer wieder Beiträge als Video-Journalist gemacht, also selbst gefilmt mit einer VJ-Kamera. Das Smartphone ist für mich nichts anderes, als eine neue Art von VJ-Kamera. Mit kompakter Ausrüstung und neuen Möglichkeiten: Notfalls kann man den Beitrag darauf auch gleich schneiden, vertonen und zurück in die Redaktion schicken.

Sie verwenden zum Filmen ein iPhone. Was benötigen Sie sonst noch?
Das Wichtigste ist ein externes Mikrofon für Interviews. Beim eingebauten Stereo-Mik des Smartphones ist die Stimme zu wenig präsent, es gibt zu viele störende Nebengeräusche. Je nach Situation verwende ich ein Hand-Mikrofon oder ein kleines Ansteck-Mik. Zudem arbeite ich oft mit einem Foto-Stativ, damit die Bilder möglichst ruhig werden. «Tagesschau»-Beiträge muss man auch auf einem grossen Flachbild-TV betrachten können, ohne dass einem dabei schlecht wird. Das dritte wichtige Gadget ist ein LED-Lämpchen, zum Filmen bei schlechten Lichtverhältnissen oder in der Nacht.

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Als erster – und bislang einziger – machten Sie Schaltungen mit dem Smartphone live in die «Tagesschau» oder «10vor10».
Ja, das war vor einem Jahr, als ich aus Ungarn über die Balkanroute berichtete. Gefilmt habe ich die Schaltungen mit der Selfie-Kamera, also der Front-Kamera des Smartphones. So sah ich auf dem Bildschirm, ob ich einigermassen richtig im Bild stand. Zudem wurde die Upload-Geschwindigkeit angezeigt – ich konnte also laufend überprüfen, ob die Verbindung gut war oder nicht. Mittlerweile haben auch einige andere Kollegen schon Duplexe mit dem Smartphone gemacht, zum Beispiel für die Sendung «#SRFglobal». Das Problem bei solchen Live-Schaltungen: Sobald viele Journalisten vor Ort sind und das lokale Handy-Netz überlastet ist, geht nichts mehr. Weil die Upload-Geschwindigkeit zusammenfällt.

Vor dem ersten Duplex muss die Skepsis gross gewesen sein.
Das war eigentlich mehr eine Notlösung. Ich machte die Live-Schaltung aus der kleinen Ortschaft Bicske, wo damals ein Zug voller Flüchtlinge von der ungarischen Polizei gestoppt wurde. Der Zeitdruck war sehr hoch – ich war mit dem Mietauto von Budapest nach Bicske gefahren, sobald ich vom Vorfall erfahren hatte. Und war erst 30 Minuten vor dem Duplex vor Ort. Anstatt einfach eine Telefon-Schaltung zu machen, habe ich der Redaktion in Zürich einen Duplex per Smartphone vorgeschlagen. Und der Produzent meinte: «Klar, versuchen wirs».

Der erste Duplex für die «Tagesschau» sah dann etwas seltsam aus (siehe Video oben). Haben Sie mit einem Selfie-Stick gefilmt?
Ja, die Premiere war etwas experimentell. Ich hatte mein Fotostativ am Nachmittag tatsächlich zum Selfie-Stick umgebaut, zum Filmen in Budapest. In Bicske reichte dann die Zeit bis zur Sendung nicht, um wieder ein Stativ daraus zu machen. Später am Abend, beim Duplex für die Sendung «10vor10», sah es dann ab Stativ etwas professioneller aus.

Aber es gab dann doch einmal noch eine technische Panne…
Ja, tatsächlich. Ein paar Tage später, bei einer anderen Live-Schaltung aus Ungarn vor einem Flüchtlingscamp, brach die Leitung während der Frage des Moderators plötzlich ab – weil mein Daten-Roaming-Paket in diesem Moment aufgebraucht war. Ich hatte zwar ein weiteres Daten-Paket auf Vorrat gekauft. Aber nicht realisiert, dass man die automatische Aktivierung eines neuen Pakets speziell einstellen muss. Auch bei der Konvertierung von Smartphone-Material ins TV-Format sind mir in der Hektik schon Fehler passiert. Die Redaktionsleitung der «Tagesschau» lässt mich trotzdem weiterhin gewähren, was ich sehr schätze.

