19.09.2019

Weltwoche

Rico Bandle veröffentlicht Interna-Text

Kulturchef Rico Bandle schreibt über seine acht Jahre bei der «Weltwoche». Dass Roger Köppel aktiv Politik macht, habe «bestimmt Einfluss auf die Wahrnehmung des Blatts». «Da müemer Gägestüür gää», sei das geflügelte Wort der Redaktion.
von Edith Hollenstein

Unter dem Titel «Mein Weltwoche-Tagebuch – Acht Jahre in der Höhle des Löwen» schildert der abtretende Kulturchef Rico Bandle anschaulich, und teilweise auch kritisch, seine Zeit beim Blatt von Roger Köppel.

Bandle, der zu Tamedia wechselt und für die «Sonntagszeitung» schreiben wird (persoenlich.com berichtete), beschreibt, welchen Aufwand Köppel betrieben hatte, um ihn zum Start bei der «Weltwoche» zu bewegen. Auf der Redaktion an der Förrlibuckstrasse in Zürich sei er dann mit «offenen Armen empfangen» worden. «Offensichtlich war es nicht einfach gewesen, jemanden zu finden, der bei der ‹Weltwoche› das Ressort übernimmt. Zu gross ist wohl die Angst der meisten Kulturjournalisten, von der ideologisch homogenen Kulturszene ausgeschlossen zu werden», schreibt Bandle.

«Auf höchstem Adrenalin-Level»

Eine ungewöhnliche Phase sei gewesen als die «Weltwoche» mittels Recherchen des legendären Bundeshaus-Journalisten Urs Paul Engeler den SVP-Bundesratskandidaten Bruno Zuppiger stürzte. Auch dass die «Weltwoche» den damaligen Nationalbankpräsidenten Philippe Hildebrand «vom Sockel holte», habe für grosse Aufregung gesorgt. «Es waren Wochen voller Geheimsitzungen, nervösen Chefs, ständigen Besuchen von Kamerateams auf der Redaktion. Journalismus auf höchstem Adrenalin-Level».

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Bandle geht in seinem Abschiedstext auch auf die Nationalratskandidatur von Roger Köppel ein. Köppels Ankündigung für die SVP nach Bern zu gehen, sei in der «Weltwoche»-Redaktion auf grosses Unverständnis gestossen. Das sei jetzt, vier Jahre später, bei Köppels Kandidatur für den Ständerat, intern kein grosses Thema mehr, «obschon die Vorbehalte gegenüber der Vermischung von Politik und Journalismus nicht kleiner geworden sind».

Dass Köppel plötzlich aktiv Politik machte, habe «bestimmt Einfluss auf die Wahrnehmung des Blatts», schreibt Bandle, ohne näher auf die Auswirkungen einzugehen. Für die Autoren sei aber «glücklicherweise alles beim Alten» geblieben. «Journalismus, so wie ich ihn mir vorstelle, ist ein grosses Abenteuer, der beste Beruf der Welt. Und die ‹Weltwoche› gehört zu den Blättern, die diese Art von Journalismus nicht nur zulassen, sondern auch fördern. Alles ist möglich», schreibt Bandle.

Intellektuellenszene wendet sich ab

Der 43-Jährige, der in den acht Jahren über 800 Artikel für die «Weltwoche» verfasst hatte, beschreibt, wie die Formulierung «Da müemer Gegestüür gää» zum geflügelten Wort der Redaktion wurde. Und dass Roger Köppel jeweils «mehr Strom» im Blatt fordert.

Zudem beleuchtet er die Vorbehalte gegenüber ihm als Journalist des Köppel-Blattes: «In der Kultur- und Intellektuellenszene gab es zwar tatsächlich Exponenten, die aus ideologischen Gründen nicht mit mir sprechen wollten, dies war aber eine kleine, wenn auch lautstarke Minderheit», schreibt Bandle.

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Ob Lukas Hartmann (Gatte von Bundesrätin Simonetta Sommaruga), E. Y. Meyer, Eveline Hasler, Sam Keller, Claude Cueni, Thomas Hirschhorn, Sylvie Fleury, Robert Hunger-Bühler, Rüdiger Safranski oder Rolf Hochhuth, mit allen habe er grosse Geschichten gemacht. «Nicht selten kam es vor, dass jemand aus dem linken Kultur- oder Medienmilieu heimlich zu mir kam, um mir über einen ‹Skandal› in der eigenen Szene zu erzählen, über den ich berichten solle. Ich fragte dann: ‹Weshalb schreibst du das nicht selber? › Die Antwort war fast immer dieselbe: ‹Ich kann nicht, aber du . . . ›».



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Kommentare

  • Hanspeter Bürgin , 19.09.2019 16:22 Uhr
    Weshalb geht Rico Bandle denn zu Tamedia, wenn es bei der Weltwoche so toll war?

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