Herr Gysling, vor 15 Jahren gründeten Sie zusammen mit Ruedi Bless "Background Tours". Wie geht es dem Unternehmen?
Im Prinzip gut - wobei "im Prinzip" heisst: politische Umwälzungen wie jetzt im Nahen und Mittleren Osten schaffen uns natürlich Probleme. Wir können Syrien zur Zeit nicht anbieten, auch Jemen schon seit längerer Zeit nicht. Nach Iran kann man immer reisen, nach Ägypten könnte man auch - aber die Leute sind da sehr zögerlich.
Wie gewährleisten Sie in politisch unruhigen Ländern die Sicherheit der Touristen?
Im Iran beispielsweise checke ich via Facebook etc, wo und wann allenfalls eine Demonstration stattfindet (zur Zeit gibt's da allerdings keine Kundgebungen). Dann umfahren wir die entsprechenden Strassenzüge und Plätze. Mehr ist nicht vonnöten.

Vom Vollblut-Journalisten zum Reiseleiter. Weshalb wollten Sie damals weg vom Journalismus?
Ich wollte gar nicht weg vom Journalismus, sondern bin ja nach wie vor journalistisch tätig. Ich wollte aber damals etwas Neues in Angriff nehmen und den Fix-Vertrag beim Fernsehen verlassen. Dann hatte ich die Idee, journalistische Erfahrungen in eine Nische der Reisebranche einzubringen.
Ihre Spezialität sind Studienreisen für Menschen, die sich für aktuelle, internationale, aber auch kontroverse Themen und politische Entwicklungen in besonders attraktiven Ländern interessieren. Wer sind Ihre Kunden?
Menschen, die sich für das interessieren, was unser Firmenname besagt, nämlich Hintergrund-Wissen vermittelt zu bekommen. Ich halte normalerweise während der Reisen täglich ein Referat von vielleicht 30 bis 45 Minuten während des Tages. Am Abend diskutieren wir über "Gott und die Welt". Was die "attraktiven Länder" betrifft: Ja, attraktiv sind sie alle, und sie gelten oft als "schwierig", zumindest für Menschen, die sonst individuell reisen. Das gilt für die überwiegende Mehrheit der "Background"-Kunden. Und schwierig wiederum kann heissen: sprachlich schwierig, schwierig beim Versuch, die Mentalität, die Wertevorstellungen zu verstehen. Darüber hinaus, was das Kunden-Profil betrifft: mehrheitlich sind es Menschen im Alter über 50.
Wie wichtig ist Werbung?
Mehrheitlich läuft das über Mund-zu-Mund-Propaganda, ausserdem durch unsere eigene Publikation "Background News", die wir drei Mal pro Jahr herausgeben. Erst als Ergänzung kommt Werbung in Zeitungen zum Einsatz. Das Internet mit unserer Website spielt eine allmählich wachsende Rolle, aber es ist - für mich übrigens erstaunlich - immer noch relativ marginal.
Als Reiseleiter amten jeweils Experten aus verschiedenen Bereichen, darunter viele Journalisten. Nach welchen Kriterien suchen Sie diese aus?
Wir haben Journalisten, aber auch Persönlichkeiten mit anderem beruflichem Hintergrund: Islamfachleute, Thomas Bucheli als Meteorologe und für Natur-Reisen Zoologen oder Verhaltensforscher. Die Kriterien? Kommunikationsfähigkeit und Kompetenz, und die Fähigkeit, auch komplexe Vorgänge allgemein verständlich und doch korrekt zu vermitteln.
Auch Sie selbst begleiten Reisen. Was reizt Sie am Job des Reiseführers?
Es ist im Grunde "gesprochener Journalismus". Ich teile mündlich mit, was man auch schriftlich für eine Publikation formulieren könnte. Während der Reisen hat man mehr Zeit, kann also mehr in die Tiefe gehen. Das ist sehr schön. Und ausserdem organisiere ich auch ganz gerne das, was bisweilen vor Ort (obwohl wir da ja immer lokale Reiseleiter mit dabei haben) noch organisiert werden muss. Schlicht und einfach kommt hinzu: Ich reise eben sehr gern und lerne bei jeder Reise - auch in Ländern, die ich längst kenne - immer noch Neues hinzu.