Auch für CBC Canada haben Sie auf diese Art eine Live-Schaltung realisiert. Wie kam es dazu?
Das war meine bisher absurdeste Erfahrung mit dem Smartphone: Am WEF 2016 habe ich ein kurzes TV-Interview mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau gemacht. Mit professioneller Kamera-Crew. Die Agenturen haben das Interview verbreitet, und kurz darauf fragte ein Produzent des kanadischen Fernsehens CBC über Twitter, ob ich ihnen ein Interview geben könnte zu meinem Treffen mit Trudeau. Um zu schildern, wie ihr neuer Premier in Europa wahrgenommen wird. Ich müsse einfach um 22 Uhr abends mit dem Smartphone bereitstehen. Erst als es soweit war, habe ich gemerkt, dass ich direkt in eine Live-News-Show des Senders geschaltet wurde.

Und war da kein Kameramann verfügbar?
Doch. Am WEF hat es jeweils sehr viele Kameramänner und Live-Crews. CBC beharrte aber auf einem Gespräch mit dem iPhone via Facetime. Offenbar nützen sie Facetime regelmässig für Live-Schaltungen. Das hat praktisch jeder Journalist oder Experte auf dem Handy. Es sieht zudem mindestens so gut aus wie Skype und ist vor allem sehr günstig für den Sender.

Zurück zum Schweizer Fernsehen: Werden Sie für Ihre Arbeit mit dem iPhone belächelt oder bewundert?
Beides. Ich erhalte sehr viele positive Rückmeldungen von Kollegen die staunen, was man mit dem Smartphone alles hinkriegt. Ganz vereinzelt spüre ich auch Unsicherheit und Skepsis.

Was sagen Sie dann?
Ich habe dafür grosses Verständnis: Der Fernseh-Journalismus ist im Moment stark im Umbruch. Wir produzieren einerseits Video-Beiträge für grosse Flachbildschirme, andererseits auch für Tablets und Smartphones. Immer weniger Menschen schauen lineares Fernsehen. Und jüngere und ganz junge Menschen informieren sich kaum mehr über die klassischen TV-News-Angebote. Wir müssen unsere Inhalte möglichst attraktiv und schnell über ständig neue Kanäle an die Nutzer bringen. Wenn da nun plötzlich noch jemand mit dem Smartphone herumrennt und Beiträge macht, bricht verständlicherweise nicht gleich jeder in Begeisterungsstürme aus.

Sie gefährden den Job des Kameramanns.
Das sehe ich nicht so. Ich bin ein grosser Bewunderer von guter Kameraarbeit und arbeite sehr gerne mit tollen Kamera-Profis zusammen. Als Service-public-Unternehmen sind wir meiner Meinung nach dazu verpflichtet, den Zuschauern möglichst schöne und gute Bilder zu liefern – sei das am Fernsehen oder in Online-Beiträgen. Kameraleute sind für SRF unverzichtbar. Das Smartphone ist meiner Meinung nach nur ein ergänzendes Element, das in gewissen Situationen und für bestimmte Journalisten Sinn macht. Genau wie der Videojournalismus auch.

Aktuellste Beispiele sind ein Bericht über Drohnenkunst oder der Badi-Beitrag mit Unterwasseraufnahmen. Trotzdem würden Sie sich nicht als Mobile Journalist, auch so genannter «Mojo», bezeichnen. Warum?
Richtige «Mojos» sind für mich Leute wie der niederländische Journalist Wytse Vellinga. Wytse macht Radio-Beiträge mit dem Smartphone. Und realisiert gleichzeitig noch einen TV-Bericht, ebenfalls mit dem Handy. Oder der Norweger John Inge Johansen, der als Lokalkorrespondent für den Sender NRK seine Inhalte vorwiegend mit dem Smartphone produziert. Diese Entwicklung macht mir ehrlich gesagt auch etwas Sorgen. Ich glaube nicht, dass man mit dem Smartphone gleichzeitig Radio-, TV- und Online-Beiträge machen kann, und das alles noch in guter Qualität und inhaltlich seriös. Als Service-public-Unternehmen müssen wir meiner Meinung nach die Qualität von Inhalt und Form so hoch wie möglich halten.

