"Oh, wie ist das schön hier!! Hier möchte ich bleiben und mit der Ewigkeit aus dem Spannteppich steigen oder doch eher mit dem Staub in ihm versinken?" Diese Zeilen stammen von Jürg Halter, besser bekannt als Kutti MC. Geschrieben hat er sie nicht in der privaten Studierstube, sondern im Tamedia-Gebäude. Über seinen Sätzen und Gedanken hat er nicht stundenlang gebrütet, sondern diese und alle folgenden Zeilen während zwei Stunden mit gelegentlichem Druck auf die Enter-Taste unmittelbar auf Newsnet veröffentlicht (vgl. Newsnet). Das Projekt, für das Halter in die Tasten drückte, nennt sich Live-Poesie. Das Kultur-Ressort von Newsnet hat sich das Phänomen Live-Ticker vorgeknöpft und in ihrem Projekt überraschend aus dem üblichen Kontext von Sport oder Mega-Katastrophen gelöst; gemeinsam erarbeitet haben die Projekt-Idee der stellvertretende Newsnet-Chefredaktor Michael Marti und der Kultur-Redaktor Linus Schöpfer.

Web ist ein anarchischer Raum
Schöpfer, der Projekt-Verantwortliche, betont, dass es sich dabei um ein Experiment handle. "Das Web ist ein anarchischer Raum, überall Fragezeichen und Unsicherheiten, die nicht zuletzt das Feuilleton betreffen. Wir müssen experimentieren." Der Poesie-Ticker sei ein solches Experiment und es scheine geglückt zu sein: "Das Leser-Interesse war im Durchschnitt jedenfalls merklich grösser, als es bei konventionellen Literaturthemen normalerweise der Fall ist."
"Mit ein Ziel war es, dem Publikum Einblick in die Literatur-Produktion zu geben, den Leser live und so nahe wie möglich an das literarische Schaffen zu rücken." Schöpfer musste dabei auf den Live-Ticker, der vor allem bei der Sport-Berichterstattung Verwendung findet, zurückgreifen. "Leider war es nicht möglich, jeden Tastendruck live abzubilden, das hätte den Live-Aspekt natürlich noch gesteigert und den Literaten auch davon entlastet, alle zwei Sätze ans Speichern denken zu müssen."
Live-Ticker verlangt nicht totale Aufmerksamkeit
Live-Poesie ist ein Format für Freaks: Wer hat tatsächlich Lust, zwei Stunden vor dem Bildschirm zu hangen, um hin und wieder literarische Live-Botschaften von Jürg Halter, Endo Anaconda, Oskar Freysinger, oder Thomas Meyer zu erhalten? Andri Perl, der als Autor am Projekt ebenfalls teilgenommen hat, meint: "Ich nehme nicht an, dass die Leserschaft sich zwei Stunden lang ausschliessich mit meiner Textproduktion beschäftigt hat. Da waren wohl auch noch andere Fenster offen."

Schöpfer betont, dass eine zweistündige Vereinnahmung des Lesers auch gar nicht der Anspruch war: "Das Live-Ticker-Format ist eher für das Nebenher geschaffen. Die Leser haben die Möglichkeit, sich zwischendurch wieder einzuschalten, zu schauen, wie die Geschichte nun weitergegangen ist. Am Schluss können sie auf Newsnet den ganzen Text lesen." Doch macht es überhaupt Sinn, unter diesem Live- und Originalitätsdruck Literatur zu produzieren. Perl meint dazu: "Prinzipiell erachte ich Schreiben nicht als einen spontanen Akt. Der künstlerische Gehalt der Texte ist natürlich eher weniger gross. Man arbeitet mit ersten Ideen, Gedanken, ohne die Möglichkeit zu haben, an den Texten zu schleifen."
Schöpfer dazu: "Hektik, Zeitdruck, Newsroom-Buzz: Die Verschärfung der Produktionsbedingungen ist ein zentrales Merkmal unseres Experiments. Welche Texte entstehen, wenn die Autoren aus dem vertrauten stillen Kämmerlein herausgerissen werden?" Dieses gewollte Herausreissen aus Schreibgewohnheiten stehe zudem durchaus in einer gewissen literarischen Tradition, wie Schöpfer auf die "écriture automatique" der Surrealisten hinweisend meint.
Den Autoren und "Breitbild"-Rapper Perl faszinierte vor allem das sportliche Element: "Für mich war es spannend, zu sehen, was ich in zwei Stunden zustande bringe und jetzt zu sehen, wie andere Autoren an die Sache ran gehen. Dass der Satzanfang vom Vorgänger vorgegeben wird, finde ich eine gute Idee. Sie unterstreicht das Spielerische. Gleichzeitig kann er dem Format aber auch eine positive Wirkung auf die Sprache abgewinnen: "Man gerät in eine leichtes Erzählen, formuliert keine wahnsinnigen verklammerten Sätze das führt dazu, dass sich die Texte live, zum Vorlesen sehr gut eignen."
Gestandene Literaten scheuen das Risiko
Für Schöpfer stellte vor allem die Rekrutierung von arrivierten Schweizer Literaten eine Schwierigkeit dar. Die Alten sind skeptisch und lassen sich kaum dazu bewegen, unter diesen für sie ungewohnten Produktionsbedingungen literarisch tätig zu sein. Manch einer wird wohl noch mit langer Feder und Tintenfass am Pult sitzen oder die Hermes Baby noch nicht ausser Betrieb genommen haben allein schon der Gedanke an ein solches Live-Schreibformat dürfte bei dieser Autoren-Gilde Angst und Verkrampfung auslösen. Natürlich wünschte man sich aber gerade, dass sich Autoren wie Adolf Muschg oder Peter Bichsel, der die Langsamkeit seit Jahrzenten zelebriert, dieser Schreibsituation aussetzen würden. Schöpfer sieht das nicht anders: "Klar, ein Bichsel oder Stamm wäre toll gewesen. Wir haben viele ältere Semester der Schweizer Literaten angefragt, aber die meisten winkten ab; das Risiko war ihnen wohl zu gross, das Medium zu fremd."

Der Projekt-Verantwortliche ist trotzdem zufrieden: "Wir haben einen guten Mix gefunden, mit Autoren wie Halter und Meyer, Perl und Brugger, Freysinger und Anaconda grundverschiedene Persönlichkeiten mit unterschiedlichem Alter und unterschiedlichen Schreibstilen gewonnen." Wie er weiter ausführt, war es durchaus mit eine Absicht des Literatur-Experiments, auch jungen, noch weniger bekannten Autoren, eine Plattform zu geben. Der alte Hase Endo Anaconda leistete vergangenen Freitag als zehnter Teilnehmer den vorerst letzten Beitrag zur Live-Poesie. Schöpfer bleibt allerdings dran und kann sich gut vorstellen, auch in Zukunft mit Literatur und Live-Ticker auf Newsnet weiterzuexperimentieren.
Die gesammelten Live-Poesie-Experimente sind unter tagesanzeiger.ch einsehbar.
Text: Benedict Neff, Bilder: Newsnet