Wann sind Sie als Reiseleiter mit sich selbst zufrieden?
Nun, ich masse mir ja nicht an, Reiseleiter im klassischen Sinn zu sein. Diese Aufgabe übernehmen, wie erwähnt, die Lokalen. Die sind auch viel besser befähigt als ich, beispielsweise kulturgeschichtliche Zusammenhänge zu schildern. Ich konzentriere mich mehr auf die Hintergründe zur Aktualität und auf Zeitgeschichte. Ich bin zufrieden, wenn die Kunden zufrieden sind!
Was für Länder faszinieren Sie besonders?
Die Länder des Nahen Ostens, Iran, Zentralasien. Ich studierte ja auch einmal Arabisch, lernte später noch Persisch und Zentralasien ist mir auch aufgrund meiner ehemaligen Tätigkeit als Korrespondent innerhalb der ehemaligen Sowjetunion vertraut. Zu diesem Raum hinzu kommen einige Teile Afrikas - auch da habe ich aufgrund meiner journalistischen Arbeit relativ viel Erfahrung.
Wie oft im Jahr gehen Sie auf Reisen?
Ich unternehme im Durchschnitt fünf bis maximal sechs Reisen zu etwa zwei Wochen.
Wohin geht die nächste Reise?
Meine nächste Reise geht, Ende November, nach Ostafrika. Dann habe ich in der ersten Märzhälfte eine Iran-Reise auf dem Programm.
Und dann folgt eine Reise nach Istanbul, wo Sie mit Werner van Gent und den Teilnehmern das Thema "Von der 'Arabellion' zur Demokratie"? diskutieren.
Genau. In Istanbul führen wir ein veritables Seminar durch: Referate durch Korrespondenten, Diskussionsrunden, erst am Nachmittag jeweils einen Ausflug. Wir realisierten Ähnliches ja schon zwei mal, eine Nahost-Runde in Muscat und eine Runde zum Themenkreise Europa und Umbruch in der arabischen Welt im letzten Frühjahr in Athen. In Istanbul hängen wir dann noch ein fakultatives Ergänzungsprogramm an: Mit Werner van Gent nach Usbekistan oder mit mir nach Iran.
Was steht auf den "Background Tour"-Reisen jeweils im Vordergrund? Die Unterhaltung oder die Information?
Das ist sehr unterschiedlich. Wir suchen immer einen Mix von Information und Erleben. Mit anderen Worten: Mit Ausnahme des Seminars in Istanbul im kommenden April handelt es sich da um Reisen, welche die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch als Ferien erleben können.
Fühlen Sie sich auf den Reisen eher als Tourist oder als Einheimischer?
Natürlich bin ich kein Einheimischer. Ich bin ein interessiert Lernender. Ich reise übrigens nur in Länder, deren Sprache ich kann. Kisuaheli lernte ich gezielt im Zusammenhang mit Reisen nach Ostafrika. So kann ich mich auch mit den Menschen des Landes verständigen und unterhalten. In Zentralasien geht nur mein Russisch, denn ich kann weder Usbekisch noch Turkmenisch. Aber in allen Ländern der Region ist Russisch nach wie vor sehr verbreitet, ist eigentlich überall die noch immer verbindende Sprache.

Was haben Sie immer dabei auf Ihren Reisen?
Einen Dictionnaire für die entsprechende Landessprache.
Was für Schweizer Medien konsumieren sie, wenn Sie auf Reisen sind?
Zu den Printmedien habe ich ja nur dort Zugang, wos einen Laptop, ein Internet gibt. Also schalte ich mich dort ein, wann und wo immer das möglich ist. Dann habe ich meistens auch einen Kurzwellen-Radioempfänger mit dabei. Nur bekomme ich da leider keine Nachrichten aus der Schweiz mehr - man hat ja "Radio International" aufs Internet zurückgestutzt. Also verfolge ich das Weltgeschehen eben via BBC, France inter etc.
Auf was freuen Sie sich jeweils zurück in der Schweiz?
Auf meine Frau, auf die Katzen, auf mein Cembalo, auf die Freunde, auf Konzerte, das Kulturleben insgesamt.
Interview: Corinne Bauer.