Und trotzdem geben Sie beim Schweizer Fernsehen auch «Mojo»-Kurse. Welches ist Ihre Hauptbotschaft an die Kursteilnehmer?
Bei diesen Kursen geht es vor allem darum, den Kollegen die journalistischen Möglichkeiten ihres Smartphones bewusst zu machen. Man hat das Gerät immer dabei, und mit einigem Know-how kann man notfalls TV-taugliche Bilder damit filmen oder gar eine Live-Schaltung machen. Zudem können Smartphone-Bilder auch zusätzliche Perspektiven bieten – als zweite Kamera bei einer Interview-Situation beispielsweise. Viele von der Online-Abteilung sind ebenfalls sehr daran interessiert, die filmischen Möglichkeiten von Smartphones genauer anzuschauen.

Vor einem guten Jahr gab es in Dublin die erste «Mojo»-Konferenz, ein Treffen internationaler Mobile-Journalisten. Was konnten Sie von den ausländischen Kollegen lernen?
Beeindruckt hat mich, wie viele Journalisten weltweit das Potential von Smartphones als journalistisches Werkzeug ausloten. Eine Journalistin aus Nigeria beispielsweise hoffte, dass das Smartphone vielen afrikanischen Journalistinnen endlich ermöglichen würde, Geschichten im Video-Format zu erzählen und in die Welt hinaus zu tragen. Ohne teures Kamera- und Schnitt-Equipment. Wertvoll war auch der Gedankenaustausch mit Pionieren wie dem irischen Journalisten Philip Bromwell, der schon vor drei Jahren schöne Beiträge fürs irische Fernsehen RTÉ gefilmt hat, nur mit seinem iPhone.

Wo sind die Grenzen des Mobile Journalism?
Beim Filmen mit dem Smartphone gibt es zwei ganz grosse Hürden: Erstens der Workflow. Die Smartphones filmen mit einer Bildrate von 30 Vollbildern pro Sekunde. Dieses Format ist nicht kompatibel mit dem europäischen TV-Standard und muss mit Hilfe von teuren Geräten konvertiert werden. Es gibt zwar Apps, mit denen man beim Filmen etwas näher an unseren Standard kommt. Dadurch können aber wichtige Funktionen verloren gehen, wie die optische Bildstabilisierung.

Und die zweite Hürde?
Es braucht viel VJ- und Film-Know-how, dass die Beiträge einigermassen professionell wirken. Das Smartphone ist zwar einfach zu bedienen, ohne filmisches Know-how kann das Ergebnis aber schnell etwas peinlich wirken. Dazu kommt, dass die Qualität der Kamera und die Schnitt-Möglichkeiten auf den Smartphones immer noch viel Luft nach oben haben. Alles in allem ist das heutige Smartphone wohl so etwas wie das Schweizer Sackmesser des digitalen Journalismus: Nicht perfekt, aber sehr handlich. Und oftmals ganz nützlich.


Marcel Anderwert arbeitet seit über fünf Jahren als Reporter und Redaktor für die «Tagesschau». Zuvor war er Videojournalist bei TeleZüri sowie Reporter bei Radio 24 und Radio Top. Er wohnt im Zürcher Weinland, ist verheiratet und hat eine Tochter.



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Kommentare

  • Nemi Wildbolz, 29.09.2016 17:57 Uhr
    Klasse Interview! Nah am spannenden Joballtag von Anderwert und macht Lust darauf, sich selber mehr mit den filmischen Möglichkeiten eines Smartphones zu beschäftigen.
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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